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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-10-17 · Heft 36 (17.10.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 36 (17.10.1882)
Date
1882-10-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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eu ז ti e t oxx. Der Versiuchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. (Nachdruck streng verboten! Uebersehungsrecht vorbebalten.) 11. Fortsetzung. 11. Verzettlung. ״Nun denn, Judith, ich will Deine Bitte erfüllen, doch nur unter der Bedingung, daß Du in längstens einer Stunde Dein Lager wieder aufsuchest." : _ ״Höre Rachel," sagte Judith plötzlich, ״willst Du mir auch meine zweite Bitte erfüllen, so hilf mir — mein weißes Kleid Unziehen, dann gib mir diese schönen grünen Blumenzweige, die ersten Boten des Frühlings — gib sie mir in's Haar — so — Rachel, sehe ich jetzt nicht aus wie eine Braut?" Erschrocken schaute Rachel Judith an. ״Beruhige Dich," sagte diese, sanft lächelnd, ״beruhige Dich, meine Rachel. Komm, setzen wir uns an's Fenster und ich werde Dir dann meinen Traum erzählen. Es träumte mir, ich sei wieder im Hause unseres geliebten Vaters. Er saß in seinem Lehnstuhle und las in der heiligen Schrift, ich hatte eine kleine Stickerei vor mir und arbeitete emsig daran — Dich sah ich nicht. Da — mit einem Male klopfte es an der Thüre und ehe der Vater noch Zeit hat. zum Eintreten einzuladen, kommt Ephraim Manasse in's Gemach. ״Beruhige Dich, Judith, erzähle mir den Traum ein andermal, Du regst Dich zu sehr auf," unterbrach Rachel die Erzählerin, als sie gewahrte, wie sich die großen schwarzen Augen Judiths mit Thränen füllten. ״O! laß mich, Rachel — laß mich, wie angenehm, wie wohl ist einem um's Herz, weinen zu können — und ich habe so lange schon nicht geweint! Doch höre meinen Traum weiter Ephraim trat in das Gemach. Sein Gesicht war bleich — bleich wie das eines Todten. Verwundert schaute er mich an. Judith, sagte er, weshalb bist Du noch nicht angekleidet zum Feste? Zu welchem Feste? fragte ich, indem ich verwundert von meiner Arbeit aufschaute. Armes Herz, sagte er, Du weißt es gar nicht, daß wir heute Hochzeit feiern werden? Hochzeit — wir? Ach ja — ich habe vergessen, sagte Ephraim, Du kannst es ja gar nicht wissen — weil Du schläfst. Ja — heute ist unsere Hochzeit. Judith, versprich mir, wenn Du erwachen wirst, Deine Brautkleider anzutegen — und dann, werden wir auf ewig miteinander vereiniget." ״Ich verspreche es Dir," gab ich zur Antwort — und erwachte. ״Siehst Du, Rachel, darum habe ich Dich gebeten, mir mein Brautkleid anzuziehen und mir die Blumen in das Haar zu flechten, — weil ich mein Wort einlösen wollte, das ich im Traume gegeben hatte." ״Die Braut ist jetzt geschmückt, den Bräutigam zu empfangen," sagte Judith mit himmlischem Lächeln, ״doch kommen — wird er nicht. Heute ist schon einmal ein Tag, an dem ich Dich mit meinen Bitten recht quälen muß. Geh, Schwesterchen, gib mir ein Glas recht frisches, kaltes Wasser, ich fühle so ungewöhnlich stürmisches Herzklopfen." ״Und Du — Du willst allein bleiben?" ״Thörin,. bin ich denn ein kleines Kind? Geh, meine Rachel, sei ohne Sorgen und laß mich nur getrost allein — Ephraim wird nicht kommen, um mich mittlerweile abzuholen." Judith lehnte sich zum Fenster hinaus, um die Straße besser übersehen zu können.׳ ״Bald werde ich wieder bei Dir sein. Judith." sagte Rachel und verließ das Gemach. Rachel kehrte mit der Erfrischung zurück und wollte eben zur Thüre eintreten, da ertönte ein schrecklicher, markdurchdringender Schrei durch's ganze Haus. Erschrocken eilten Rachel und Esther herbei, auch der Rabbi Moses Hirsch verließ sein Arbeitszimmer und war hastig in das Gemach der Kranken eingetreten. Judith lag auf der Erde und zeigte sprachlos mit dem Ausdrucke des größten Entsetzens nach dem Fenster. Und während Rachel und Esther bemüht waren, Judith auf ihr Lager zu bringen, eilte der Rabbi zum Fenster, um dort die Ursache von Judith's Schrecken zu erforschen. Und wahrlich — ein Bild bot sich ihm auf der Straße unten dar, wie es für Judith wohl nicht hätte schrecklicher sein können. Ein Schreien und ein Lärmen in allen Tonarten schlug an des Rabbi Ohr. ״Seht den Poschea Jisraäl, seht den Kopher, es ist der Verfluchte, — es ist Ephraim Manasse. Steinigt ihn, steinigt ihn, doch rührt ihn nicht an, denn er ist verflucht." Und er, dem diese Worte, diese Ausrufe galten, er lief gleich einem gehetzten Wilde immer voraus — immer voraus und hintennach die Menge. Zerrissen — zerlumpt waren die Kleider, wirr hingen die struppigen Haare ihm in's Gesicht, wild rollten seine Augen, im Kreise umher spähend Und Rettung suchend, während Blut aus mehreren Wunden floß und sich mit dem Kothe auf der Straße vermengte. ״Ist denn nirgends Rettung — kann ich denn nirgends Ruhe finden!" schrie Ephraim verzweifelnd. ״Ist denn kein Fleckchen im großen All, das nicht Erde ist! Denn Erde darf es nicht sein, worauf ich wandte — auch sie, die Erde, haßt mich — sie weiß, daß ich ein Mörder bin, — auch sie, die Erde, stößt mich zurück, will mich nicht aufnehmen in ihren Schooß und ewig und ewig, — so lange der Erdball kreist — ewig soll ich leben — immer wandern — niemals ruhen, und hinter mir die Stimme Gottes, die beständig ruft: Kain — Kain — was soll das Blut auf deinen Händen!?" Getroffen von Steinwürfen, sank Ephraim bewußtlos unter dem Fenster des Rabbi zusammen. ״Haltet ein," rief der Rabbi dem Volke zu, ״genug ist's, nicht mehr weiter. Gott hat ihm verziehen. Ich nehme den Finch von ihm, — er hat genug gebüßt." Drinnen in der Stube lag regungslos auf ihrem Lager Judith. ״Ich sehe den Himmel geöffnet," rief sie plötzlich mit verklärtem Antlitze, ״ich sehe den Höchsten. Einzigen, den Weltengebieter im Strahlenglanze, — ich sehe meine Mutter, ich sehe meinen Vater, — Rabbi, kommt zu mir, verzeiht dem Unglücklichen, der unten auf der Straße liegt, — in seinem Blute — verzeiht ihm, er hat genug gelitten und wenn Ihr mit ihm sprechen solltet, so saget ihm, daß ich ihn immer geliebt habe, — treu und innig bis — zum Sterben.'" (Fortsetzung folgt.)

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