Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 7 (1.3.1892)
- Date
- 1892-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Cantoren - Zeitung Cantral-Organ Prrniilirikrritioiis-Prkis. Kür ßantoreu und tzuttusSer-mle in Hesterreich-Angarn Ganzjährig - . . . . fl. 4 — Halbjährig.fl. 2.— Kür ßanloren und ßnttusbeamle im Anstand Ganzjährig ..... 8 Mark oder 4 Rubel. Kür private und Institute Ganzjährig.fl. 1>.— für die Iniereffrn der Cantoren und Cultusüeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Hledaclion Administration Wien II. Novaragasse Nr. 27. J Inserate I werden billigst derechnet- Manuscripte werden nicht! retournirt. AboiiilemeiltS und Jirscrtionrbc-! träge stii» iu Wien zahlbar. 1! i; Ji - 4 Wien, 1. März 1892. 12. Jahrgang. Zur Klärung -er Frage der traditionellen Tonarten. XXIV. I (Fortsetzung.) ״Unter ״Coloratur", deduzirten wir an besagter Stelle, versteht man die auf Agilität beruhende Kunstfertigkeit, den aus . einfachen.glatten׳Tönen bestehenden Gesang durch Passagen und Läufer zu verzieren und auszuschmücken. Somit ist Coloratur ein wesentlicher Theil der Tonmalerei, durch welche sie frisches, pulsirendes Leben und reiche Farbenpracht erhält. Die Coloratur hatte einstmals bessere Zeiten gesehen und es ist ihr an der Wiege nicht vorgesungen worden, dass für sie Zeiten eintreten werden, wo ihre ganze Existenzberechtigung bestritten und ihr das Epitheton ״Schnörkel" beigelegt werden wird. Es gab für sie eine Zeit der Blüthe und voller Ehren, da es Niemand gewagt hatte, ihr in ehrenrühriger und beleidigender Weise nahe zu treten. Jetzt haben sich die Zeiten für sie wesentlich geändert und ihrem allmähligen Verfalle liegt folgender Vorgang zu Grunde. In-früheren Zeiten nämlich hat man die Coloratursiguren und sonstigen melismatischen Zeichen selten ausgeschrieben, indem man es dem rontinivten Sänger überließ, passende Coloraturgünge an geeigneten Stellen der Composition frei und nach Belieben anzubringen, ganz wie es ihm das Gefühl ein gab und er es für gut befand; man nannte sie denn auch ״die freie oder w il l k ü rli che C olor a tu r." Nachdem aber eine große Masse von Stümpern und blinden Nachahmern anfing, es darin den großen, selbstbewussten Sängern^nachzumachen und mit der schönen, überall des größten Beifalls sich erfreuenden Coloratur Missbrauch und Unfug zu treiben, da haben sich die Componisten dazu veranlasst gefunden, die bisher frei gewesene Coloratur insofern zu beschränken, indem sie dieselbe in ihren Compositionen sebstgenau angaben und deutlich bezeichneten. Dadurch entstand ״die v o r g e s ch r i e b e n e C o l o r atur." Aber jene Stümper und Nachahmer ließen sich dadurch nicht abschrecken und setzten ihr Unwesen im Gebrauche freier, ja unpassender Coloraturen noch immer fort, ohne jede innere Veranlassung und umbekümmert, ob der Sinn der Composition es zuließ oder nicht, und verunstalteten so nicht selten die schönsten Compositionen statt sie zu schmücken. Denn man war eben meistens nur darauf bedacht, seine technische Fertigkeit allein überall hervorznkehreu und sie mit Ostentation zu zeigen; auf den Sinn unv das Wesen der Composilionen selbst aber wurde In keiner Weise Rücksicht genommeti, und wenn Coloraturfähigkeit früher das größte Lob verdiente und als wahre Genialität angesehen wurde, hat sie sich später dadurch den größten Tadel zugezogen und ist in Verruf und Verdacht gekommen. Man fing an, sich nach einem schlichten, ruhig und langsam dahinfließenden Gesang zu sehnen, und ״das Kind mit dem Bade ausgießend", bestritt man die Berechtigung der Coloratur überhaupt; und so drohte ihr von nun an der völlige Untergang. Allein, wie man der Architectnr befehlen könnte, dass sie bei allen ihren Kunstbauten eine Fluth von glatten, schmucklosen Wänden nur hinstellen solle, nirgend ihre phantasiereichen Arabesken und kunstvollen Stuccaturen anbringen dürfe; der Malerei gebieten, bei ihren Gemälden keine andern, als nur die einfachsten Farben, jede einzeln für sich und in schnürgraden Strichen, zu verwenden, nie aber zur Vermehrung der Farbenpracht eine Complication und Vermischung der Farben vorzunehmen; ebensowenig kann man vom Kunstgesange fordern, dass er immer nur den Schneckengang nachahmen und sich nur in hübsch gemessenen uud ehrbar langsamen Tonschritten bewegen, nie aber einen schnellen, jugendlich verwegenen ״Lauf" wagen soll. Und in der Thal hat die Stimmung bezüglich der Coloratur in jüngerer Zeit eine erfreuliche Wendung zu ihren Gunsten genommen, und schon lassen sich viele und gewichtige Stimmen zu ihrer Rehabilitirung verlauten. Es würden sich daher unsere etwaigen Argumente für die Berechtigung des Coloraturgesanges gar zu mager uitb dürftig gegenüber jenen erweisen, die der berühmte Gesanglehrer uub fruchtbare mnfikalische Schriftsteller, Herr Gustav Engel, darüber vorführt, und finden wir es deshalb für angemessen, in dieser Beziehung auf seinen vortrefflichen Artikel ״Coloratur" in Mendels ״Musikalisches .Conversations-Lexicon" zu verweisen. Wer vollauf In-