Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1892)
- Date
- 1892-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2. Besterreichisch -ungarische Cantoren-Zeitung. Nr. 7. teresse für diesen richtigen Gegenstand verspürt, der lese diesen in jeder Hinsicht ausgezeichneten Artikel nach, er wird dort Alles ausführlich behandelt finden , worüber er Auskunft zu erhalten wünscht. ' Um aber der pedantischen und durchaus falschen Meinung, die hauptsächlich in Cantorenkreisen aus unerklärliche Weise Ver-! breitung und Anhang gesunden, dass nämlich die Stimme durch die Coloratur nur Schaden erleidet und diese schon deshalb zu verwerfen und so viel wie möglich zu beschränken wäre, wirk-! sam entgegenzutreten, erlauben wir uns hier das anzusühren,! was dieser Meister des Gesanges über den Nutzen der Colo- I ratur für die Stimme wörtlich sagt: ״Nachdem wir die fünft lerische Berechtigung des Coloraturgesanges dargethan haben, wollen wir untersuchen, welchen Nutzen das Coloraturftudium für die Bildung der Stimme hat. Es wird oft aller Werth aus die Fülle des Tones gelegt, aber das ist einseitig. Tonfülle ist nur dann unbedingt zu schätzen, wenn sie als höchste Steigerung eines piano genommenen Tones erscheint. Denn das Wesen der Musik liegt in der Bewegung; darum must auch der schöne Ton ein sich bewegender, sich entwickelnder sein, ein leichter Ansatz also und die Kunst, mit wenigem Athem Ton zu erzeugen, müssen zu Grunde liegen; diese Eigenschaften aber werden durch das Coloraturftudium ungemein befördert, weil sie die unerlässliche Voraussetzung desselben sind. Es giebt ferner kein besseres Mittel, um den Umsang der Stimme nach der Höhe auszubilden und die Ausgleichung der Register herüeizuführen, als ras Coloraturftudium. Höhe wird nämlich nur durch leichten Ansatz, nicht durch sich von Ton zu Ton steigernde Krastanstrengung, wie es der Naturalismus liebt, gewonnen. die Coloratur aber führt den Sänger in diese Hinsicht sicherer auf den rechten Weg, als die fortdauernde Beschäftigung mit getragener Musik, bei der er nur zu leicht zu einem schwersälligen, forcirten Ansatz der hohen Töne verführt wird. Was aber die Ausgleichung der Register betrifft, so wird der Sänger bei dem Coloraturftudium am lebendigsten die Unbequemlichkeiten gewahr, welche die Ungleichheit der Register mit sich führt, wird getrieben an die widerwilligen Töne so lange zu feilen, bis sie jene Gemeinschaft mit einander eingehen, die einen schnellen, graziösen und unmerkli, chen Uebergang gestattet. Endlich selbst für den ausdrucksvollen Gesang bietet die Coloratur mehrfache Vortheile, denn in der Coloratur lernt der Sänger, Herr über seine Stimme werden, mit ihr spielen. Eben dieser Herrschaft und eben dieser Fähigkeit, mit der Stimme spielen zu können, bedarf er aber auch für den ausdrucksvollen Gesang, den er ja nur dadurch erreicht, dass ihm jede.Nuance des Tones zu Gebote steht. In dem Coloraturftudium erwirbt er sich nun zwar zunächst nur die technische Seile dieser Thätigkeit; er hat dann aber, wenn er Geist und Empfindung besitzt, einen bessern .technischen Boden für den Ausdruck, als wenn seine Stimme schwerfällig und unbiegsam geblieben ist." Das ist nun die gewichtige, ohne Zweifel mastgebende Stimme eines der gröstten Gesanglehrer und Gesangkenner unserer Zeit, und wir glauben, man dürfte einer solchen Autorität schon aufs Wort glauben, wenn sie uns versichert, dass dieses liebliche Schwesternpaar, Stimme und Coloratur liebende und verträgliche Jungfrauen sind. Herr G. Engel, der liebenswürdige Erzieher und geistvolle Lehrer dieser beiden liebreichen Damen, wird doch wohl diese zarten Frauenherzen am besten zu beurtheilen wissen, und er ists, der uns ^etheuert, dass weit davon entfernt, dass sie — wie fälschlich, ja verleumderisch behauptet wird — sich befehden und sich gegenseitig Schäden zuzufügen suchten, sind sie im Gegentheil sogar weidlich, in reiner selbstloser Jungfräulichkeit bestrebt, ihren Verehrer nur s e l b a n der u n d ׳ g e in e i n s ch a f t l i ch zu beglücken. Sie sind beide zugleich ernstlich bemüht, ihren Anbeter zu veredeln und ihn zu Idealen' zu leiten, die» ihn ihrer ehrwürdig machen sollen und ihnen ermöglichen, ihn einstmals ihrer großen Mutter ״Kunst" genannt, als lieben Eidam zusühren zu können, welche ihn wieder ihrerseits, wenn er er auch ihre Gunst zu gewinnen versteht, als ihren treuen,, gehorsamen ״Sohn" anerkennt. So weit aber gilt diese Betrachtung nur der einen, der musikalischen Seite, wo wir Gelegenheit genug finden, zu erkennen, welche richtigen Momente für die Ausübung der Coloratur so deutlich und so warm sprechen. Allein speziell für uns Juden und hauptsächlich für uns Cantoren gibt es noch einen bedeutenderen Grund, der hier ebenfalls nicht übergangen werdendarf, und welcher noch mehr geeignet ist, unfern Gegenstand zu beleuchten. (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Orttzodorie und das Volksschulgeseh. B u n z l a u, 14. Februar 1892. Zu den wirklich unbegreiflichen.Behauptungen, die sich auch heute noch seit den Zeiten Börnes und Heines immer wiederholen und sich wie eine Krankheit von Geschlecht zu Geschlecht forterben, gehört diejenige von dem Liberalismus der Juden als solchen. Nichts ist weniger gerechtfertigt, als Juden und Liberalismus in einem ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Zutreffend ist nur hier so viel, dass es seit dem öffentlichen litterarischen Auftreten Moses Mendelssohn's. eine Anzahl hervorragender Juden in Deutschland gegeben hat, welche sich zum Liberalismus, das heißt zu einer liberalen Welt- und Religionsanschauung bekannten, dass diese taleutvollen Männer in der Litteratur, in der Tagespresse, auch zuweilen in den Volksvertretungen Ansehen und Einfluss erlangten. Ebenso wenig kann in Abrede gestellt werden, dass mitunter auch Vertreter des politischen oder sozialen Radikalismus in den Reihen der Juden erschienen sind. Es ist aber auch nicht im - Allermindesten verwunderlich, wenn die ausstrebenden jüdischen Köpfe, die nach moderner deutscher Bildung verlangten, sich der liberalen, das heißt der von unseren großen deutschen Denkern und Dichtern entwicktelten und in begeisterten Worten gepriesenen freien Weltanschauung zuneigten. Die jetzigen wüsten und ungebildeten judenhetzerischcu Volksverderber mögen nämlich toben und lärmen, so viel sie wollen: ,>das Wort sie sollen lassen stahn", dass die moderne Bildung der Juden eine im Grunde deutsche ist und ihre unausrottbar tiefen Wurzeln in dem deutschen Geiste hat, der sich in Lessing, Herder, Kant, Schiller, Goethe, den beiden Humboldts Ranke, Schleiermacher für alle Ewigkeit offenbart hat, und den todtzuschlagen weder die Herren von Kleist-Retzow und Hammerstein, noch die Herren von Buch und Reichensperger stark und bedeutend genug sind. Es gab eine Zeit, zu welcher Deutschsein und Liberalsein ein und dasselbe bedeutete; die liberale Weltanschauung, das war eben die ,deutsche Weltanschauung und alle 'deutschen Juden, die sich aus der Zwangsjacke der