Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-04-23 · Heft 14 (23.4.1888) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 14 (23.4.1888)
Date
1888-04-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453144--2482-3456735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— s Kleine Chronik. WZerr Aus der Kolonie der russischen Juden ״Allianz" in Wineland (Amerika) bringt ״Hazephira" einen sehr nach ״Humbug" Ringenden Bericht über die Feier des. letzten Purim-Festes, in dieser Kolonie: ״In der von der Frau Rellendorf gestifteten Syuagoge versammelten sich die Kolonisten zum Anhören der Megilla. Ein großer Raum in der Synagoge war für Kinder reservirt. Diese waren mit geladenen Pistolen versehen, und jedesmal wenn der Name.״Mordechai" oder ״Esther" dem Munde des Vorlesers entströmte, wurden von den Kindern Ehrenschüsse (Salutes d’honneur) losgebrannt. Nach der Synagoge fuhren die Kinder in 6 Gespannen der Kolonie einher, das Banner Amerikas in den Lüsten stattern lassend, patriotische Lieder in englischer Sprache singend, in Begleitung der Mütter, die die Kinder beaufsichtigten. Co :begaben sie sich zur Wohnung des Lehrers. Dieser brachte mit gefülltem. Becher einen:Toast aus auf die Prolektoren der Kolonie, in welchen die Kinder mit donnernden Hochs einstimmten. Wudaxest Baron Hirsch hat wieder einen Beweis seiner hohen menschlichen Gesinnung gegeben, indem er der Frau David Bischitz den namhaften Betrag von yierzigtausend Gulden behufs Vertheilung an die durch Wasser und Feuer.Geschädigten unseres, in letzterer Zeit besonders schwer heimgesuchten Vaterlandes übersandte. Frau Bischitz hat auch bereits dem Szathmarer Bürgermeister Karl v. Besermeni fünfzehntausend Gulden mit dem Bemerken übermittelt, dass diese Summe, dem Wunsche des hochherzigen Spenders entsprechend, unter die Geschädigten ״ohne Unterschied der Consession" zur Vertheilung gelangen möge. Dieser Act der Wohlthätigkeit ist.umso höher anzuschlagen, als Baron Hirsch, wie bekannt, schon seit sehr langer Zeit alljährlich durch Frau Bischitz einen bedeutenden Betrag an die Armen des ganzen Landes zur Vertheilung bringen lässt. Wettin. Das alte unscheinbare Gebäude an der Ecke der Kaiser-Wilhelmstraße und Spandauerstraße, in welchem Moses Mendelssohn lebte, ist.bekanntlich niedergerissen worden, um einem Pracht bau Platz zu machen. An diesem Gebäude hat man eine.kleine Tafel befestigt mit der einfachen Inschrift; ״Hier wohnte Moses Mendelssöhn, geb. m Dessau, ‘ den 6. 9. 1729, gest. in Berlin, den '4. 1. 1786״. Die alte Inschrift, welche auf einer Marmortafel in vertieften, vergoldeten Lettern angebracht, :war- ״Hier wohnte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn", ist an der Hinterfront des Vorderhauses emgemauert worden. Die beiden Inschriften ergänzen sich. ' M. W. Storeuz. Dienstag nach Ostern herrschte im Tempel zu Florenz reges Treiben. Die Königin vom England hatte den Wunsch geäußert, das Hiesige Gotteshaus zu besichtigen, und empfangen von dem Vorstände und den Spitzen der jüdischen Gemeinde, traf sie gegen 11 Uhr dort ein. Am Arme des Herzogs von Leuchtenberg durchschritt sie langsam das Gotteshaus und wurde nicht müde/ den Bau und die prächtige Einrichtung zu bewundern. Bevor sie noch der Villa Palmieri zurückkehrte, theilte einer der Hofmeister noch mit, dass Ihre Majestät 500 Lire für die jüdischen Armen gespendet habe. In dieser Woche erwartet man im Tempel noch den Besuch des Kaisers von Brasilien, der noch niemals in Florenz weilte, ohne das jüdische Gotteshaus besucht zu haben. Oe. W. Der Baal-Tephilla. Von M. I. Ra bbin owit sch. Aus dem Russischen von A. Lev in-Saga n. (Autorisirle Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) (2. Forschung.) — ״Hast eine prächtige Stimnie, Kleiner", sagte er, sich an mich wendend, und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: ״Sag', ich bitt' dich, bist Du während der Feiertage als Sänger thätig?" ״Nein!" erwiederte ich, und da tauchte der Gedanke in mir auf, dass ich ja in der That bei irgend einem Baal-Tephilla während der Feiertage singen und mit einige Rubel verdienen könnte. ״Und möchtest Du als Sänger - gehen?" frug der Fremde von . Neuem. ״Ich möchte schon",! antwortete ich, aber .ich fürchte, dass meine׳ Mutter es nicht zugeben würde; sie wird sagen, dass ich dann nicht beten, würde". ״Man wird sie schon überreden können: ich werde ihr versprechen,, darauf zu achten dass Du׳ betest*. ״Habet Ihr viel Meschorcrim?" ״Sieh' mal'," — antwortete er verlegen, ״ich bin zu spät gekommen und hatte blos einen Probesabbath, darum habe ich gar keine Sänger, und dann — bin ich auch in eine arme Synagoge gerathen". ״Was ist das für eine?" ״Was für eine? Hm . . . wie soll ich Dir das sagen; sie liegt hinter dem jüdischen Schlachthaus, in der Nähe des großen Be ' Ha-Midrasch und des jüdischen Marktplatzes ..." ״Ach . . die ״Stupper-Schul!" rief Ich verächtlich aus. Das Blut stieg dem bleichen. Baal-Thephilla ins Gesicht, und dieses nahm einen so jämmerlichen, unglücklichen Ausdruck an, dass der Arme mir, leid that. ״Was sollte ich thun", antwortete er dann gelassen, ״wenn alle Synagogen schon vergeben waren l Andere sind zeitiger gekommen und haben die großen Synagogen besetzt. So singt in der ״Kulscherschul" ein gewisser Reb Dude, ein Landsmann von mir, und bekommt hundert Rubel; dabei würde ich ihn nicht: ins Bad rufen lassen, so ein Bock ist das. Aber was. verstehen sie. die Kutscher! Sing ihnen ein Polka-Mazurka auf ״Un'ßanne tokef"und es ist ihnen recht, wenn man nur tüchtig schreit und wiehert, wieihre Gäule". — Ich lachte laut, auf. ״Und nun, Kleiner, willst Du mit mir singen?" drang er von׳ Neuem in mich, obschon sehr zaghaft. ״Es wird dein Schaden nicht sein, sollst sehen, und dann wirst Du.mir einen' großen Gefallen erweisen, und Gott wird dir's lohnen". ״Gut wenn meine Mutter :■ einverstanden ist, will ich mit Euch singen," sagte ich unentschlossen. ״In jedem Falle komm morgen zu mir in die Synagoge; so gegen acht Uhr". ״Gut, ich werde kommen". ״Bestimmt?" .■■■: 1 : ,׳ ״Ja ja, ich komme". Jetzt rief mich gerade meine Mutter und ich eilte zu ihr, den BaalTephilla verlassend, der lange unbeweglich auf seinem Platze * blieb und mir nachschaute. Ich gestehe, dass der Vorschlag des armen . Baal-Thephilla mir nicht nur:wenig schmeichelhaft sondern sogar erniedrigend.erschien. Singen mit einem Baal-Thephila in der ärmlichen Synagoge der armen ״Stüpper", ihn mit irgend einem ״Bimm-Bamm" י accompagniren — da muß man ja vor Scham in die Erde sinken! Und schnell war ich entschlossen, mein Versprechen nicht zu halten, obwohl ich, ohne zu wissen w.irum, tiefes Mittleid hegte für dew. Armen.. Und so erzählte ich weder meiner Mutter etwas von dem Vor- - - gefallenen, noch dachte ich selbst daran während des ganzen Tages. Aber als ich am folgenden Morgen erwachte und an den miserablen Zustand meiner Garderobe dachte wiib die Glückseligkeit, durch eigene Arbeit zwei, drei Rubel zu erwerben, sowie an den Stolz und die - Freude, die ich empfinden würde beim Ueberreichen des Geldes an, meine Mutter — da entschloß ich mich wieder, das Offert zu acceptiren.. Aber meine Mutter gefügig zu machen, das war eine schwierige Auf-., gäbe. Wohl betete ich nicht in derselben Synagoge mit ihr, und es׳ wäre unschwer, sie zu hintergehen, allein der Onkel und meine Vettern würden meine Abwesenheit bemerken. — Ja, wenn das ein bedeutender Kantor wäre, dann würde ich mich Verschon anvertrant haben,, der mich bei meiner Mutter schon ansgebeten hätte; aber , so! — Es war genant, es ihm zu sagen, er würde mich sicherlich anslachen. III. Ungeachtet all dieser Gedanken und Reflexionen, begab ich mich in die ärmliche Synagoge, die ich früher schon oft besucht hatte, da sie nicht weit entfernt von uns lag. Sie bestand aus zwei mederigen Zimmern, die in einem Privathanse gemiethet waren. Das eine Zimmer bildete die Männerdas andere die Frauenschnl. Die Wände beider Zimmer waren düster und stark abgerieben; die Decke schwarz, verräuchert von dem Dunste der Talglichter; die Diele auf vielen Stellen, defekt, und stellenweis fehlten sogar ganze Bretter. Das. Ameublement der Synagoge bestand aus einem bis zwei Dutzend.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.