Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 2 (1882)
- Issue
- Heft 27 (29.7.1882)
- Date
- 1882-07-29
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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— T — Vor der Thüre angelangt, schaute er scheuen Blickes nach rechts und links, dann eilte er schnellen Schrittes nach seiner Behausung. Er schloß das Thor, er schloß die Thüre. Und dann, dann warf er sich zur Erde nieder und brüllte, brüllte gleich ׳einem wilden Thiere, riß die Kleider sich vom Leibe, er krallte die Fingernägel tief, tief in seine nackte Brust, daß das Blut in Tropfen niederperlte. ״Widerrufen, verflucht, verbannt!" tönte es von seinen bleichen Lippen; ״soll ich meinen Stolz brechen, soll ich nachgeben? Weshalb? ״Was ich gesprochen, ich Hab' es auch durchdacht, was ich gethan, ich kann's auch rechtfertigen. Widerrufen?! ״Seit meiner Kindheit schon wurzeln diese Gedanken, diese Begriffe in meiner Seele, seit meiner Kindheit schon Habe ich mitleidig gelächett über die strenge sogenannte ״Pflichterfüllung" unserer Gemeindemitglieder am Pessach und Jom K1 pur. ״Ich habe darüber gelacht, ja. Und wer,' wer hat mich -dieses Lachen gelehrt?! ״Wer hat es mich gelehrt? ״Der Lehrer, den mein Vater mir gab, um mich zu unterrichten, mich das Gesetz zu lehren, er war es, er ganz ullein, der mich zu Dem gemacht, was ich heute bin, was heute man mich nennt. ״Ein Aacher, ein Gottesleugner, ein Mensch, der mit sich, mit seinen Nebenmenschen, mit all' den Einrichtungen der ׳ganzen Welt zerfallen ist, dem Nichts, Nichts heilig ist im großen Weltenraume. Ein Mensch, der Recht behalten will, ist er im Unrecht, und den es wieder ärgert, wenn ihm das Unrecht für Recht gelassen wird und sich dann der Menschheit Schwachheit wegen erzürnt. ״Ja, der Lehrer war es, der sich,, weiß Gott, wie fromm, begeistert für die heilige Lehre stellte und mir das Laster in seiner reizendsten Gestalt zeigte, ja wohl, der Lehrer war es, der mich die Stellen aus dem Talmud lehrte, einfach lesen, zweifach deuten. Was schon von Moses ward verboten, zu genießen, er brachte es selbst verborgen in meines Vaters Haus, er aß mit Wollust diese Speisen, die ekel sind für jeden Juden und.ich, ich aß mit ihm. Er lehrte mich mit beredter Sprache am stolzen Bau des Talmud rütteln und rüttelte ich jetzt an ihm, so geht eben nur daraus hervor, daß ich ein gelehriger Schüler bin gewesen. Wer sind die Männer, die mich rufen ließen, um Rechenschaft von mir zu fordern? Mit welchem Rechtes Hinweg mit allen Zweifeln, allen Bedenken, ich will nach rückwärts nicht, auch nicht nach vorwärts schauen. ״Widerrufen, soll ich, so wird's von mir verlangt, den Talmud soll, als unfehlbar ich anerkennen? Doch ich, ich widerrufe nicht, nein, tausendmal nein! und wenn die Hölle mich verschlingen würde, ich thäte es dennoch nicht, ich riefe nein! ׳Ja, gerade weil sie es von mir verlangt! Haben sie mich einen Aacher genannt, gut denn, sie sollen Recht behalten, der Aacher widerruft niemals! ״Doch, den Bann, den er gesprochen über mich, er soll, er muß ihn zurücknehmen, er muß den Fluch von mir nehmen, denn sonst,׳ sonst wehe ihm-> — — •— Noch bin ich Ephraim Mana sse, noch steheichhierund werde fftehenfestundunerschüttert, trotz Bann und Fluch." 6. Die Rose von Zion. Im Kloster der Carmeliterinnen zu Prag, in einer kleinen, engen Zelle, deren vergitterte Fenster auf den Kloster-. garten hinausgehen und einen Blick über denselben, sowie über einen Theil von Prag gestatten, sitzt ein schönes, bleiches Mädchen, ihr thränenumflortes Auge nach dem dunkelblauen Firmamente gerichtet. Sie ist keine Nonne, keine Novize, sie ist Gefangene hier, Gefangene unter den Feinden ihres Glaubens. Mit Gewalt hat man sie hieher gebracht in finsterer׳ Nacht, mit Gewalt hinter diese unheimlichen Mauern gesperrt, man quält sie auf alle nur erdenkliche Art, man will sie bestimmen, ihren Glauben, den Glauben ihrer Väter zu verlassen, man höhnt, man verspottet sie, weil sie Jüdin ist. Sie ist Gerson Levi's Tochter, Rachel, die Rose von Zion. In jener Schreckensnacht, in welcher die Würgerbande raubend und Plündernd eingefallen in die friedliche Prager Judenstadt, in jener Schreckensnacht wurde sie besinnungslos hierher gebracht. Vier Wochen sind seit jener Nacht verflossen und noch immer hat sie keine Nachricht von Außen erhalten. Zum Beginn ihrer Gefangenschaft hatte sie sich unauf-' hörlich die Frage gestellt: ״Warum hat man mich hierher gebracht?" Doch nur zu bald sollte sie hierauf Antwort erhalten. Eines Tages kam ein junger Mann in Begleitung einer Nonne in das Gemach der Gefangenen. ״Der Graf von Ledron verlangt mit Euch zu sprechen," sagte die Nonne zu Rachel, ״er ist der Schutzherr unseres Klosters, er ließ Euch hieher bringen und will Euch zu unserem Glauben bekehren lassen; dankt ihm hiefür, dem edlen Herrn, durch ihn gewinnt Ihr die ewige Seligkeit und den Himmel-! mit all' seinen Freuden, er meint es gut mit Euch." Mir diesen Worten verließ sie das Gemach. Rachel war mit dem Grafen allein. ״Ihr ließet mich hieher bringen, Herr Graf?" fragte Rachel; ״mit welchem Rechte thatet Ihr dies?" ״Mit welchem Rechte?" sagte der Graf, ״ohne alles Recht; doch nein, schöne Rachel, ich hatte ein Recht, das Recht der Liebe." ״Ich hasse Euch, schon darum, weil ihr dieses thatet, doch nein, Herr Graf, vergebt mir mein Ungestüm, beweiset mir, daß Ihr mich achtet und verlaßt mich." Demüthig hatte der Graf sein schönes Haupt gebeugt und das Gemach der Gefangenen ohne Erwiderung verlassen. Und Tage waren vergangen, da erschien abermals der junge Cavalier. Gebieterisch zeigte Rachel nach der Thüre, ohne ein Wort zu sprechen. ״O, laßt mich hier," sagte er in traurigem Tone, ״nur eine Stunde laßt mich in Euerer Nähe weiten, schöne Rachel, nur eine Stunde, wenn Ihr mich nicht tödten wollt!" Und Rachel ließ die Hand sinken und der Graf blieb. Und Tag für Tag erschien er in dem Gemache der Gefangenen, ehrerbietig, mit scheuer Verehrung. Und Rachel wartete Tag für Tag ängstlich der Stunde, I in welcher er gewöhnlich zu erscheinen pflegte, mit Bangen und j zugleich mit einem süßen, schmerzlichen Gefühle, das sich ihrer! Brust bemächtigt hatte. (Fortsetzung folgt.)