Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 3 (1899) Basel, 15 bis 18. August 1899
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 14 — Vor zwei Jahren, auch noch im vergangenen Jahre, haben wir hier etwas wie einen wachen Traum gelebt. Uns schien, wir seien Zeugen eines Wunders, das sich um uns und an uns begebe. Wir zweifelten fast an seiner Wirklichkeit, die wir doch mit allen Sinnen feststellen konnten. Uns war märchenhaft zu Muthe, wie Brüdern, die seit tausend Jahren im Grabe gelegen hätten und nun plötzlich wieder im Fleische vor einander ständen, einander lebendig in die Augen blickten und die Hand drückten. Unser erster Drang war, uns des Wiedersehens, der Wiedervereinigung zu freuen, die Weihe der einzigen Stunde voll zu empfinden und einander zu sagen und zu klagen, was wir als Scheintodte, als lebendig Eingesargte all die Jahrhunderte in unserm Grab ohne Grabesruhe erlitten hatten. Dann bemühten wir uns, über unsere Lage einen vollen Ueberblick zu gewinnen, uns über unsere Verfassung, unsere Beziehungen zu den Völkern, unsere Hoffnungen, Wünsche, Gefahren und Aufgaben Rechenschaft zu geben, klar zu erkennen, wer unsere Freunde, wer unsere Feinde, welches unsere Hilfsmittel, welches unsere Schwächen und Gebrechen sind. Dieses allgemeine Inventar des jüdischen Volkes ist nunmehr aufgenommen. Wir haben es nur noch auf dem Laufenden zu halten. Wir haben nur noch die Aenderungen einzutragen, die in unseren Verhältnissen etwa eintreten mögen. Im vergangenen Jahre sind derartige Aenderungen nicht eingetreten. Es werden auch in absehbarer Zeit keine eintreten, wenn wir sie nicht mit eigener Anstrengung selbst herbeiführen, wir, die Zionisten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir haben die Stellung des jüdischen Volkes inmitten der übrigen Völker beleuchtet. Wir haben gezeigt, dass es trotz der Bemühungen vieler seiner Söhne, ihr Volksthum wirklich zu vergessen oder mindestens zu verleugnen und unkennbar in ihrer Umgebung aufzugehen, überall als fremd empfunden, vielfach als Eindringling angefeindet wird. Wir haben bewiesen, dass es Verleumdung ist, wenn man den Hass, der uns in den meisten Ländern grausam verfolgt, die zurückscheuchende Kälte, die uns überall umgibt, mit angeblichen schlechten Eigenschaften des jüdischen Volkes zu begründen sucht. Unsere Fehler sind die Fehler aller Menschen, (lebhafter Beifall), die in den gleichen gesellschaftlichen und geschichtlichen Verhältnissen leben würden, und neben diesen Fehlern, die wir nicht zu leugnen brauchen, dürfen wir uns mancher Vorzüge rühmen, die nicht jedem andern Volke in demselben Masse eigenthümlich sind. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir haben aus alledem den Schluss gezogen, dass man uns hasst und verfolgt, weil wir eine leicht zu erkennende Minderheit und überdies von den finsteren Zeiten des Mittelalters her mit