Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 14-15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14/15 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Seile 1 > 7 Erlebnisse in jüdischen Kolonien Der Dichter Alfons Paquet hielt am ־_>!. Märe im Preußischen Abgeordnetenhaus den Schlußvortrag in dem Zyklus von Vorträgen, den das Kartell Jüdischer Verbind u n g e n zugunsten des Rote n H a Ibmondes veranstaltete. Er sprach über ״Erlebn i s s e in jüdischen Kolonien“. Er knüpfte daran an, daß heute, wo gleichsam die ganze Menschheit sich auf ein neues Zeitalter vorbereitet, auch die seit einigen Jahrzehnten an Palästina geknüpften jüdischen Erwartungen an Boden gewinnen, und daß auch ein großer Teil der Christenheit die Erscheinung des jüdischen Zionismus mit Erwartungen und tiefen Sympathien begleitet. Mit dichterischlebendiger Kraft schilderte er Palästina mit seinen Gegensätzen von erhabener und strenger Oede und üppiger Lieblichkeit, die hügelige Stadt Jerusalem mit ihren engen Gassen und dem unendlieh weiten Ausblick von der Zinne ihrer Häuser, die Berge Palästinas mit ihren vulkanischen Formen, steinigen Abhängen, die Erdsenke am Jordan und die Ebenen mit ihren alten und neuen Siedlungen. Der Hauptteil des Vortrages beschäftigte sich mit dem jüdischen Landbesitz in Palästina, der seine Entstehung den zionistischen Kolonisationsbestrebungen der letzten Jahrzehnte verdankt. Besonders interessant war die Schilderung des nationalen jüdischen Volksfestes in der Kolonie Rechoboth, das Paquet am Vorabend des Peßachfestes vor zwei Jahren mitfeierte. In anschaulicher Schilderung führte der Redner den Charakter der jüdischen Kolonien R i s c h o n 1 e - Z i o n und P e t h a c h - T i k \v a h vor, in denen die jüdische Kolonisation regstes Leben und wachsenden Wohlstand hervorgerufen hat. Herr Dr. Paquet, der sich von Dr. R 11 p p i n sachverständige Informationen geholt hatte, konstatierte in seinem Vortrag, daß die Kolonie P e t h a c 11 - T i k w a 11, die zuerst dem jüdischen Fiskus eine Steuerleistung von 60 M. brachte, nunmehr ca. 68 000 M. Steuern abführt. Die Schwierigkeiten der Kolonisation sind nicht gering, aber sie werden durch das großzügige Arbeiten der zionistischen Organisation übenvunden, die sich in ihrer Bank, in der Landentvvicklungs- und in der Immobilien-(iesellschaft, im Jüdischen Nationalfonds und in zahlreichen landwirtschaftlichen, wissenschaftlichen und industriellen Unternehmungen, wie z. B. im Bezalel, ein System von äußerst zweckentsprechenden Instituten geschaffen hat. Der jüdischen Kolonisation in Palästina sei sicherlich eine reiche Zukunft Vorbehalten; freilich sind die Leiden des Krieges auch für Palästina, wie für die ganze Türkei nicht gering. Den Freunden der Türkei und des Heiligen Landes muß es aber gelingen, die augenblickliche N o t durch S a in m 111 n g von Geld und Uebersendun.g von Lebensmittel 11 zu lindern. Rußland und England haben in den letzten Jahren große Anstrengungen gemacht, um Pajästina in ihre Interessensphären einzuziehen; aber nur durch Deutschland und durch die z,ionistisclic K o 1 o 11 i s a t i o!1 s b e \v c g 11 n g seien wirklich positive Werte geschaffen worden. Die neue jüdische Kolonisation habe es verstauden, jüdische Kolonisten fest in den palästineiisisehen Boden einzuwurzeln. Paquet gab der IJeberzeugung Ausdruck, daß das deutsche Volk besonders imstande sei, die Sache des Zionismus zu fördern. Dafür bietet eine Gewähr, daß Deutschland sicherlich nicht daran denkt, die in der Türkei lebenden Nationalitäten ihrer Eigenart zu entkleiden. Nicht darum kann es sich handeln, die nationalen Volkssprachen in einen Gegensatz zu der deutschen zu bringen. Jeder Konflikt kann vermieden werden, wenn nur in Zukunft die deutsche Sprache unter allen europäischen Sprachen im Unterricht an die erste Stelle tritt und damit den Platz ausfüllt, den bisher die französische und englische ausgefüllt hat. ״Dies gilt auch für die jüdische Wiederbesiedlung Palästinas, deren Fortschritte wir hier in Deutschland mit soviel Vertrauen, Spannung und Sympathie verfolgen, und die schon jetzt zu einer Neubelebung der h e b r ä i s 0 h e n Sprache und Kultur geführt hat.“ Der Vortrag P a q u e t s war außerordentlich gut besucht und fand den warmen Beifall einer zahlreichen Zuhörerschaft, die sich für die Informationen des Redners dankbar zeigte und seinen Wünschen verständnisvoll beistimmte. Er wirkte durch die menschlich wertvolle Teilnahme, mit der Paquet sicherlich die Idee des Zionismus ergreift und miterlebt und die Arbeiten zu ihrer Realisierung verfolgt und zu fördern wünscht. Mit diesem Vortrag fand der Vortragszyklus des Kartells jüdischer Verbindungen seinen Ab- Schluß. Es ist kein Zweifel, daß dieser Zyklus eine der schönsten und bedeutungsvollsten zionistischen Veranstaltungen war, die Berlin in der letzten Zeit gesehen hat Er gab Anregung und innere Bereicherung, Information und wenn man einen Ueberblick über alle Vorträge gewinnt einen wertvollen Beitrag zu den kulturpolitischen Problemen, die mit der Oriententwicklung Zusammenhängen und an denen die zionistische Bewegung nicht vorübergehen kann. Es ist natürlich auch erfreulich, daß diese Veranstaltung an öffentlich bedeutungsvoller Stelle dem Kartell Jüdischer Verbindüngen als der Vertretung der nationaljüdisehen Studentenschaft Deutschlands so bald nach seiner Gründung die Beachtung und Aufmerksamkeit der weitesten Oeffcntlichkeit zugewendet hat. Die Juden in Russisch-Polen Die ״Wiener Jüdische Zeitung“ veröffentlicht den nachfolgenden sehr bezeichnenden Artikel. Wir wissen, es handelt sich hierbei -- ähnlich wie in dem Aufsatze über die Zensur in der jüngsten Nummer unseres Blattes —- um eine äußerst, sagen wir, delikate Frage, an die wir mit möglichster Vorsicht herantreten müssen, sollen unsere Ausführungen nicht von A bis Z dem Rotstift des Zensors v erfallen. Wir Zionisten, die in unseren Bestrebungen von der unzertrennbaren Einheit des jüdischen Volkes ausgehen, brauchen wohl nicht auf den engen Zusammenhang zwischen uns und unseren Brüdern in Russisch-Polen besonders hinzuweisen. Dieses unser Bekenntnis beeinträchtigt nicht im mindesten unsere Stellung als staatstreue österreichische Staatsbürger, gehören doch die Juden in Russisch-Polen zu den unterdrückten Völkerschaften des russischen Reiches, deren Befreiung bei Ausbruch des Weltkrieges von unseren verbündeten Armeen in einem Aufrufe feierliehst versprochen wurde. Wollen wir nun in einigen Worten die Lage unserer unglücklichen Volksgenossen in Kongreßpolen besprechen, müssen wir für uns dieselben Rechte in Anspruch nehmen wie die Polen. Wenn es ihnen erlaubt ist, ihre Beschwerden vorzubringen und ihr Leid zu klagen, kann dies auch uns, einem osterreichisehen Volke, dessen Loyalität von keinem anderen Volke übertroffen wird, nicht gut verwehrt werden. Und was bedeuten die Schmerzen der Polen gegenüber den Leiden unseres Volkes, das in diesem verheerenden Kriege am meisten zu leiden hatte und immer noch hat, wobei die Leiden nicht bloß von den Russen zugefügt werden . . . 1111 Deutschen Reiche, das seinen Polen gegenüber auch Rücksicht walten zu lassen hat, wird in den Tageszeitungen und in der jüdischen Presse des langen und des breiten die Lage der Juden in Russisch- Polen mit einer Offenmiitigkeit besprochen, die den deutschen Blättern und der deutschen Zensur nur zur Ehre gereicht. Man wußte es schon seit langem, daß die Polen in Russisch-Polen von ihrem Judenhaß auch in den furchtbaren Tagen des Weltkrieges nicht lassen können. Aber selbst bei Kennern der Sachlage wirkte wie eine Bombe der im Herbst erschienene Aufsatz des dänisch-jüdischen Schriftstellers Georg Braud e s, der in ganz Deutschland und in den freieren Kronfändern Oesterreichs nachgedruckt wurde und allenthalben großes Interesse erweckte. Die Ausführmigen Brandes’ mußten um so mehr wirken, als er doch bisher für den feurigsten Vorkämpfer der Befreiung Polens im Auslande gegolten und sich für seine eigenen Stammesbrüder niemals sonderlich eingesetzt hat. Man konnte daher annehmen, daß seine mit genauen Daten belegten, herzzerreißenden Anklagen auf die polnischen Antisemiten dämpfend wirken würden. Weit gefehlt! Die Lage hat sich nicht im geriugsten geändert, sie hat sich sogar - wo es noch möglich war wesentlich verschlechtert. Georg Brandes beweist dies klipp und klar in seinem zweiten Artikel, der zuerst im Kopenhagener ״Politiken“ und dann in allen deutschen Tagesblättern erschienen ist. Dieser Aufsatz ist eine flammende Anklage gegen den russisch-polnischen Antisemitismus und bringt - ebenfalls mit genauen Daten belegte Details über die Leiden der polnischen Juden, die selbst die glühendste Phantasie bei weitem übertreffeii. Wir müssen uns leider versagen, ihn zu veröffentlichen, da 11ns bereits ein Absatz dieses Artikels, der in der reich*• deutschen, ja sogar in einem Teile der ungarischen Presse veröffentlicht werden konnte, von der Zensur unnachsichtlich gestrichen wurde. Wohl oder übel müssen wir uns daher mit einem Hinweis begnügen. Nur eine Frage erlauben wir uns, geehrter Herr Zensor! Ist das jüdische Volk in ()esterreich denn wirklich vogelfrei, daß es auch nicht sein eigen Blut, dessen Befreiung wie wir bereits oben erwähnt haben von unserer Armeeleitung feierlichst versproeheti wurde, gegen eine tierische Judenhetze, und möge sie von weichem Volke mutier herrühren, in Schutz nehmen darf? Aber nicht mir im Kriegsgebiete selbst, auch int russisch-polnischen Hinterlande, das sich hoffentlich nicht lange mehr im russischen Besitze befinden wird, ja sogar auf dem Gebiete der Kriegsfürsorge herrscht der wilde Judenhaß, der um so verabscheunngswürdiger ist, als er sich gegen arme Flüchtlinge richtet, die der Krieg von Haus und Hof vertrieben hat. Alle jüdischen Zeitungen Amerikas berichten, daß die fortschrittlichen Russen beschlossen haben, eine großzügige Sammlung zugunsten der jüdischen Flüchtlinge in Russisch-Polen einzuleiten in Odessa allein sind 200 01)0 Rubel gesammelt worden ■־ und die entlaufenden Gelder nicht an das allgemeine Für- Sorgekomitee in Warschau, das von Polen geleitet wird und die Juden sozusagen überhaupt nicht beteilt, sondern unmittelbar an das Warschauer jüdische Hilfskomitce abzuf(ihren, das - wie es im jüdischen Volke von jeher der Brauch ist bei der Verteilung von Unterstützungen keinen Unterschied der Nationalität gelten läßt. Wir wollen hoffen, daß uns die Zensur erlauben wird, diese wenigen nüchternen Tatsachen dem jüdischen Leserpublikum mitzuteilen. Es ist doch eine billige Forderung des jüdischen Volkes, das es angesichts der großen Opfer, die es für Oesterreich an Gut und Blut gebracht hat, nicht völlig geknebelt wird oder zumindest nicht mehr als andere Völkerschaften unseres Vaterlandes, zumal da eine solche Behandlung gar nicht im Interesse der Kriegsftihrung liegen kann. Einer von den stillen Zionisten Dr. Arthur H. Rosenberg ln dieser schweren Zeit soll man mit Nachrufen sparsam sein, doch möchte ich einige wenige Worte dem Andenken eines Mannes weihen, dessen Tod der [iraht soeben aus Lovviez mehlet. Den meisten unter uns wird Dr. Roseubergs Name unbekannt gew esen sein, wie er es auch mir war, bis ich ihn kürzlich auf einer Reise in Polen kennen lernte. Rosenberg, ein Vierzigjähriger, hatte eine rauhe Schale, die aber einen prachtvollen Kern barg. Furchtsam mied er die Oeffentlielikeit, doch die armen Juden Polens wußten wohl seine Wirksamkeit za schätzen. In Leiievc/a, wo er tagsüber im Uholeralazarett tätig war, ging er nachts in die Häuser der armen Juden, um ihnen unentgeltlich ärztliche Hilfe zuteil werden zu lassen; und, als er von dort weiter/og, versammelten sieh die frommen Julien in der Synagoge und benschten seinen Namen. In Fowicz mußte man ihn beobachtet haben, wie er mit unseren polnischen Brüdern liebevoll und m verkehrte und wie er sich immer bemühte, auch anderen das Verständnis für die Seele dieser Bedrückten zu eröffnen. Er hatte sein ganzes Leben der zionistischen Idee geweiht. Er sammelte Stattiol fiir den Nationalfonds (man lache nicht darüber), er mühte sieh nach des Tages Arbeit, ״mit seinem vierzigjährigen liim", hebräisch sprechen /u lernen, er bestimmte das (ieltl, das er in Lowicz durch private Praxis hie und da verdiente, zionistischen /wecken in Palästina. Fr rang in stundenlangen abendliehen (iesprachen mit einen! vortrefflichen Freunde in I ovvic/, um ihn für den Zionismus zu gewinnen. Und das letzte Wort, das er der treuliebemlen Schwester, die jetzt allem zurückgeblieben, heim Abschied in Berlin sagte, war. ״Wenn mir etwas /!!stoßen sollte, so denke daran, daß meine Bibliothek der zionistischen Bewegung in Palästina gehört.‘‘ Nun fiel er als ein Opfer seiner Pflichterfüllung, er starb an einer Tvplnisinfektioii. Ich kannte!111! mir wenige läge, und doeli werde ich um diesen seltenen;Menschen mein l eben lang trauern. Fr war einer von den stillen Zionisten, die man nicht kennt, obgleich sie vielleicht die treuesten und wertvollsten Jünger unserer Idee sind. H c r in a 1! 11 S t r u c k.