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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-12-12 · Heft 43 (12.12.1882) · p. [Seite]

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 43 (12.12.1882)
Date
1882-12-12
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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So oft ein bedeutender Mann an einer Grenzscheide seines Lebens angelangt ist, pflegt man stets nach den Einzelnheiten seines Lebens mit Interesse zu forschen. Das Interesse steigert sich aber, wenn es die vielfach verschlungenen Lebenspfade eines Künstlers sind. Und ein Künstler ist es, der heute sein Jubiläum feiert; darum wird es auch nicht überflüssig sein, wenn gleich in gedrängter Kürze, ein Bild der Erlebnisse und Schicksale dieses Mannes zu entwerfen. Josef Gold st ein ist geboren am 27. März 1839 zu Keeskemet. Sein Vater, der bekannte Schmelke Chasen, war Cantor in Neutra, und der kleine Josef wirkte schon als sechsjähriger Knabe im Chore mit. Hier lernte er alle damals üblichen Gesänge und damit ward der Grund zu seiner Vorliebe für den Synagogälgesang gelegt. Schon im zarten Kindesalter hatte er einen bitteren Kelch zu leeren. Er war erst zehn Jahre alt, als ihm der Vater durch den Tod entrissen wurde. Zehn unmündige Kinder und eine hilflose Witwe beweinten den herben Verlust ihres Ernährers. Elend und Noth waren jetzt in der zahlreichen Familie eingekehrt; daher mußte es der Mutter als ein Sonnenstrahl erscheinen, als der Cantor von Banowitz den stimmbegabten Sohn an Kindesstatt zu sich nahm. Bei diesem Manne sollte der kleine Josef auch eine weitere Ausbildung erhalten, doch es trat der umgekehrte Fall ein, indem er den Cantor in allen vom Vater erlernten Weisen unterrichtete. Aber die schlechte Behandlung, die ihm hier zu Theil wurde, trieben ihn bald hinweg. Bei Nacht und Nebel entwich er seinem Pflegevater und kehrte zur Mutter zurück. Wie grämte sich die arme Frau, als sie den Sohn, den sie so gut versorgt wähnte, plötzlich zurückkommen sah! In Neutra erhielt er jetzt die Cantorstelle, die früher sein Vater bekleidet hatte. Auch die Schule mußte er besuchen, und da er gravitätisch mit Cylinder und langem, schwarzen Rock einherschritt, hatten seine Mitschüler vor ihm heillosen Respect. Heitere Intermezzos gab es da häufig genug, wenn sein Lehrer im komischen Zweifel sich darüber abquälte, ob er den zehnjährigen Cantor mit ״Du" oder ״Sie" tituliren solle. Für die Familie Gold st eins war eine bessere Zeit angebrochen, denn sein Einkommen konnte zur Erhaltung derselben hinreichen. Aber den jungen Sänger duldete es nicht zu Hause, er war sich dunkel seiner künftigen Größe bewußt und dies trieb ihn an, Kunstreisen zu unternehmen. So bereiste er, überall enthusiastisch ausgenommen, ganz Ungarn und kam auch nach Wien. Als er hier im polnischen Tempel vorbetete, war die Begeisterung eine so große, daß die Zuhörer, die Heiligkeit des Ortes vergessend, sich zu lautem Beifall Hinreißen ließen. Nach dreijährigen Wanderungen kehrte Gold stein nach Neutra zurück, woselbst ihn eine langwierige Krankheit befiel. Nach der Genesung mutirte seine Stimme, doch gelang es ihm damals auch mit wenigen Mitteln zu singen. Bald darnach wandte er sich nach Böhmen und genoß in Prag den ersten Musikunterricht bei Cantor Körner, welcher gegenwärtig in Smichow ist. Von diesem Zeitpunkte erkannte er die Wichtigkeit eines gründlichen Studiums der Musik und beschloß, um dasselbe nicht unterbrechen zu müssen, sich auf seinen Reisen von einem tüchtigen Musiker begleiten zu lassen. Die enthusiastische Liebe der galizischen Juden für Gesang sollte er in recht drastischer Weise kennen lernen. Er hatte in Krakau mit außerordentlichem Erfolge vorgebetet. Als er nach dem Gottesdienste in dem Hause des damaligen Rabbiner Meisels bei verschlossenen Thüren einige Piecen vortrug, wurden von den außenstehenden ״Patrioten" die Thüren eingebrochen und Gold stein, immer und immer wieder zum Singen genöthigt, mußte, da er den begeisterten Enthusiasten nicht anders entkommen konnte, sein Heil in der Flucht durch's Fenster suchen. In seinem 15. Lebensjahre wurde er nach Neusatz als Cantor berufen, woselbst er zwei Jahre verblieb. Mittlerweile hatte sich seine Tenorstimme zu außerordentlicher Kraft und Schönheit entwickelt und er erhielt ein Engagement im Pester Theater. Ein Kunstfreund, namens Moriz Adler wurde jetzt der Förderer seines Talentes. Derselbe ließ ihn durch Professor March esi ausbilden. Gold st ein erhielt nun einen Ruf an die Wiener Hofoper, folgte diesem aber nicht und nahm ein Engagement als erster Tenor nach Florenz an. Auf der Reise aber, von Heimweh überfallen, kehrte er in Padua um und kam nach Wien. Da er hier den Bau des Leopoldstädter Tempels seiner Vollendung entgegen gehen sah, faßte er den Entschluß, sich um die Cantorstelle zu bewerben. An dem Prediger Dr. Jellinek fand er einen eifrigen Fürsprecher bei dem Vorstande und als er am 11. December 1857 bei dem damaligen Präses der Gemeinde Herrn v. Sychrowsky im Beisein des Gesammtvorstandes zur Probe sang, fand er solch' außerordentlichen Beifall, daß er sofort zum Cantor für den Leopoldstädter Tempel gewählt wurde. Die erste Fuuction hatte Gold st ein am 15. December 1857 im Seitenstättentempel beim Abendgottesdienst und von dieser Zeit an wirkt er durch volle 25 Jahre ununterbrochen im Leopoldstädter Tempel. Im Selbstverläge von Obercantor I. Ban er. — Dcnck von Josef Stöckholzer v. Hirschseld in Wien.

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