Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 7 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S eite 4. Gesterreichisch-ungarLsche Lantoren-Zeitung. Sir. 7. Bildes ganz verblassen und der letzte eigenthümliche Dust des GhetwlÄens verraucht ist. Sie gehen unter, die altjüdischen Gemeinden, mit chrem Glauben und ihrem Wahn, mit ihrem Schmutz und chrer Ursprünglichkeit, mit ihrer Einfalt und ihrem Witz, mit ihrer Armuth und Poesie. Eine eigene Welt verschwinde^ mit ihnen, eine besondere Art zu denken und zu fühlen, eine unnachahmliche Fröhlichkeit und Melancholie — eine Welt, die sich blos Ln ihrer eigenen Sprache schildern lässt, die aber -— trotz Leopold Kompert und Max Bernstein — ihren Fritz Reutter leider nicht gefunden hat. Nur Ägai rettet in seine jüdischen Witzfiguren etwas von dem unverwüstlichen Humor ihrer Denkweise hinüber. Aber er rettet es, wie man Ertrinkende birgt, bei den Haaren; ins Ungarische will der Ghettowitz nicht recht hinein. So wird denn— es ist zu höheren Zwecken gut — ball) der letzte Dorfjude mit dem letzten Zigeuner verschwinden und Beide werden nur noch im doppelten Abbild leben; in der Anekdote und in der Musik. In Deiner Musik leben sogar Beide, der Jude und der Zigeuner. Hat Dir nicht der große Speidel, als die ״Königin von Saba" die Wiener entzückte, die jüdelnde Triole vorgehalten, die Du mit Rubinstein gemein haben, solltest? Und haben sie nicht das Jüdische in Deiner ״Sakuntala" aus dem Zigeunerischen erklärt? Und zieht» Dich nicht zeitweise selber aus Deinem Welt- ן rühme (vor dem Du Dich steilich gern in Gmunden versteckst) j nach dem kleinen jüdischen Neste zurück? Vor zwei Jahren hattest Du mit mir verabredet, dass wir zusammen nach Deutsch-Kreutz wollen, um die Stätten des Jugendlebens und der Jugendspiele abzugehen — von der grauen Kirche über die ״Gaß" dann ״zur Bach" in die ״Neuen Häuser" und ins ״Schloß", um schließlich durch's ״Hölzel" zum ״guten Ort" zu kommen,, :wo unsere Witter ruhen. Es ist nichts daraus geworden — durch meine Schuld. Darum will ich zum Ersatz mit einigen Federstrichen die Erinnerung an das alte Deutsch-Kreutz vor Dir austauchen lassen, in welchem mein Großvater der Rosch ha kohel und Dein Vater Chasen war. Mein Großvater war Bäckermeister und ein wenig Productenhändler — als ich ihn kannte, trug er moderne Kleider und gab sich überhaupt nicht ohne gewissen Stolz und einige Diplomatie. Er vertrat dem Rabbiner gegenüber, her ein wahrer Jnfallibilitätsmensch war, den liberalen Standpunkt. Darüber ist nicht zu staunen bei einem Manne, in dessen Bäckerkasten ich litterarisch genäschiger Knabe das ״Magazin" von Nikolai fand, mit der ersten Kritik, die über Lessings ״Laokoon" erschienen, und daneben stanzösische Romane von einer Sorte — und mit Illustrationen!! — Dein Vater dagegen trug gewiss noch die Tracht von Moses Mendelssohn, die ich an vielen unserer Alten leibhaftig gesehen. Erinnerst Du Dich der dunklen Gestalten in langem braunen Frack, mit Schößen, die an den Boden reichten, in seidener Weste, sammtener. Kniehose und schwarzen Strümpfen mit Schnallenschuhen? Was den gebeugten Figuren aber zumeist den Charakter gab, das war das ״Häubelbrettl", richtiger, das Barett auf dem Kopfe, ohne welches sie me in die Synagoge giengen. An ihnen sah man äußerlich, was sich sonst nur in Sprache und Sitten zeigt: den Unterschied, zwischen dem polnischen und dem ungarischen Juden. Der ungarische Jude ist nämlich der deutsche, d. h. jener, der aus Deutschland stammt, wie es die Tracht der Väter zeigt, oder vielleicht, ursprünglich aus Spanien auf dem Umweg über die Niederlande: denn auch Spinoza dürfte sich ähnlich gekleidet haben. Die Juden wieder, die aus Galizien über die Hegyalja sluthen, kommen im Talar (Schubetzer) und mit Ohrlocken — eine Tracht, die bei unseren Vorfahren nie heimisch war.. War der alte Goldmark Säuger, so war er auch gewiss Lehrer — denn ein Amt nährte in der damaligen Gemeinde seinen Mann nicht. Ein armer Sklave, der jüdische Dorfschullehrer von dazumal, aber auch ein schrecklicher Tyrann. Die. Mütter betrachteten ihn als den Meschores des Dorfes, der ihnen die Kinder nicht nur unterrichten, sondern auch vom Halse halten sollte: von 8 Uhr Morgens bis 12 Uhr Mittags und von 2 Uhr Nachmittags bis 5 Uhr Abends hatte ein und derselbe Mann täglich Schule zu halten. Kein Wunder, wenn der halbverhungerte Mensch.leicht wild wurde in der dunstigen Stube, inmitten des Höllenlärms, von dem die ״Judenschule."- ihren Namen hat, und wenn -er bei dem ersten Zornesausbrauch in eine Gruppe von Buben hineinhieb, wild, wie die Rache, und blind, wie die Gerechtigkeit. Mich hat der Lehrer Schiegel ein-. Mondrrisch. Novellette von L e o p o l d S a ch e r - M a s o ch. Aus dem New-Uorker Herold mitgetheilt von Rev. Osias Hochglück (früher Obercantor in St. Gallen, Schweiz.) . (Schluss/) •; ״Bist Du ein Jude?" stagt mich der Türke. ״Ja", sagte ich,, ״und Du?" — ״Auch ich bin vom Stamme Abrahams." Nun sehen Sie, Herr Oberst, wenn zwei Juden sich treffen, von was sollen sie etwa sprechen, als vom Geschäft? Sage ich zu Schalmon Zewi, dem türkischen Juden: ״Willst Du machen ein gutes Geschäft?" — ״Warum nicht?" sagte er, ״wie kannst Du nur fragen" — Gut, ich sage ihm also, dass unser Herr Oberst hat gesetzt einen Preis von fünf Rubelstir jedes türkische Gewehr, und ob er will theilen mit mir und ME liefern hundert Stück Gewehre und hundert Stück Patronentaschen mit Munitwn. Der Schalmon ist ein guter Jnd und hat geliefert treulich die Waare mit Lebensgefahr, was ich habe geholt jede Nacht mit Lebensgefahr, und ich habe chm endlich bezahlt die zweihundertnndfünfzig Rubel, die eü hat sterdient :bei dem schönen Geschäft, wofür der Himmel seinen' soll den Herrn Obersten und seine, gnädige. Frau und seme Lieben Kinder/" ־ - - ־! ' י ״ --Weist Du Monderisch," ׳ -sägte der Oberst, -nachdemer sich Von: Mnem Staunen ein wenig, erholt ׳ hätte,^dass/Dn/em geriebener Bursche bist, aber Courage Hast Du.auch, sonst hättest Du Dich doch nicht bis in die türkische Linie bewegt. Was hat Dich also bestimmt, so oft Dein Leben zu wagen, nur die fünf Rubel?" ״Nur die Liebe.Herr Oberst!" .״Also zu dem Lustspiel noch ein Roman. Erzähle." Monderisch erzählte, und als er zu Ende war, da lächelte Bäkschiroff und sprach: ״Im Grunde bist Du ein braver Kerl. Wenn der Krieg zu Ende ist und wir beide noch am Leben sind, dann melde dich bei mir." Plewna war gefallen und die große Schlacht am Schipkapass geschlagen. Es war einige Tage darauf, im Barackenspital zu Sofia, wo sich Monderisch bei dem Obersten Bäkschiroff meldete. Dieser war durch den Arm geschossen worden, und Monderisch hinkte aus dem linken Bein. : ״Invalid bin ich", sagte er freudestrahlend, ״das ist die Hauptsache.- Uebrigens brauche ich das Bein nicht mehr wie stüher. Mit dem Bündel werde ich doch nicht mehr herumgehen, sondern mir einen kleinen Laden einrichten in Kamieuez Podolski?" ״Das hast Du gar nicht nöthig", erwiderte der Oberst, behaglich :seinen Tschibuk. schmauchend, ״Du sollstdie Schenke und die Branntweinbrennerei auf meinem Gute bei Human Habens l »Ist das Ihr Ernst, gnädiger Herr Oberst?" ...•* ... , l ״Mein vollster Ernst." - - ״ \ Mönderisch wär^f sich seinem Wohlthäter zu Füßen'und j. küsste seine Hand.