Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 281)
- Language
- German, English, Hebrew
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Blumenfeld 143 Im politischen Teil der Rede waren die Ausführungen Jabotinskys merkwürdig unausgeglichen. Man kann nicht gleichzeitig das Mandat gelten lassen und den Völkerbund ablehnen, eine Politik der stärkeren Anlehnung an die Mandatsmacht machen und gleichzeitig die Administration angreifen. Jabotinsky berief sich diesmal auf die Demokratie und erklärte, sie sei für uns Juden gut. Es ist also eine erfreuliche Aenderung eingetreten: statt Legion Demokratie. Aber Demokratie muss man ernst nehmen. Man darf nicht Helfershelfer für den Kampf innerhalb der Zionistischen Organisation ausserhalb derselben suchen. Das ist ein absolutes Todesurteil über die Sache. Man kann sagen, wir sind überhaupt keine Zionisten. Dies ist erfreulicherweise nicht geschehen. Aber dann muss man innerhalb der Organisation kämpfen. Majorisiert werden ist viel besser als minorisiert werden. Nun kommen wir zu der Frage, die uns am meisten berührt: wie gestalten wir den Zionismus in dieser kommenden Zeit? Da müssen wir uns fragen, was für das zionistische Leben und Streben entscheidend ist. Sind es politische Formeln, Definitionen, irgendwie beschlossene Ziele einer Politik oder sind es die Quellen unserer Idee, die entscheidend sind? Ich behaupte: noch niemals war in einem Volke die Kraft des nationalen Willens, die Stärke der nationalen Sehnsucht von irgend einem politischen Kalkül der Führer abhängig; sondern wo Völker um ihre Freiheit gekämpft haben, da waren ihre offen proklamierten Ziele immer sehr verschieden von den Hoffnungen, die als ewige Hoffnungen ein Volk in seinem Herzen trägt. Eine Politik, die sozusagen das politische Ziel als wichtigstes Propagandamittel einsetzt, in der an die Stelle der eigenen politischen Arbeit Propaganda tritt, scheint mir wenig mit echter Politik zu tun zu haben. Denn wenn ein Politiker glaubt, er könne Ziele nur erreichen, wenn Mann für Mann sich aufstellen lässt und einer nach dem andern die richtige Antwort gibt, so ist das keine Kraft, mit der die Welt rechnet. Die Welt rechnet nicht allein mit den proklamierten Zielen, sondern mit der elementaren Kraft des jüdischen Volkes. Ohne paradox zu werden, möchte ich behaupten, dass Jabotinsky vielleicht das unpolitischste System im Zionismus vertritt, weil er vergisst, dass Politik eine Machtfrage ist und dass die Wirkung unserer politischen Aktionen abhängt von der Grösse und Stärke unserer realen Kraft im Lande. Die Grösse eines Politikers besteht darin, dass er das Augenmass für seine Forderungen hat. Ein grosser Politiker hat einmal seinen Beruf dahin definiert: der echte Politiker sieht das Kleine klein, das Grosse gross. Ich glaube, es ist apolitisch, es ist Propaganda und Redensart, wenn man glaubt, das Wort werde eine kleine Sache gross machen oder werde eine Wirkung erzielen. Unsere Politik besteht darin, mit allen Kräften die jüdischen Machtpositionen zu verstärken und auszubauen. Beides ist eine Einheit. Wer sich im politischen Kampfe nicht lächerlich machen will, der muss versuchen, diese Einheit zu schaffen. Es ist unmöglich, gleichzeitig grosse Politik zu reden und zu erklären: wir können nicht dauernd mit einem Sammelapparat