Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 38 (2.11.1882)
- Date
- 1882-11-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/1304829-3452870-3452907--0339-3454368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
e u 11* t* e f o n. Der Verfluchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. iNachdruck srieng verbeten! Uebersetzungsrecht vorbebalten.) 13. Fortsetzung. 13. Die Bereinigung. Gar festlich strahlen die Lichter auf dem mit weißen Linnen bedeckten Tische im Hause des Rabbi Moses Hirsch. Emsig sind die beiden Jungfrauen beschäftigt, damit Alles bereit und in gehöriger Ordnung sei, wenn der Rabbi aus dem Bethause heimkehrte. Und nicht lange hatten sie zu warten — so trat er in das festlich geschmückte Zimmer ein. Beide Mädchen eilten ihm entgegen und begrüßten ihn wie es sich gebührte. ״Nicht so stürmisch, Kinder vergesset nicht, was sich gegen Gäste schickt. Gegen Gäste? ״Wie meinst Du dies, Väterchen, wir haben doch heute keinen Gast?" ״Wohl — wohl haben wir einen Gast, seht nur nach der Thüre — dort wartet ein Gast — getraut sich nicht ein zutreten, da er erst Eures Willkomms harrt." Die Mädchen erblickten nunmehr einen jungen Mann, der an der Thüre stand. ״Tretet ein, Herr," sagte Esther, ״der Gast unseres Vaters ist auch uns willkommen." ״Ich danke Euch, holde Jungfrau," sagte Rafael, ״doch wie es scheint, Euere Schwester ist nicht derselben Meinung, sie begrüßt mich nicht" — und bei diesen Worten wendet er sein Antlitz nach jener Richtung hin, in der Rachel bisher schweigend gestanden. Sie erhebt ihren Kopf, will einige Worte der Ent schuldigung sprechen — doch plötzlich klammert sie sich krampf Haft an die Lehne eines Stuhles an und mit vor Entsetzen bebender Stimme ruft sie: DieTodten stehen aus ihren Gräbern auf! Da breitet Rafael seine Arme aus und preßt Rachel an seine Brust. ״Ja, Du Rose von Zion, ja, Du, meine Rose, die Todten stehen aus ihren Gräbern auf. Ja ich bin gekommen, um Dich heimzuholen, um die Kluft' anszufüllen, die uns getrennt. ״Die Kluft!"-sagte Rachel. ״Sie ist ausgefühlt," sagte der Rabbi fröhlich. Genug hast Du Deinem Herzen Zwang auferlegt. Du darfst ihn jetzt lieben, denn er ist Jude. Abermals sind mehrere Monate vergangen. So festlich wie am Vorabende des Neujahrsfestes ist auch heute das Haus des Rabbi geschmückt und dies nicht ohne Grund. Der Rabbi Moses Hirsch hat heute zwei glückliche Paare vereinigt durch den Segen der Ehe. Das eine Paar war Rafael Ledron und Rachel — das andere Esther und ein Neffe des Rabbi. Sie waren glücklich. Und doch wurde dieses Glück einigermaßen getrübt, wenn man derjenigen gedachte, die doch hier hätten sein sollen und es nicht waren. ״Und jetzt, meine Kinder," sagte der Rabbi, ״jetzt will auch ich Euch eine Mittheilung machen, die Euch vielleicht nicht sehr erfreuen wird. Diese Stunde habe ich herbeigesehnt. Euch Beide lasse ich in sicherer Hut zurück — und ich erfülle endlich den Wunsch meines Herzens. Auf heiliger Erde will ich sterben. — Erez Jisroel soll meinen Körper decken. — Weinet nicht, Kinder, einmal, einmal müssen wir ja denn doch scheiden, um so leichter soll es Euch daher werden, da ich ja doch noch unter den Lebenden weile. Sterben will ich in jenem Lande, in dem einst unsere Vorväter gewohnt. Nur wenige Tage werden wir noch bei einander sein und dann verlasse ich Euch, Kinder, verlasse Prag, ziehe weit fort nach Jerusalem. 14. Jerusalem. Die goldene Abendsonne überfluthet mit ihrem Licht Berg und Thal. Ringsum herrscht Ruhe, tiefer heiliger Frieden. Es ist die Ehrfurcht vor dem heiligen Lande, die hier Schweigen gebietet. Auf einer kleinen, sanften Anhöhe gelegen, breitet sich in majestätischer Schöne die heilige Stadt Jerusalem, das Land der Hoffnungen und frommen Wünsche, aus, das Land in dem einst die alten Könige mit ihrem Volke wohnten — das Land der Juden. Der gläubige, gottbegeisterte Sinn zieht immer und immer wieder nach dem heiligen Lande hin, und für den Sterbenden ist es der größte Trost, zu leben auf heiliger Erde, und dort zu ruhen auf ״Erez Israel“. Von den Minarets der türkischen Moscheen tönt melodischer Sang. Es sind die Wächter, die das Anbrechen der Nacht den Bewohnern kundgeben. Er tönt hinab in's Thal und in die Landschaft er tönt hinauf bis zur höchsten Spitze des Gebirges. Und tönt bis hoch oben am Berge, von dessen Spitze man die ganze prachtvolle Landschaft überschauen kann, tönt auch an das Ohr der dort oben stehenden zerlumpten wilden Gestalt mit struppigen Haaren. Hier stehe ich, ruft sie, in trotzigem Tone. Hier stehe-ich und geh' nicht weiter. Auf hoher Bergesspitze! Ringsum wohin mein Auge schaut, nur Aether-Luft! Dies kleine Fleckchen nur, worauf ich stehe, ist Erde. Vor mir der Abgrund wie tief, ich weiß es nicht. Ein Sprung in dieses Nichts, in dieses unbekannte Etwas und es ist der Sprung in's unbekannte Unendliche, in die Ewigkeit. Bis hierher habe ich mich geflüchtet vor den Menschen, vor den Thieren, vor jener Gottesstimiue, die Rechenschaft von mir verlangt für das vergossene Blut, für das geraubte Leben. Jetzt gehe ich nimmer weiter, ich kann nicht mehr. Nach Jerusalem wollte ich, um meine Blutschuld zu sühnen. Hier bin ich jetzt, dort die heilige Stadt und ich getraue mich nicht, ihr zu nahen, die heilige Erde zu betreten, ein Schauer befällt mich und ich wage es nicht. (Fortsetzung folgt.)