Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 149)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow 11 dass wir vor zwei Jahren den 30. Geburtstag unseres Zionistenkongresses feierten, während wir heute die Erinnerung an Herzl anlässlich der 25. Wiederkehr seines Todestages ehren. Das grosse Leben, welches vor 25 Jahren seinen Abschluss fand, kann man unmöglich auf den ersten Blick würdigen. Grosse Männer gleichen Gebirgen, deren Höhe wir nicht zu schätzen vermögen, solange wir nahe bei ihnen stehen. Es ist jetzt 25 Jahre her, seit Herzl starb, und 25 Jahre sind gerade die Periode, in welcher der Ruf grosser Männer die grösste Aenderung erfahren kann. Die Generation, die ihn kannte, verschwindet langsam. Eine jüngere Generation ist herangewachsen, deren Zeitgenosse er in einem gewissen Sinne war, aber ein Zeitgenosse, von dem sie wenig wusste. Jeder grosse Mann, sei er nun ein Wissenschaftler, ein Philosoph oder ein Staatsmann, leidet viel in der Zeit, in der er aufgehört hat, Zeitgenosse zu sein, und die Historiker noch nicht begonnen haben, ihn, soweit sie können, in die richtige Perspektive der Geschichte seiner Zeit zu stellen. Aber das war und wird bei Herzl anders sein. Ein Leben wie das seine passt nicht leicht in eine Biographie, auch nicht nach langer Zeit. Von wie verschiedenen Standpunkten aus kann man sich nicht dem Studium des Geistes dieses so vielgestaltigen Genius und dieser faszinierenden Persönlichkeit nähern, die die grössten Figuren der zeitgenössischen jüdischen Geschichte überragte und in den Schatten stellte! Die Rückkehr zum Judentum. Herzls Leben bezeichnet die neueste Epoche in unseren Annalen: die Rückkehr der verlorenen Söhne. Herzls Kindheit und frühe Jugend wurden in einer Atmosphäre der verfeinerten westeuropäischen Kultur verbracht. Aber wie Abraham brach er mit den Traditionen, in denen er geboren und erzogen worden war. Auf Befehl seines jüdischen Gewissens löste er sich schrittweise von seinen jugendlichen Vorurteilen und warf jede Erinnerung an die Absorptionstheorie, an die er geglaubt hatte, hinter sich. Sein früheres Leben stand im Gegensatz zu seinen reiferen Ueberzeugungen. In seiner Jugend war er die aufsteigende Hoffnung Wiener aristokratischer und intellektueller „Salons": Er wurde zum Liebling der osteuropäischen Ghetti; der weltbekannte Schriftsteller wurde zum Organisator der Juden; der Kosmopolit band sich an das Schicksal eines einzelnen Volkes. In diesem Wechsel von Staatsmann und Lustspieldichter, von Redner und Journalist, politischem Führer und Künstler gab es doch keinen Gegenstand, den er nicht verstanden hätte, indem er ihn berührte.