Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 7 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUNGE JUDE Dezember 1930 3. Jahrg. Nr. 7 Kisiew 5691 E. LIEBENSTEIN: SOZIALISTISCHE BETRACHTUNGEN. In den letzten 2 Jahren gab es genug zionistische Sorgen. Auf einen Schlag folgte der andere. Wir hatten keine Zeit, Ausschau in die große Welt zu halten. Die Ereignisse in dieser Welt, das Ringen der Klassen blieb während dessen nicht stehen. Wenn wir un3 heute im Wirrwarr des Geschehens klar werden wollen, wo die internationale Arbeiterbewegung steht, so werden wir erkennen müssen, daß wenig nur von unseren großen Hoffnungen erfüllt wurde. Im Materiellen und Geistigen ging es keinen Schritt vorwärts, das Vertrauen von großen Völkerinassen in verschiedenen Nationen ging verloren, der Weg zur Verwirklichung des Sozialismus wurde nicht sichtbar. Keine der sozialistischen Richtungen kann sich ihrer politischen und moralischen Erfolge rühmen. Die unbeirrte Hartnäckigkeit im Bruderkampfe der Arbeiterparteien aber ließ keineswegs nach. Vor zwei Jahren etwa bereitete sich der reformistische Teil der Arbeiterbewegung in zwei grcßen europäischen Ländern, in Deutschland und in England, zu einem großen, beispielgebenden Versuch vor. Er glaubte, ohne Bürgerkrieg, ohne gefahrvolle Auseinandersetzung um den Staat, nur auf dem Wege des gesetzmäßigen Parlamentarismus, gewichtige soziale Reformen durchführen, den Wohlstand des arbeitenden Volkes heben, die Abrüstung der Staaten verwirklichen, die Wirtschaft von kapitalistischer Anarchie zu. planmäßiger Gestaltung führen zu können. Dieser Teil der sozialistischen Bewegung glaubte, daß das Bürgertum mit demokratischer Loyalität dem Aufstieg der Arbeiterklasse zulassen würde. Man hoffte, mit Hilfe einer offenen Koalition (in Deutschland) oder einer versteckten (in England) mit linksbürgerlichen Kreisen eine gute Strecke Wegs vorwärts zu kommen. Die ersten Erfolge der von Sozialisten geführten Regierungen sollten die Mehrheit des Volkes der sozialistischen Partei erobern und weiter durch ruhige parlamentarische Entwicklung den Staat in die Hände des arbeitenden Volkes bringen. Wir alle, auch jene, die an der Richtigkeit und an der Möglichkeit dieses Wesres zweifelten, wollten uns nicht dieser großen Hoffnung verschließen. Der grausame Versuch von Rußland, der Millionen Menschenleben und große Kulturwerte zerstört hat, zwang uns. einem anderen Versuch zur Verwirklichung des Sozialismus mit Toleranz und Hoffnung gegenüberzustehen. Wir wollten hoffen, auch wenn wir nicht glaubten. Heute stehen wir bereits nach dem Pazit. Die von Sozialisten geführte Regierung in Deutschland setzte keine Forderungen der Arbeiterklasse durch. Sie erschütterte aber in den Augen der Ar- 209