Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 382)
- Language
- German, English, Hebrew
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244 9. KONGRESS-SITZUNG: Generaldebatte streiten, als ob wir die Bösewichter wären, die mit den Mitteln geizen. Ohne dies ist alles andere ziellose Kasuistik. Wenn wir dann kommen werden, werden wir eine Mitarbeiterschaft, eine Koalition nicht wegen irgendwelcher Paragraphen oder Schwierigkeiten zu fürchten haben. Und sollten wir auch auf Schwierigkeiten stossen, so ist keinerlei Gefahr damit verbunden. Schwierigkeiten sind Zeichen der Entwicklung. Denn nur wo Freiheit, wo Mannigfaltigkeit und Differenzierung ist, da ist Leben. Es ist hier ein Wort gefallen, das mir wehtut. Wenn hier gesprochen worden ist von einer Liquidation, so frage ich: ist es verantwortlich, hier am 25. Todestag Theodor Herzls von einer Liquidation der Zionistischen Organisation zu sprechen? Ich appelliere an Ihren Verstand und an Ihr zionistisches Gewissen! Was bedeutet das? Zunächst ist es unwahr. Was haben wir liquidiert? Haben wir irgend einem Postulat Herzls entsagt?, Haben wir nicht gesagt, dass wir dasselbe anstreben, arbeiten wir nicht dafür mit allen unseren Kräften und auch über unsere Kräfte? Wo droht eine Liquidation? Würde man mit uns eine Bindung eingehen, wenn wir eine liquidierte Firma wären? Die anderen wissen wirklich besser, was wir sind. Es ist unwahr und schädlich, so etwas zu behaupten. Sie verkünden hier am Kongressort, dass liquidiert würde, und am nächsten Tag müssen wir an die Leute herangehen und ihr Vertrauen haben und von ihnen Opfer verlangen. Das ist doch die einzige Möglichkeit, unsere Daseinsbedingungen zu erkämpfen! Sie können uns doch keine anderen zeigen! Kann man für eine liquidierte Gesellschaft Opfer bringen? Mit demselben Atemzug spricht man von Liquidation und von Kredit, von nationalem, ja von internationalem Kredit. Mit Recht, wir sind tatsächlich im höchsten Grade kreditfähig. Aber wer Kredit beansprucht, gerät ja in Widerspruch mit sich selbst, wenn er zugleich einen erdichteten Teufel von Liquidation an die Wand malt! Eine Firma, die sich pleite erklärt, kann ja kein Vertrauen wecken. On ne prete qu'aux riches. Ich schätze gesunde Kritik, ich kann auch manchen Pessimismus begreifen, aber diese Inkonsequenz kann ich nicht verstehen. Und dann habe ich tatsächlich kein Verständnis für die schnellfertige, subjektive und oftmals nervöse Kritik, die sagt, man habe nichts geleistet. Man kritisiert die hohe Obrigkeit, das ist parlamentarisch. Gewiss ist vieles versäumt und unterlassen worden. Aber es gibt eine jüdische Methode für diese Kritik. Unsere alte jüdische Methode unterscheidet sich in der Beziehung, dass man nicht sagt „Aschamtem" (ihr habt verschuldet), sondern „aschamnu" (wir haben verschuldet). Kritisieren wir uns selbst, d. h. gehen wir alle in uns. Ich bin kein Moralprediger, ich nehme mir nicht das Recht dazu und halte überhaupt derlei Reden für unnütz. Aber jeder einzelne soll sich doch fragen, ob er an die Grenze seiner Möglichkeiten gelangt ist, seiner persönlichen Möglichkeiten und der Möglichkeiten seiner Beeinflussung. Und dann soll er sich selbst kritisieren. Dass man sieben oder fünfzehn Leute gewählt hat und sie alle zwei Jahre einer Kritik unterziehen muss — gut, wenn es so parlamentarisch üblich ist. Aber täuschen