Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1869
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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— 34 — ist mir noch jetzt Alles sehr lebendig, well ich mich damals durch so vieles, was ich sah und hörte, auf das Innigste gerührt fand. Der lebendige Eiset und die unermüdete Sorgfalt für ihre Anstalt, welche ich überall bei den Vorstehern wahrnahm, die große Theilnahme, welche alle, und die verständige Theilnahme an der Prüfung, welche mehrere unter den Anwesenden ihrer Nation bewahrten, die (Gründlichkeit in Kenntnissen und die Geschicklichkeit in der Methode, welche der Lehrer, der damals hauptsächlich auftrat, Herr Levi, zeigte, und die Fortschritte der Schüler, welche für die kurze Zeit ihres Unterrichts sehr bedeutend waren, dieses alles war es, was mich so sehr ergriff und woran ich mich jetzt noch so bestimmt und so gerne erinnere. Jene Prüfung betraf außer dem Schreiben und Rechnen besonders die hebräische und die deutsche Sprache, und ich fand, daß jene Sprache hier auf eine solche Weise gelehrt und gelernt wurde, wie es für die Entwicklung und Uebung der Geisteskräfte des Lernenden sehr bedeutende und wohlthätige Folgen haben mußte; in der deutschen Sprache aber war der Unterricht so gründlich gegeben und gesaßt worden, wie man wünschen möchte, daß es in vielen unserer Schulen geschehe. Auf solchen Erfahrungen und Ueberzeugungen gründet sich meine Hoffnung, daß diese Anstalt nach und nach und unter fernerer weiser Leitung und bei stetem Festhalten an solchem gründlichen und wahrhaft bildenden Unterricht, für die hiesigen jüdischen Einwohner und ihre Fortschritte in Kenntnissen und Bildung sehr bedeutend und wohlthätig werden wird. Diese Hoffnung möge meinen Wunsch rechtfertigen, daß dieser Anstalt von Seiten der Obrigkeit aller Schutz und alle Unterstützung zu Theil werden möge, die sie zu ihrem Bestehen und Gedeihen bedarf, welches sie nach Allem, was ich damals gesehen, in hohem Maaße würdig ist, und welche sie sich auch gewiß durch alles das, was seitdem geschehen ist, noch mehr zu verdienen gesucht haben wird. Frankfurt a. M., 22. Nov. 1805. U. C. K W. Wasche, des Gymnasii Conrector. Beilage 4. Circular zu einer Subscriptionsliste, welche dem Herrn Moritz von Bethmann dahier übergeben wurde und zwar auf dessen Verlangen, um selbst sich damit zu beschäftigen. Das große unnatürliche Mißverhältniß, in welchem die Juden in Europa leben, besteht darin, daß sie seit Jahrhunderten ein eigenes, durch Sitten, Lebensart und Verfassung von der übrigen Welt isolirtes Volk, einen eigenen Staat im großen Staat bildeten. Die Grundursache dieser Absonderung liegt wohl darin, daß die Juden von allen bürgerlichen Gewerben ausgeschlossen, auf den einzigen Erwerbszweig des Handels eingeschränkt waren, eine Lebensart, die ihnen so wenig Berührungspunkte mit den übrigen bürgerlichen Weltverhältnissen gestattete und ihrem Sinne eine ganz andre Richtung gab. Diese Mißverhältnisse können und dürfen nicht ewig dauern: was die Zeit geschaffen, muß auch die Zeit wieder lösen. Soll aber dieses Uebel in der Wurzel geheilt werden, so kann es nur durch die Erziehung der heranwachsenden Generation geschehen, indem man diese der Welt und dem bürgerlichen Leben wieder gibt. Es sind nun bereits 6 Jahre, daß wir durch Errichtung einer solchen Schule (des jüdischen Philanthropins) diesem edlen Zweck nachgestrebt haben. Der gute Erfolg belohnt dieses edle Streben: acht arme Zöglinge sind bereits aus dieser Schule getreten und als Handwerker in die Lehre gekommen.