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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1893-05-21 · Heft 14 (21.5.1893) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 14 (21.5.1893)
Date
1893-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Canioren - Zeitung. Central-Organ für die Interessen der Cantvren und Cultnsbesmten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründers Obercantor laeok kaue«׳. Pränumerations-Preis. FürLantvrrn u.Eulrusbranlte in Vrsterreirsr-Ungarn Ganzjährig.fl. •I.— Halbjäbrig.fl. 2.— FürCantorrn u.Cuttnsbeamte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder t Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig.fl 6.— Kedarlion und Administration Wien II., Novaragasse Ar. 27. Inserate werden billigst berechnet. Mannscripte werden nicht retournirt. j Abonnementsu. Insertion«- betrüge sind in Wien!atzlbar. Nr. 14. Wien, 21. Mai 1893. 13. Jahrgang. Wien. 19. Mai. Wir haben schon des Oefteren Gelegenheit genommen, auf die misslichert eantoralen Verhättniße hinzulveisen, lvelche sich allmälig in der Hauptstadt Böhmens heransgebildet haben, und dlirch lieuertiche Borfälle veranlasst, sehen wir uns auch heilte wieder genöthigt, die vssentliche Ausmerksamkeit ans diese Zustände zu lenken. , . .. \ f Es ist z. B. eine,' nirgends so sehr wie an Drag aus״ gebildete Unsitte, dass die meisten Trauungen nicht in der Synagoge, 'sondern iit Gasthäusern oder in anderen össentlichen Lokalen, die ihrer Bestinumlng gemäß höchst Prosaneil Zwecken dienen, vollzogen werden, wobei die cantvrale Function nicht von dem zustälidigeil Cantor, sondern von irgend einer beliebigen Persoll versehen wird. Die Gemeinde und das Rabbinat, die hiezu ihre Zustimmnilg ertheilen, begeheil damit ein doppeltes Unrecht, denn erstens wird der von der Gemeinde angestellte Cantor durch den Entgaug der Function materiell geschädigt, und zlveitens — was im Interesse der Moral und Sicke' lioch! gefährlicher ist — lvird der feierliche Act, an den -sich die schönsten und heiligsten Erinnerungen eines jeden Familienlebens knüpfen sollen, durch den Ort der Handlung seiner religiösen Weihe entkleidet. Wie nun auf diese Weise bei Schließung eines Ehebundes der Cantor entbehrlich gemacht wird, so scheint es fast eine Consequenz dieser Anschauung zu sein, dass in Prag auch bei Leichenbegängnißen, also in dein Momente, wo dlirch den Tod die Familienbande zerrissen werden, eine eantorale Function zmneist nicht existirt. '11 Jedoch in beiden Füllen könnte der oft berücksichti^ungswürdige Wililsch eüler Privatpartei bestilinnelld sein, uiid'einigermaßen als Entschuldigullg sür die.gerügte Unsitte angeführt werden: wie kaim es aber gerechtfertigt werden, dass der Cantor bei' Verailstaltungen, die die Gemeinde selbst oder eine mit ihr in Verbindung stehende Corporation trifft, z. B. bei GedächtnisfeicrlichMken m der Synagoge oder bei der Einweihung einer LeichenhatU? also auf dem Gebiete seiner eigensten, ihm seit JahrhundeAMzuerkannten Berufsthätigkeit, außer Action gesetzt wird? JWMucn und anderen milstergiltigeii jüdischen Gemeilttvesen wird der Cantor zu allen, selbst außerhalb der Synagoge stattfindenden Handlungeil zugezogeu, die nur einigernlaßen einen religiöseil Anstrich haben, mit einenl Worte sagen wir, überall, wo der Rabbiner fungirt, so z. B. bei Einweihung eines Waisenhauses, eines Versorgullgshanses oder irgend eines anderen Humanitären Institutes, gar nicht zu reden von den vielen, liicht streng gottesdienstlichen Feierlichkeiten in der Snnagoge selbst: in Prag jedoch wird im Tempel ein Requiem abgehalteil, oder von der Chewra-Kadischa eine Lchchenhälle Lmgeweiht,. aber vom Cantor keine Spur. Und lvelNl schon — zumeist damit die Feier ja imr bei den illustren ändersgWnbigen׳ Gästen ׳Gefallen finde — auf eine gesangliche Mitwirkung llllbedingt nicht verzichtet werdeil kann, so wird dies vom Chore unter Leitung des Herrn Chor-Direktors (!) besorgt. Das hat wenigstens einen kirchlichen Anstrich! In einer Zeit, wo der Jndifferentismns sich auf allen Gebieten des religiösen Lebens breit macht und immer größere Schichten des jüdischen Volkes erfasst, in einer Zeit, wo man allenthalben Mittel und Wege sucht, um den religiösen Sinn in den jüdischen Gemeinden zu heben und zu fördern ■ in einer solchen Zeit ist es gefährlich und geradezu unverantwortlich, jüdisch-traditionelle Sitten und Gebräuche, namentlich solche, die den Gottesdienst betreffen, unbeachtet bei Seite zu schieben. Ulld fürwahr der jüdische Cantor ist der Träger einer der vornehmsten und lvichtigsten jüdischen Institutionen, und an seinem traditionellen Wirkungskreise sollte nicht leichtsinnig gerüttelt werden. Nicht genug zu verwundern ist es, dass solche Zustände ohne warnenden Einspruch fortbestehen unter Aegide eines Mannes, dem bei seiner Berufung auf den Prager Oberrabbinatsstuhl der Ruf eines strengeic Conservativismus vorausgieng. Oder sollte dieser Conservativismus an der cantoralen Interessensphäre Halt machen und sich dort in eine ausgesprochen fortschrittliche Richtung verwandeln? Das können nur denn doch nicht annehmen, und vielleicht genügt dieser Appell an seinen Gerechtigkeitssinn, um die Ansnierksamkeit des ehrwürdigen Oberrabbinates auf die angeführten Missstünde zu. lenken. An anderer Stelle dieses Blattes wird über eine jüngst in Prag unter dem Vorsitze des Herrn Tr. Ehrenfeld stattgehabte Rnbbinerversammlung berichtet, welche die Gründung eines Rabbinerverbandes für Böhmen bezweckte. Es ist. nicht unsere

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