Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 10 (1911) Basel, 9. bis 15. August 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 9 — Geehrter Kongreß! Blicken wir auf die allgemeine Lage unseres Volkes in den letzten vierzehn Jahren zurück, so können wir eine Besserung nicht konstatieren, viel eher eine bedeutende Verschlechterung! In Rußland, wo die Hälfte unseres Volkes lebt, seufzen noch sechs Millionen Juden unter fürchterlichem, unerträglichem Drucke. Die Lage hat sich dort bis zur Unleidlichkeit verschlimmert, und die Aussichten in die Zukunft sind überaus düster. In Rumänien, nach Rußland dem zweiten Leidenslande, bestehen die Feindseligkeiten gegen die Juden noch zumindest in demselben Maße, wie zuvor. Noch werden unsere Brüder dort, trotz des Berliner Vertrages, als Fremde behandelt, und zwar im grausamen Gegensatz zum biblischen, zum jüdischen Prinzip, daß selbst den Fremden Gastfreundschaft und gleiches Recht gewährt werden muß. In Galizien, wo eine Million unserer Brüder lebt, haben die Not und das Elend, trotz der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, immer rtoch nicht abgenommen. Die materielle Not wächst dort ebenso wie die moralische Judennot, unter der wir in vielen Ländern gemeinsam leiden. In Amerika und England, den neuen Zufluchtsstätten der Juden, werden jetzt nach dem alten ägyptischen Prinzip „Pen Jirbu" — „daß ihrer nicht zuviel werden" — Absperrungsmaßregeln gegen die jüdische Einwanderung getroffen. Der Antisemitismus findet auch in die neue Welt seine Wege und dringt in große Schichten der Bevölkerung ebenso ein, wie hier in der alten Welt mit unseren alten Leiden. Nirgends spüren wir eine Besserung. Ueberall lauert der gleiche Haß gegen uns, überall die Ausschließung. Und selbst in den wenigen Ausnahmeländern, die bis jetzt als immun gegen den Antisemitismus gegolten, sehen wir ihn drohend sein häßliches Haupt erheben. Den einzigen Lichtpunkt, die einzige Besserung, sehen wir in der Türkei. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dort haben unsere Brüder nach den politischen Umwälzungen der letzten Jahre die gleichen Vorteile von der errungenen Freiheit erhalten, wie die übrige Bevölkerung des ottomanischen Reiches. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die dort den Juden gewährt wurde, ist allem Anscheine nach ernst gemeint. Sind doch die Türken stets freundlich zu den Juden gewesen und haben sie doch schon in jener finsteren Zeit, als wir überall geächtet und verfolgt wurden den aus Spanien vertriebenen Juden Gastfreundschaft und ein Asyl gewährt. Mit dieser Tatsache haben wir gleich von vornherein gerechnet und rechnen auch heute mit ihr, obgleich sich anscheinend