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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-10-09 · Heft 35 (9.10.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 35 (9.10.1882)
Date
1882-10-09
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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eutl'Ceton Der Verfluchte. Erzählung aus dunkler Zeit von Ad. v. Zemlinszky. (Nachdruck streng verboten! Uebersetzungsrecht vcrbeballen.) 10. Forlsotzuitg. 11. Verzeihung. Warme Frühlingsluft schmilzt den Schnee, der auf den Dächern und den Straßen liegt. Der rauhe Winter ist vor den warmen Sonnenstrahlen entflohen und hat dem lieblichen Frühling Platz gemacht. In dem uns bereits bekannten Hause des Rabbi Moses Hirsch in der Prager Judenstadt waren in einem kleinen freundlichen Stübchen die Fenster geöffnet, damit die erquickende reine Frühlingsluft in das Gemach eindringen könne. Die Zeit hat auch hier große Aenderungen hervorgebracht. Auf einem Bette schlummernd — in fieberhaften Träumen, lag Judith, die Tochter Gerson Levi's, während ihre Schwester Rachel am Fenster saß, mit weiblicher Handarbeit beschäftigt. Esther, die Tochter des Hauses, befand sich in der Küche. Judith hatte, nachdem sie bei Rabbi Moses Hirsch Aufnähme gefunden, gemeinschaftlich mit Esther das Hauswesen besorgt, doch nur kurze Zeit, dann mußte sie gegen ihren Willen das Bett hüten, da sie sehr schwach war. Esther war ihr während ihrer Krankheit eine liebe, treue Freundin gewesen. Eines Tages brachten fremde Leute Rachel, ״die Rose Zion's", bewußtlos, mit blutigen Kleidern, in das Haus des Rabbi. Niemand konnte Auskunft geben, von woher sie kam. An der Klostermauer der Carmeliterinnen hatte man sie am Boden liegend gefunden, weiter wußten die Leute nichts zu sagen! Und weiter erfuhren sie, die so sehr um sie besorgt waren, lange Zeit nichts. Rachel verfiel in Folge der ausgestandenen Schrecknisse in ein Nervenfieber und lange Zeit schwebte sie in Todesgefahr. Endlich siegte denn doch die Jugend und — Rachel genas. Rachel genas; doch der Frohsinn, die Heiterkeit der Jugend, sie waren entschwunden. Niemand hörte mehr das kindlich heitere Lachen, das fröhliche Geplauder. Es war verstummt, verstummt vielleicht für immer. Dem Rabbi hatte sie ihr Herz erschlossen, ihm Mittheilung über ihre Erlebnisse im Kloster gemacht; sie hatte zu ihm gesprochen von ihrer Liebe zu dem jungen Cavalier, der jetzt starr und tobt in der Gruft seiner Ahnen schlummerte, in der Brust eine große, offene Wunde, eine Wunde, die sich nimmer schloß, eine Wunde, die ihm ihre Hand geschlagen. Ja, er ruhte in der Gruft seiner Ahnen, der junge, schöne, reiche Graf v. Ledron. Fast alle Glocken von Prag wurden geläutet, als man seine Leiche zu Grabe trug. Doch der ״Rose von Zion", seiner Rose, deren Duft ihn getödtet hatte, seiner Rose hatte er nicht vergessen, als der allbezwingende Tod sich ihm nahte. ״Geht hin nach der Judenstadt," hatte er gesagt, ״dort werdet Ihr eine Jungfrau finden, die ״Rose von Zion" genannt. Meldet ihr meine letzten Grüße, sagt ihr, daß ich gern, freudig sterbe, weil, vergesset die Worte, die ich Euch sage, nicht, weil ich durch diesen Tod die Kluft ausfülle, die uns trennt. Gebt dieser Jungfrau die Schrift, die in meinem Schranke verwahrt liegt. So, jetzt geht, weiter habe ich nichts zu sagen. Und sie überbrachten Rachel die letzten Grüße des letzten Grafen v. Ledron und überreichten ihr die Schrift. Was ging es sie an, daß darin geschrieben stand, all׳ die Reichthümer und Besitzungen seien ihr Eigenthum, ihr alleiniges Eigenthum! Sie hätte ja gern, ach gar so gern Alles, Alles weggegeben, sie wäre ja gern die ganze, große, weite Welt bettelnd durchzogen, sie hätte gern ihr Herzblut hingegeben, wenn sie nur einmal, ein einziges Mal ihn hätte sehen können und ihm sagen: Vergib mir, daß ich Dich in den Tod geschickt, ich liebte Dich, ich werde Dich ewig lieben. Nicht eine Thräne konnte sie weinen, als man ihr die Nachricht vom Tode des- Grafen brachte, Sie konnte nicht weinen, ihr Herz zog sich im Krampfe zusammen, ihre Augen brannten wie flüssig Feuer, doch sie konnte nicht weinen. Und so lebte sie still und einsam, Pflegte gemeinschaftlich mit Esther die leidende Judith, besorgte das Hauswesen des Rabbi Moses Hirsch. Des Rabbi Moses Hirsch? Haben wir den Rabbi nicht sterbend gesehen, im Bet- Hause in seinem Blute liegend? Hat Gott ein Wunder gethan? Ja, Gott hat ein Wunder gethan! Gott hat den Rabbi gerettet, gerettet durch den Theit des Sepher, welcher in seinen Händen geblieben war, als ihm Ephraim dasselbe entreißen wollte. Ohne Bewußtsein, in seinem Blute liegend, hatte er dieses Stück fest auf die Wunde gedrückt und so das Ausströmen des Blutes verhindert. Man hatte ihn damals schnell, nothdürftig verbunden in sein Haus getragen. Wochen vergingen, voll der größten Angst, endlich gab ihm Gott das Bewußtsein wieder und mit diesem auch die Gesundheit. Vergebens hatte man ihn gefragt, wer sein Mörder gewesen — immer gab er nur die eine Antwort: ״Forschet nicht — Gott wird ihn richten"- Judith bewegte sich unruhig im Bette — dann richtete sie sich plötzlich empor: ״Rachel — Ej her — wo seid Ihr?" ״Was willst Du, Judith? ich bin bei Dir, ich, Deine Schwester." ״Rachel, komm an mein Bett. Ich habe so schön geträumt so schön — so wunderbar schön. Auch muß ich lange geschlafen haben, denn ich fühle mich so wohl — so kräftig. Hilf mir׳ meine theure Rachel, ich werde ein wenig aufstehen. O! sei mir nicht böse, Rachel!" ״Du wirst Dir schaden, Judith, stehe heute noch nicht vom Lager auf! In einigen Tagen wirst Du vollkommen gesund sein — und dann —" ״O! bitte — bitte, meine liebe theure Schwester, erfülle mir meine Bitte. Sieh! wie herrlich schön die Sonne in unser Stübchen hereinscheint. Ich will einmal wieder — nach langer, langer Zeit — den blauen Aether, die goldene Sonne schauen, die frische, würzige Frühlingsluft einathmen, die mir neues Leben gibt." (Fortsetzung folgt.)

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