Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 78)
- Language
- German, English, Hebrew
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—■ 78 — Herr Dr. Tschlenow findet ferner, dass in der Culturfrage in unserem Rechenschaftsberichte eine Lücke ist. Meine Damen und Herren! Ich habe gestern eine vertrauliche Unterredung mit Herrn Dr. Gaster gehabt. Ich werde keine missbräuchliche Mittheilung hier machen. Ich will Ihnen nur das sagen, was ich gefragt habe. Ich habe ihn nämlich gefragt: Es ist möglich, dass, während ich den Vorsitz des Gongresses führe, die Guiturfrage auftaucht. Nun möchte ich nicht den Anschein haben, als ob ich diese Sache nicht verstehe. Ich bitte, sagen Sie mir, was ist das? Was ist diese Gulturfrage, die in den Couloirs und Gommissionszimmern, wie ich höre, so heftig besprochen wird? (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Da das also eine vertrauliche Unterredung war, übrigens freundschaftlichen und scherzhaften Charakters, so will ich Ihnen die Antwort nicht sagen. Sollte unter der Gulturfrage die Beziehung des Zionismus oder des Congresses zu den Bekenntnisfragen zu verstehen sein, so ' kann ich nur die Erklärung wiederholen, die ich zu Ende des ersten Gongresses hier abgegeben habe und die von uns immer scrupulös eingehalten worden ist, das ist nämlich die Erklärung, dass die zionistische Bewegung sich von einer Einmengung in das Bekenntnis, in die verschiedenen Formen des bei Juden üblichen Bekenntnisses vollkommen ferne hält, dass wir es nicht für unsere Aufgabe halten, hier religiöse Discussionen zu führen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Und wie Sie wissen, sind wir darin nicht weniger jüdisch, als die Rabbiner, die, wenn sie zusammenkommen, die Discussion religiöser Fragen ausschliessen. (Stürmischer Beifall und Heiterkeit.) Wir glauben nicht, dass es zur Kräftigung unserer Bewegung beitragen kann, wenn wir solche Meinungsverschiedenheiten, wie sie gerade auf diesem Felde so natürlich sind, in unsere Bewegung hineintragen lassen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir achten und respectieren jede religiöse Ueberzeugung. (Stürmischer Beifall.) Das ist selbstverständlich bei civilisierten Menschen, ebenso wie wir die politischen Parteiunterschiede vollkommen respectieren und wie im Zionismus alle politischen Ueberzeugungen Platz haben (Stürmischer Beifall und Händeklatschen), so verhält es sich mit den Fragen der Religiosität. Darum haben wir uns nicht zu kümmern. Wir sind Juden (Stürmischer Beifall), wir sind national gesinnte Juden (Stürmischer Beifall und Händeklatschen), wir haben ein gemeinschaftliches Terrain, auf dem wir arbeiten können, sollen und wollen. Schwächen wir uns nicht selbst, indem wir jetzt Meinungsverschiedenheiten hervorkehren, die gewiss zu einer Zeit kommen und zum nützlichen Leben des Volkes beitragen werden. Denn diese Gegensätze sind durchaus nicht schädlich, wenn sie zur rechten Zeit kommen und dienen dann zur gegenseitigen Gorrectur.