Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 14-15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ijar 5675! XX. Jahrgang. Ausweis Schekel 1915: Berlin 1, , ״Hebronia“ 1, Danzig 1, , Frankfurt a. M. 9, , Gelnhausen 2.- , Kiel 2, , Karlsruhe 41, ־, Mannheim KM), , Sie״- hur7 ״, , Stolp 10, Würzburg 5,—, aus dem Felde 4, , Varel 7,״-. Landesbeiträge 1915: Berlin (״Hebronia“j 2, , Breslau 50, , Danzig (Einzelbeitr. 3, , Frankfurt a. M. '4, , Kiel 1, , Katibor (Einzelbeitr. 4, , Stolp 20, , Varel 13,-—, aus dem Felde 7,--. Propagandafonds 1915: Berlin: Unteroffiz. Dr. Alfr. Maaß 20,; Cöln: Justiz.rat Dr. Bodenheitner 50, , Hedwig Bahr (1. Rate- 5, (erhöhter Beitrag); Glogau: Dr. Ä. Scheuer 10,; München: Jac. Frankel 10,; Ratibor: Hugo Marcus (Sonderbeitrag 22,; aus dein Fehle; Dr. M. Ascher-Berlin 20, , Dr. Fritz Müllerheim-Stolp (2. Rate 5, , Krgsfrw. Bruno Powitzer 5,- , Unterarzt Silberbach (3. Rate- 29, , Karl Sundheimer 5, , Unteroff. Lew 5, , Dr. Albert Eisberg-Lichtenberg 5, . Div. Spenden: Prag 1, . Eingang vom 24. März bis 13. April: Schekel 1015: 193,- M.; Landesbeiträge 1015: 109, Mark; Propagandafonds 1915: 183, M. Gesamteingang: Schekel 1915: 874, M.. L a 11 d e s b e i t r ä g e 1915: 1271, M.; Propagandafonds 1915: 5118, M. Die judenfrage Polens Von Leo Rosenberg*) Die Wortführer der assimilatorisch-radikalen, partiktilaristisch-orientierten Auffassung des polnisch-jüdisehen Problems sind im allgemeinen um theoretisch-dialektische Auskunftsmittel nicht verlegen, ln der Vergewaltigung und Verdrehung׳ historischer Tatsachen und in der Kunst der Vertuschung und Verschleierung unliebsamer Zustände und Sachverhalte ist ihre Meisterschaft unbestritten. Ihre mit Vorliebe geübte ausweichende Methode und ihr in Theorie wie in Praxis ausschlaggebender unverwüstlicher Opportunismus geben ihnen tatsächlieh die uneingeschränkte Möglichkeit, mit gegebenen Tatsachen und Erscheinungen nach Belieben schalten und walten zu können. Die polnisch-jüdische Frage als eine ״rein innere autonome“ hinzustcllcn, fällt ihnen bei ihrer Gewandtheit im Subtrahieren und Abstrahieren nicht schwer. Durch eine geschickte Zäsur wird der historische Prozeß in •eine Reihe von Einzelheiten aufgelöst und die inneren Zusamrnenhänge zwischen diesen werden aufgehoben. Viel schwieriger aber stellt es sich, wenn es nicht nur einen Sachverhalt objektiv zu bestimmen, sondern auch zu erklären gilt. Dann tritt die ganze bemitleidenswerte Hilflosigkeit der sonst wort- und phrasenreichen ״Politiker“ klar zutage. Es gilt, die unleugbar bestehenden, seit dem Anfang dieses Jahrhunderts und besonders seit der letzten russischen Revolution von 1905/06 immer schärfer hervortretenden polnisch-jüdischen Gegensätze ins richtige Licht zu rücken, auf ihre wirkliche Triebfeder zurückzuführen. Mit dem Schlagwort ״Antisemitismus“, den unsere westlichen Assimilationskreise als Universaischliisscl zu gebrauchen wissen, ist gerade in bezug auf die polnischen Verhältnisse nicht viel anzufangen. Denn die Tatsache mag sehr merkwürdig und auffallend erscheinen, sie ist doch wahr: jener religiös und kulturell gefärbte Judenhaß, wie er im Westen immer vorherrschend war und den eigentliehen Inhalt des hier geprägten, nunmehr allerdings stark ausgeleerten Begriffs ״Antisemitismus“ ausmacht, ist den Polen während des ganzen Mittelalters und der Neuzeit, bis etwa auf die letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts, wo er vereinzelt liier und da in Erscheinung tritt, im Grunde genommen aber *J Vgl. die beiden vorangegangenen. Artikel in der ״Jüd. Rundschau“ vom 5. und 26, März d. J. ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer äffendlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina." Baseler Programm, bis heute fremd geblieben. Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch den ״berühmten“, heute freilich langst überholter J a 11 Jclenski wohl zum ersten Male der Versuch gemacht wurde, eine regelrechte judenfeiiidliclie Bewegung in Polen ins Leben r׳> rufen, wurde /.war auch ein Kulturlind Rassenantiseinitismus nach bewährten Mustern propagiert, in der Hauptsache aber bediente sich der Herausgeber der ״Kola“ höchst reale!, den konkretesten Erscheinungen des polnischen Wirtschaftslebens entnommener Argumente. Der Kampf gegendie jüdische Wirtschaftsstellung war es, der gepredigt wurde. ,,Die Juden sind unsere Mitbürger, Kinder desselben Landes, er wolle aber nur in der polnischen Gesellschaft die Bestrebung wecken, das in Jahrhunderten ernporgewachsene jüdische M o n o p 0 1 im Handel zu ■vernicht e 11“, schrieb damals Jclenski in seiner berüchtigten Schrift: ״Juden, Deutsche und wir Polen“. Aber diese Bestrebungen blieben erfolglos, ln den breiten Volksschichten fanden sie kein Verständnis, vielmehr erregten sie den Unwillen ai:er führenden politischen und intellektuellen Kreise dm polnischen Gesellschaft. 1 b**»r denjenigen, die-dem •' <* 1 e ח « k ־>־ ׳het1 Treiben am schärfsten entgegengetreien sind, befanden sich auch Persönlichkeiten wie der verstorben!• Boieslaw Pruß und Alexander Swic ntocliovvs k 1, die Wortführer des polnischen Antisemitismus von heute! — Auch die beiden gegenwärtig das politische Leben Polens beherrschenden Parteien, die ״Nut ion al d cm ok ra t i e“ (״Narodowa Demokracja“) und die ״F 0 r t s c 111־ i 111 i e 11 e 11“ (״Postemp“), die jetzt in der Propaganda des Judenhasses um die Wette eifern, waren ursprünglich keineswegs judenfländlich, ja die letztere geradezu judenfreundlich. In dem Parteiprogramm der ״Nationaldeinokraten“ vom Jahre 1896 wird nicht einmal die Assimilation der Juden ausdrücklich gefordert. ״Die Juden, die nicht im Besitz eines abgegrenzten Territoriums sind und in gröllerer oder geringerer Zahl unter den Polen leben, werden von der natioiialdemokratischen Partei als Volk im politischen Sinne nicht anerkannt. Die Partei ist gegen jede politisch-organisatorische Be- Strebung der Juden, mul den Juden die freie Wahl lassend, sich kulturell den Polen zu assimilieren oder nicht, fordert die Nationaldemokratie von den Juden die unbedingte Abhängigkeit von den polnisch-natioualen Interessen.“ Die ״Fortschrittlichen“ waren vor dem Ausbruch und der Niederwerfung der russischen Revolution, als sie noch alle ihre Hoffnungen auf die freiheitlichen Elemente des russischen Volkes setzten und mit denselben Hand in Hand gingen, den Juden durchaus gewogen. Später, im Jahre 1910, wird in einer unter dem Einfluß N i e m o j c\y s k i s stehenden öffentlichen Stellungnahme zur Judenfrage an der Gleichberechtigung der Juden festgehalten, aber nur 11 m d e!1 Preis e i n c r v ö 11; - gen Assimilation. Man bekämpfte mir die rie- Strebungen einer selbständigen politischen Organisation der Juden Polens*). Es gab eine Zeit, und ') Die Resolution sei hier wörtlich angeführt: 1״. Der Verband betrachtet die Juden nicht als eine selbständige ״Nation“, sondern als eine religiösvölkische Gruppe, für die die politische und kulturelle Assimilation der einzige Weg sei, aus dem Ghetto hcrauszukommen und sich der europäischen Kultur anzuschließcn und die Gleichberechtigung zu erlangen. Der Jargon kann nicht als eine nationale Sprache angesehen werden. 2. Assimilation ist eine notwendige Vorbedingung eines friedlichen Zusammenlebens von Juden ' und Polen. Die jüdische und die polnische Gesellschaft haben die Pflicht, jene jüdische Gruppen zu bekämpfen, die die Prinzipien des nationalen Egoisrnus verbreiten . . . Die verpolnischten Juden bedie haben noch die Jüngsten unter uns initerlebt, da sieh die [Klinische Intelligenz und polnische Schriftsteiler und Politiker auf die Tatsache, daß Polen von den Erscheinungen des Judenhasses freigeblieben ist, nicht genug zugute halten konnten. Seil etwa dem Anfang des zweiten Dezenniums dieses Jahrhunderts ist min in dieser Hinsicht eine überraschende W andluiig eingetreten. Es entstand ganz, spontan und mich der ideellen Seite eigentlich völlig unmotiviert eine j u d e 11 f e i 11 d I i c 11 e S t r ö m u 11 g von einer elementaren Wucht, wie sie in der Neuzeit bisher noch nirgends zutage getreten ist. Alle Volks schiebteil, vom feudalen Hochade! bis zum Kleinbauern und vom freidenkenden Intellektuellen bis zum obskursten Dorfkaplaii wurden von der sich über das ganze!.and ergießenden Giftflut des Judenhasses fortgerissen. Es hatte fast den Anschein, als wollten die Polen an Judenhaß und Verfolgung in kurzer Zeit alles nacbholen, was sie während vieler Jahrhunderte versäumt haben. Das Merkwürdige aber an dieser neuentstandeiien antisemitischen Bewegung ist, daß sie von Anfang an einen ausgesprochen ״praktischen“ Charakter trug. Man kämpfte gegen die Juden nicht mit Worten, sondern mit Taten. Dieser ״Antisemitismus der Tat“ trat vor allem und wesentlich auf wirtschaftlichem Gebiete in Erscheinung. Während der tollgewordene Mob der ״N a t i o ־ n a 1 d e m 0 k r a t i e“, von einem 1 )emagogtm;tilgefuhrt, der selbst m der an charakterlosem Strebertum und nichtswürdiger Korruption so ubciaus reichen polnischen Geschichte ziemlich einzig dasteheti dürfte, i:11 Kampfe *״gen die Juda! vo: k - i r. e :« GeV.'alt• mittel Totschlag und Mordbrennerei nicht ausgenommen ■ , mehr zurückseheute, predigte die Fortschrittspartei mit aller Energie einen unerbittlichen wirtschaftlichen Vernichtungskampf gegen die Juden Polens. Bereits im Jahre 1912 schreibt das offizielle Organ des ״Fortschritts“: ״Alle Zwei g e der 1 n d u s 11־ i <׳ u n d d es Handels, w eich e g e g e n w ä r t i g in jüdische n H ä n - den sind, m üssen in polnische überg e h e 11, Das ist unsere L o s u ti g für das zwanzigste Jahrhundert!‘‘ Und in einer auf der Parteikonferenz von 1913 einstimmig angenommenen Resolution wird deutlich gesagt, die Assimilation sei bankrott und zur erstrebten Polonisiertmg der Städte sei es notwendig, die polnische Industrie, den polnischeii Handel und die Cienossenschaftsbcwegung zu unterstützen und die jüdischen Waren zu boykottieren, um so den Boykott zu einer Art inneren Schutzwalls für die polnische Industrie zu gestalten. Was auf diesem Gebiete tatsächlich geschehen ist, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Eine fast unübersehbare Reihe von Organisationen und Institutionen ökonomischer Natur ist zu dem Zwecke geschaffen worden, die wirtschaftliche Position der Juden gewaltsam zu erschüttern. Die organischen Zusammenhänge zwischen der gegenwärtigen judenfeindlichen Bewegung in Polen und einem (von uns bereits geschilderten) elementaren ökonomischen Entwicklungsprozeß liegen so offen und klar, daß man schon mit Blindheit geschlagen sein müßte, um sie nicht wahrzunehmen. Die Erscheinutigen eines wirtschaftlichen Antisemitismus sind ja auch im Westen nicht unbekannt geblieben, feierte doch auch in Deutschland der Judenhaß seine höchsten Triumphe in der den Griimlerjahren folgenden Krisis trachten wir als Brüder, die Abgesonderten als Fremde, und, unter gewissen Umständen, als Feinde. 3. Kulturelle Assimilation mit kulturellen Mitteln. 4. Freiheit des Glaubens und Gewissens, aber Bekämpfunjr von Fanatismus und Vorurteilen, die die Assimilation stören. 5. Verringerung der jüdischen Not durch Unter- Stützung der Emigration, der ökonomischen Entwickluug Polens und der Bemühungen zur Abschaffung des Anstcdlungsrayons. 0. . , . Die Polen werden cs niemals erlauben, ihr Land in zwei gleichberechtigte Organisationen eines polnisch-jüdischen Verbandes zu teilen und werden immer Kraft genug besitzen, solche Bestrebungen zu bekämpfen.“