Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1896)
- Date
- 1896-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung Seite Die Sonne brennt heiß, das Pflaster schmerzt die Füße. Wir sind müde. Es ist Zeit, ein bischen zu rasten l" — — Tanger hieß bei den Römern Tingis und ward unter Kaiser Claudius römische Colonie und Hauptstadt der Provinz Tingitana oder des westlichen Mauritanien. Von den Westgothen im 5. Jahrhundert den Römern abgenommen, kam es im 8. Jahrhundert an die Araber. Die Portugiesen brachten es 1471 in ihre Gewalt. 1662 ward es als Brautschatz der portugiesischen Infantin bei deren Vermählung mit Karl H. von England an Letzteres abgetreten, aber wegen der kostspieligen Unterhaltung 1684 ausgegeben, woraus es die Mauren wieder in Besitz nahmen. 1743 fiel es an Marocco. Am 6. August 1844 ward es von einer französischen Flotte bombardirt, worauf am 10. November daselbst der Friede zwischen Frankreich und Marocco abgeschlossen ward. Tanger besitzt schöne Moscheen, ein Franziskanerkloster mit Kapelle, dem einzigen christlichen Gotteshaus im ganzen Reiche, und mehrere Synagogen. II. Toledo. In einem zweiten Berichte aus Toledo beschreibt der Autor unter Anderem auch zwei Kirchen, die einstmals Synagogen waren, wie folgt: ״Wir klopfen an eine Holzthür und ein altes Mütterchen mit wirrem Haar und Triefaugen öffnet uns. Da uns die Hexe anlacht, zeigt sie uns den einzigen Zahn, der in ihrem Gebiss geblieben ist, und streckt uns die Hand entgegen, um die zwei Realen in Empfang zu nehmen. Das ist die Hüterin der Kirche von Santa Maria 1a Blancka. Es war einst die Synagoge der Juden von Toledo, die hier eine hohe Schule hatten. Ein schmuckloses aber mächtiges Bauwerk, in dem man noch genau dw Stelle sehen kann, non hin die Fronen dem Gottesdienste folgten, wo die Bundeslade stand, und die Thüren der einstigen Synagoge, riesige Flügeln aus Holz, lehnen an der Wand der seit langem entweihten Kirche. Noch eine zweite Synagoge ist erhalten geblieben, und sie wird eben stilgerecht restaurirt. Sie ist interessanter als die 1500 zur Kirche von Santa Maria la Blancha gewordene Synagoge, in der uns nur die feingeschlungenen Säulenkapitäler ausfallen. In der ״Transito- Synagoge", wie der zweite Judentempel heißt, laufen nach hoch Oben an der einstigen Frauengalerie die hebräischen Inschriften herum, sich aus einem Bande von grauen, reinmaurischen Ornamenten heraushebend, jeder einzelne Buchstabe deutlich erkennbar. Wo sind sie, die Nachkommen jener stolzen Juden von Toledo, die hier ihren Gott anriesen. Sie leben drüben im Oriente und haben aus dem Lande, das sie verjagt, das ihre Tempel verwüstet, Nichts mitgenommen, als die — Sprache, die theure Sprache der Heimat, das Spanische. Die Adutt's die Danon's, die Russo's, die Elias, die Eskanasy's, die Alkaley's, das sind die Nachkommen der Juden, die hier in diesen Räumen vergebens die Hilfe ihres Gottes anflehten, als Tod und Schrecken sie bedrohte. O, Du unglückliches Volk, Du! Dein Leiden ist ja noch nicht vorüber! Noch heute hält sich jeder flaümbärtige Junge für einen Helden, wenn er einen armen Hebräer, der ihm Hosenträger anbietet, an dem Barte zupft und ist sich des wohlfeilen Beifalls der Menge gewiss, wenn er ihm einen Stein nachwirst! Wann wird Gott endlich Erbarmen haben mit seinem Volke?! Man steht vor einem- Stück Weltgeschichte und wie eisig Wehm die Schrecken längst vergangener Zeiten uns an!" Für diejenigen unserer Leser, denen es unbekannt sein dürfte, fügen wir noch hiezu, dass auch die Residenzstadt Men eine fast ähnliche Metamorphose aufzuweisen hat. Am 18. August 1670 wurde hier durch Kaiser Leopold der Grundstein zum Baue der Pfarrkirche zu ״St. Leopold" in der Leopoldstadt auf derselben Stelle gelegt, wo früher sich die Synagoge befand. Eine uralte Beschreibung der Stadt Wien besagt hierüber Folgendes: ״ . . . Die Judenstadt ward in eine Christenstadt verwandelt, und der Platz der Jüdischen Synagog zu einem Gotts-Hauß gewidmet.Den 18.Augustimehrgemelten 1870 Jahrs ward allso von Jhro Röm. Kayserl. Majestät Leopold der erste Grundstein zu diesem würdigen Gotts-Hauß geleget. Samt dem Stein ward eine sehr große goldene Denk-Münz in Grund eingesencket." . . . ״Diese Schrifft", heißt es.in der Beschreibung weiter, ״giebet erklärlich an Tag das die Jüdische Synagog an dem Platz der neu erbauten Pfarrkirche und nicht wie einige dafür halten, am Platz des Carmekiter-Kkosters gestanden." Alois Kulka. Dr. Herjt's Iudrnstaat. Dr. Theodor Herzl, der Verfasser der epochalen Broschüre ״Der Judenstaat" hatte sich im vorigen Monate behufs Propagiruug seiner Idee nach Constantinopel begeben und mit den türkischen Staatswürdenträgern eingehende Verhandlungen über die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina gepflogen. Als ein günstiges Symptom mag der Umstand gedeutet werden, dass Dr. Herzl vom Sultan durch Verleihung des Medjidje- Ordens H. Classe ausgezeichnet wurde. Von Constantinopel reiste Dr. Herzl nach London, um die Gründung einer ״ Jewisk Society" anzuregen. Bei dieser Gelegenheit hielt er im Vereine der ״Maccabaer" eine Rede, deren wichtigste Stellen wir im Nachfolgenden wiedergeben: ״M eine Herren! Seit ich zum letztenmale die Ehre hatte, vor Ihnen zu sprechen, hat die Sache der Juden Fortschritte gemacht. Ich werde Ihnen heute hier nicht Alles sagen können, weil gerade die wichtigsten Dinge, welche vorgekommen sind, eine äußerst delicate Behandlung erfordern. Als einen nicht geringen Fortschritt glaube ich es ansehen zu dürfen, dass der Plan der Errichtung eines Judenstaates von regierenden Persönlichkeiten in durchaus ernster Weise mit mir discutirt worden ist. Das wird Manche überraschen, die vor einigen Monaten mit ungemein ironischem Lächeln auf mich und meine verrückte Idee herabzusehen beliebten. Gelächter, Geschrei, Beschimpfungen und Verdächtigungen begleiten jede menschliche Idee auf ihrem Schmerzensweg. Daran hat es auch in diesem Falle nicht gefehlt. Die Hauptsache ist, dass wir unbekümmert weitergehen. Als ich mein kleines Buch vom Judenstaat schrieb, glaubte ich besonders schlau zu sein, indem ich alle Einwände vorwegzunehmen versuchte. Das hat aber nichts genützt. Alle Einwände, die ich schon in meiner Schrift logisch zu widerlegen versucht hatte, wurden dennoch vorgebracht, ohne Rücksicht auf meine anticipative Widerlegung. Meine Wünsche wurden nicht bekämpft, sondern nicht beachtet. Viele Menschen lesen in einem Buche nicht, was darin steht, sondern was sie hineinlegen, lind gar diejenigen, die nur den Titel kennen! Die waren in ihrem Urtheile am erbittertsten. Der Judenstaat! Welcher Wyhnwitz! Oder soll man sagen: Dummheit? Oder ist es nicht noch eher der Spass eines Humoristen, der einmal die Welt recht herzlich lachen machen möchte — auf Kosten seines eigenen unglücklichen Volkes? Die abfälligen Bemerkungen waren gar nicht zu zählen. Manche habe ich aufbewahrt, und sie werden einmal ein schönes Denkmal für ihre Verfasser bilden, wenn der Judenstaat entstehen l sollte. Was meine Philosophie zu einer heiteren machte, war der