Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 19 (1937) Luzern, 20. August bis 6. September 1935
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 84)
- Language
- German, English, Hebrew
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Ben-Gurion \ 81 i DER ZIONISMUS — DIE WENDUNG UNSERES SCHICKSALS. j Was heute im jüdischen Volke vorgeht, ruft uns die finstersten, j furchtbarsten Zeiten unserer Geschichte, die Kreuzzüge, die spanische j Inquisition, die Zeit der Haidamaken in die Erinnerung. Seit damals aber ist eine große Veränderung eingetreten und sie muß entscheidend j sein: heiii? existiert eine zionistische Bewegung, die in den letzten beiden Generationen entstanden ist. Diese Veränderung, die sich in den letzten 50 Jahren in unserer Geschichte vollzogen hat, ist das aussichtsreichste neue Ereignis; es kennzeichnet die neue Wendung unseres Schicksals4. Zwar hat sich das jüdische Volk in allen Perioden seiner Diaspora den Glauben und die Hoffnung auf die Erlösung bewahrt. Diese Hoffnung erfüllte in den finstersten, furchtbarsten Zeiten sein Herz. Sie war jedoch ein mystischer Traum, eine leere Vision ohne Beziehung zur Wirklichkeit, ohne Verbindung mit einem Willen zur Verwirklichung, sie war nicht verbunden mit einer auf ein Ziel gerichteten Tätigkeit. Dieser Traum schwebte über Raum und Zeit und verpflichtete zu; keiner Tat. Er war ein starker moralischer Faktor, der das Judenj tum in der Zerstreuung erhielt. Wäre dieser Glaube an das Wunder der Erlösung nicht vorhanden gewesen, wer weiß, ob das jüdische J Volk sich in den vielgestaltigen Verfolgungen, die es unablässig bedrohten, die Kraft der Selbsterhaltung gehabt hätte. Diese Hoffnung | auf Erlösung, die keine Beziehung zu einer Tat der Verwirklichung^ keine Verbindung mit Raum und Zeit hatte, war jedoch nur eine Kraft, die das Judentum in der Diaspora erhielt, keine Kraft der Befreiung und Erlösung. I Der Zionismus war eine neue Erscheinung in der Geschichte des jüdischen Volkes. Gewiß: hätte der Glaube an die Vision der Erlösung -! nicht im Herzen des Volkes gelebt, dann wäre der Zionismus niemals in die Erscheinung getreten und hätte das Volk nicht erobert. i Der Zionismus ist jedoch nicht nur Hoffnung und Glauben, Hoffnung \ und Glauben, der zu nichts verpflichtet, nichts bewirkt, den Willen \ des Volkes nicht lenkt und mit all dem, was in der jüdischen und \ allgemeinen Welt vorgeht, nicht verknüpft ist. Das Große, Neue dca Zionismus, seine revolutionäre Natur, ist der Wille zur Verwirklichung. Der Zionismus hat es gewagt, dem jüdischen Volke zu sagen «— und hierzu war ein starker Mut erforderlich — daß die Vision von 3 Generationen in wiseren Xlagen und mit realen, natürlichen Mitteln verwirklicht werden müsse. Dieser Wille zur Verwirklichung, der im Zionismus neu zu Tage getreten ist, war kühn und nicht ungefährlich. DIE GEGNERSCHAFT GEGEN DEN ZIONISMUS. Der tiefe Glaube, daß die Erlösung am Ende der Tage kommen werde, hatte das Volk Generationen lang behütet und war für es in den schweren, verzweifelten Kämpfen um seine Existenz eine starke, seelische Stütze gewesen. Wenn man jetzt die mystische Vision in etwas zu Verwirklichendes, etwas Konkretes verwändein wollte, mußte das eine der Grundlagen des Lebens des Volkes in der Diaspora er-