Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 35 (23.9.1919)
- Date
- 1919-09-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Jüdische Korrespondenz Nr. 35/36 und sich aus seinem Herzen mit einem jubelnden Pfiff herausreißt! Wenn er beten will, steckt er sich zwei Finger in den Mund, spitzt die Lippen, stößt die Luft heraus, und sein Gebet durchdringt den ganzen Wald! Und Gott versteht ihn und sein Gebet! - Doch er pfeift nur dann, wenn er das Bedürfnis hat, zu Gott zu pfeifen, wenn er fühlt, daß er pfeifen muß ... Und es scheint ihm, daß Gott irgendwo, weit, weit auf einer duf- tenden Wiese ausgestreckt liegt, und'ihn pfeifen hört, und seine Freude daran hat. Und nicht nur er allein betet so! Er weiß, daß alle beten. Wenn der Dorfhund Nossik plötzlich seine Schnauze zum Himmel erhebt, mit dem Schwanz wedelt und bellt, dann sagt er, daß Nossik betet. Und wenn die weiße Kuh abends von der Weide heimgeht, und ihre nasse Zunge herausstrcckt und ein langgedehntes trauriges „Muuh!" van sich gibt, dann sagt er, daß die Weiße betet. Das Pferd Bololl betet wieder auf eine andere Weise: es schlägt aus, stellt sich auf die Hinter» beine, reckt den Kopf und wiehert. Alle beten, selbst die Frösche im Wasser; ein Frosch sagt es dem anderen: Qua! Qua! Jasiek ist schon dreizehn Jahre alt, doch das „Höre Israel" kann er noch immer nicht. Und das Neujahrsfest steht vor der Türe. Und der Melamed müht sich mit ihm ab, daß er am heurigen Neujahrsfest wenigstens das „Höre Israel" aufsagen kann; damit man ihn in die Stadt mitnehmen kann! Man kaufte Jasiek zum Fest einen neuen Anzug, ein Paar Stiefel und eine neue Mütze ... Soll er wenigstens das „Höre Israel" aufsagen. * Die Schule ist gesteckt voll. Alle, groß und klein, sind weiß gekleidet, alle haben sich die Gebetmäntel über den Kopf gezogen, alle wiegen sich im Takte des Gebets und schreien und rufen immer lauter und lauter. Vor dem Thoraschreine, wo sieben lange Wachslichter brennen, steht der Vorbeter mit seinen Chorjungen ... Gedehnte Töne, von abgerissenem unterdrücktem Seufzen begleitet, klagen und weinen: „Mi lachaüm, umi lamowes...“ Ein herzzerreißendes Schluchzen dringt mit einem Male aus der Weiberschul. Und Jasiek steht da in seinem neuen Anzug, und sein blondes Haar guckt unter der neuen Mütze hervor. So steht er da. Plötzlich drängt er sich zur Ostwand vor und stellt sich dem Vorbeter gegenüber. Das Gebetbuch, das ihm sein Vater gab, damit die Leute meinen, der Junge könne beten, gleitet ihm aus der Hand. Und er steht mit weit geöffneten Augen da und starrt vor sich hin. Einige Bengel bemerken Jasiek; einer winkt dem anderen, sie zeigen auf ihn mit den Fingern, lachen leise über ihn, und einer von ihnen geht auf Jasiek zu und gibt ihm einen Nasenstüber. Doch er hört nichts und fühlt nichts! Er steht da und starrt bald auf den Borbeter, und bald auf die weinende Gemeinde, und bald auf den weißen Vorhang vor dem Thoraschrein, auf dem mit Gold gestickt ist: „Heilig dem Herrn." „Gott muß jetzt dort, hinter dem Vorhänge sein!" denkt er sich. Und aus der Weiberschul schaut auf ihn seine Mutter herab: sie sieht, wie er dasteht und starrt, und daß das Gebetbuch ihm aus der tand gefallen ist; und die Frau seufzt und denkt sich: „Ein Bauer! in geborener Goj!" Und der Vater wirft auf ihn einen Blick unter dem Gebetmantel hervor, den er sich über den Kopf geworfen hat, und seufzt schwer: „Herr der Welt! Gedenke auch seiner!" Und Jasiek steht und starrt. Alle weinen, alle beten, alle rufen Gott an. Und auch er bekommt Lust, zu beten. Er will nicht schreien, sondern beten und Gott loben! Und ihm für alles, für alles danken! Er hebt sein Gebetbuch auf, schlägt das „Höre Israel" auf und beginnt: „LI me—lech ne—e—mon...“ Doch dieses Gebet rührt sein Herz nicht. Er versteht es nicht, es ist für ihn nur ein Spruch, ein trockener Spruch ... Er will aber Gott aus voller Seele loben und danken. Er fürchtet sich vor den vielen Leuten, die ganz anders beten. Doch die Versuchung ist zu stark, und Gott ist über alles erhaben! Er muß! Und er steckt sich zwei Finger in den Mund — Und ein scharfer Pfiff durchschneidet die Luft in der weinenden Schul... * Die Gemeinde erschrickt. Was ist es? Wer war das? Wer pfeift an der heiligen Stätte? Der Vater will ihn bei der Schulter packen-und hinauswerfen; die Leute wollen sich auf ihn stürzen und ihn schlagen... Doch plötzlich wendet sich der heilige Rabbi von der Ostwand zur Gemeinde um und fragt: „Wo ist er, der Zaddik, der den himmlischen Gerichtsbeschluß zerrissen hat? Der den Himmel durchbohrt und unsere Gebete durch die bleiernen Wolken hindurch hinaufgebrackt hat?" Doch der Zaddik ist schon verschwunden... Er hat sich aus der Schul hinausgeschlichen, hat sich seine neuen Stiefel über die Schulter geworfen und geht in sein Dorf zurück. Neue Bücher. „Mystisch-religiöse Strömungen" unter den Juden in Polen im 17. und 16. Jahrhundert. Von Dr. S. O. H o r o d ez ky. Leipzig, Verlag von Gustav Engel, 19'.4. Preis Mk. 1-50. — In kurzen Zügen schildert der Verfasser die Entwicklung der Kabbalah unter oen Juden Polens, besonders seit R. Jsak Luria s. A., die Lage der Juden in Polen^ die Führer der Kabbalisten R. Jesaiah Hurnetz, R. Note Schapira und N. Samson in Ostrepoli, die Chmelmecki-Pogrome, das Auftreten des Sabbali Zewi, N. Jehuda Chassid, Chaim Mal'ach, Jakob Frank, des Bal-Schem s. A. usw. Das Buch enthält ausgezeichnetes historisches Material, mag man auch nicht immer mit dem Urteil des Verfassers übereinstimmen können. „Revision des jüdischen Nationalismus." Von Dr. Ignaz Z o l l s ch a n. 1919. R. Löwit Verlag, Wien und Berlin. — Ein überaus aktuelles Buch, das jeder lesen soll, der sich mit den jüdischen Zeitfragen befaßt. Zollschan, einer der Mitschöpfer des modernen jüdischen Nationalismus, ist wohl der Berufenste dazm eine Kritik desselben zu liefern und eine Revision zu fordern. Die Einseitigkeiten und die Ausartungen des modernen Nationalismus werden mit großer Geistesschärfe einer Kritik unterzogen. „Die jüdische Wanderbewegung in der neuesten Zeit" (1880 bis 1914). Von Dr. Wl. W. Kaplan-Kogan. Bonn a. Rh. 1919. A. Markus & E. Webers Verlag. Preis Mk. 4-80. — Die Kriegsereigniffe und die politischen Umwälzungen dürften eine starke jüdische Emigrationsbewegung Hervorrufen. Umso größeres Interesse verdient die vorliegende Schrift, die mit großer Sachkenntnis auf Grund reichen statistischen Materials die jüdischen Wanderbewegungen in den letzten drei Jahrzehnten schildert und auf die Wirkungen und Ausstrahlungen dieser Wanderungen hinweist. Das Buch ist ein willkommener Behelf für jeden, der sich mit der jüdischen Emigrationsfrage befaßt. „Deutschland schuldig?" Deutsches Weißbuch über die Verantwortlichkeit der Urheber des Krieges. Herausgegeben mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes. Berlin, 1919. Carl Heymans Verlag. — Ein wichtiger Beitrag zur Klarstellung der so breit getretenen Schuldfrage am Kriege. Auf Grund authentischer Akten und Materialien wird überzeugend der Beweis erbracht, daß es die Entente war, die den Krieg plante, schürte und herbei führte. Wenn die Welt einmal von der Kriegspsychose frei sein wird, dann wird ihr Urteil über die Schuldigen am Weltkriege ganz anders als heute lauten. „Die Befreiung der Menschheit." Freiheitsideen in Vergangenheit und Gegenwart. Reich illustriert. I. Heft. Preis Mk. 1'—. Alle 14 Tage erscheint ein Heft. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart. — Eine überaus interessante Ausgabe, die vielversprechend ist. Das erste Heft enthält die Einleitung und mehrere Illustrationen. Vollständig in 60 Heften. Jugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums._ :■ BereinSlokal: II., Große Schiffgasse Nr. 16. I... Geöffnet an Wochentagen von 6 bis 10 Uhr abends, an Samstagen und Sonntagen ab SUhrvormitiagS. Reichhaltige Bibliothek«. Zeitschriften zur freien Benützung der Mitglieder. Schiitrim-Kinteitung vorn 3. bis 8. Wfchri 6679 (27. September bis 2. Oktober). Samstag, Vj.11 Uhr vormittags: Vortrag ist der Schiffschul, Seiner Ehrw. Herr Rabbiner S. Fürst. Samstag, 7-8 Uhr nachmittags: Gemoroh (Sügjo), Herr Salomon Schreiber. SamStag, V-4 Uhr nachmittags: Muffar-Vortrag, Se. Ehrw. Herr Rabbiner I. Baumgarten. Sonntag, 11 Uhr vormittags: Jeschaja, Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr.J. Pollak. Sonntag, 7i8 Uhr abends: Peleh Joez, Herr Albert Breuer. Montag, V»8 Uhr abends: Mischneh (Bezoh), Se. Ehrw. Herr Rabbiner A. Weiß. Montag, 7,9 Uhr abends: Gemoroh (Sügjo), Herr Salomon Schreiber. Dienstag, 7r8 Uhr abends: Mischneh (Bezoh), Se. Ehrw. Herr Rabbiner A. Weiß. Mittwoch, Vs8 Uhr abends: Dinim (für die zehn Bußetage), Seiner Ehrw. Herr Rabbiner I. Schenk. Donnerstag, Vz8 Uhr abends: Haftorah (Jauno), Herr Isidor Löwy. Donnerstag, 7-9 Uhr abends: Gemoroh (Sügjo), Herr Salomon Schreiber. Ankündigungen: Mincha-Gebet täglich um 7i2 Uhr nachmittags im Vereinslokal. Eigentum einer Societät. —Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas llrsppsl. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hernalser Gürtel 20.