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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1882-04-03 · Heft 13 (3.4.1882) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
2 (1882)
Issue
Heft 13 (3.4.1882)
Date
1882-04-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Sie erkannten, daß sie in Gefahr schwebten. Die Mahnung des Soldaten am Thore wurde in ihrem Gedächtnisse lebendig und mehr und mehr drängten sie nach rückwärts, bis sie sich endlich befreit hatten und unbemerkt hinter jene sie schützende Säule gelangten. Es war gerade in jenem.Moment, in welchem der Diacon dem Volke den Namen des neuen Papstes, nannte. Kaum hatte Jochai Carmo den Namen vernommen, als er jenen schrecklichen Schrei ausstieß und gleich einem Tiger hervorsprang. Doch blitzschnell hatte ihn Rüben Erin mit starken Armen ergriffen und zu Boden geworfen. ״Laß' mich, Rüben, laß' mich, nur eine kleine Spanne Zeit laß' mich, ich will ihn!mit einem Schlage zermalmen, diesen Gaukler, diesen . . .,״ stöhnte Jochai Carmo, sich vergebens bemühend, loszukommen. ״Ruhig, Jochai, ruhig, Du ziehst uns in's Verderben durch Deinen namenlosen Zorn." ״Verderben? Ihm will ich Verderben bringen, ihm allein. Wir sind lange umhergezogen, Jahre hindurch haben wir ihn gesucht und jetzt, wo wir endlich ihn gefunden, jetzt sollt' er uns entschlüpfen! Vernichten will ich ihn, vernichten, wie er mir mein Lebensglück, mein Alles, in den Staub getreten, in den Koth gezerrt hat. Ich will es dem Volke sagen, wer dieser Elende, dieses neu gewählte Oberhaupt der gesummten Christenheit ist, der dort hochausgerichtet, dem Volke Segen spendet, als gäbe es nicht jene schreckliche Nacht in Toledo, die ihn für ewig brandmarkt." ״Was würde Dir Dein Ungestüm nützen, Jochai? Wird man Dir, uns, den Juden, Glauben schenken?!" ״Ja, man wird mir glauben, man muß mir glauben, denn ich liefere den Beweis. Ich werde sie hingeleiten nach Toledo! Ich führe sie dort aus den Judenfriedtzof, ich zeige ihnen das Grab, das Grab, in dem sie ruht, sie, die er durch Gewalt gemordet." ״Und werden sie Dir folgen, Jochai? Werden sie Dich, uns nicht verlachen, verspotten, verhöhnen, uns, die Juden!?" ״Was soll ich thun, Rüben? Ich sehe ja ein, Du hast leider Recht, laß' uns von hier fortgehen, doch stütze mich, meine Kraft ist gebrochen, seit ich diesen Räuber meines Glückes gesehen habe." Langsam und traurig schlugen die Beiden den Weg ein, der nach dem Ghetto führte. ״Du hast Recht, Rüben, wir können nichts gegen ihn, den Gewaltigen, unternehmen, ich sehe es ein, und gerade das ist es, was meinen Schmerz erhöht. O! wie stehe ich jetzt so ganz allein, so ganz verlassen auf dieser Welt!" ״Jochai! Ihr allein? verlassen?! Habt Ihr keinen Bruder, keine Kinder?!" ״Schweig', Unglücklicher, schweig! Reiße nicht auf die Wunden, die bereits zu vernarben begonnen. Kinder! O, ich habe keine Kinder mehr.Ach, warum hast Du diese Erinnerung in mir wachgerufen? Ich sehe mein Weib, meine geliebte Sarah, vor mir aus dem Grabe steigen, ach, sie war mein Stab und meine Stütze auf meinem schwankenden Lebens- Wege, 'sie hatte Segen gepflanzt auf meiner dunklen Bahn, Oel gegossen in die Wunden meines Kummers. Und jetzt, jetzt ruht sie draußen, ״auf dem guten Ort", wohl ihr, weh mir! Wie ich dies Weib geliebt, gehütet wie meinen Augapfel und diese Bestie hier hat sie mir geraubt,.ach, ich darf nicht daran denken. ״Und die Du meine Kinder nennst, sind sie es denn wirklich?! Mein Fleisch, mein Blut, sind sie wohl und dennoch nicht meine Kinder! Wie war ich so stolz auf ihn. meinen Erstgeborenen, er war ein gar gutes, lerngieriges Kind. Mit welcher Liebe und Verehrung hinA er an den heiligen Büchern, mit welcher Lust, mit welchem Stolze nannte er sich ״einen Juden"! Da kam plötzlich jenes Unglück über mich, mein Sohn verschwand spurlos aus dem Hause meines Bruders Eliah. . . . Damals konnte ich stolz auf ihn sein, heute muß ich rufen: Weh mir, daß ich solch' einen Sohn hatte, weh ihm, daß er das geworden, was er heute ist, der Günstling des. . . neuen Papstes. Wenn ich daran denke, so wird es in meinem Geiste trübe und es überkommt mich jene namenlose Wuth, welche mich vorher befallen und ich möchte Alles zertrümmern und zerstören. Du, Du sahst ihn nicht, Du kennst ihn auch gar nicht, ich aber, ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gesehen an der Seite dieses Elenden, der mir mein Lebensglück gestohlen, ich sah ihn, den Sohn des Juden, als Priester Baals. ״Und die Andere? Sie, die ich meine schüchterne Taube nannte, sie, meine Rebecca, die ich mehr als mein Leben liebte, ist sie noch meine Tochter?! Nein! Die Leute von ״der Gasse" erzählen's sich Einer dem Anderen, daß die Tochter Jochai Carmo's eine Christin geworden und der Sohn meines Vaters selig, mein Bruder Eliah, ihn nennt man einen Meschummed. O, welch' Unglück hat dieser Verbrecher dort, der heute als Haupt der Christenheit gekrönt wird, über meine Familie, über mich gebracht! ״Ich habe mir viermal rasch hintereinander Keriah gerissen um mein Weib, um meine Kinder, um meinen Bruder, Hab' viermal hintereinander ״Schiwe" gesessen, ich habe vier Todtenlichter gebrannt. Aus!" —schrie er mit herzzerreißendem Ton — ״ich habe keine Familie, was bin ich für ein armer, unglücklicher Mensch!" ״Jochai, genug, wir sind im Ghetto!" unterbrach ihn Rüben. 5. Ein leeres Gral». Vor einem von wilden Schlinggewächsen aller Art umrankten und von Unkraut überwucherten Leichensteine, in einer Ecke des Judenfriedhofes zu Toledo liegt laut jammernd und schluchzend eine ältliche Frau, deren Gesichtszüge noch immer deutliche Spuren von außerordentlicher Schönheit zeigen. Mit ihren beiden Händen umschlingt sie den Leichenstein und wehklagt in herzbrechenden Tönen. ״Eine Schuld muß ich büßen," jammerte sie, ״eine Schuld,' die ich nicht begangen. Ein Verbrechen schändlichster Art hat mir den Gatten und die Kinder geraubt, hat mir mein Leben vernichtet, und ich, ich bin unschuldig daran. Ich kann, ich darf nicht in die Welt hinaustreten, ich kann, ich darf ihn nicht nennen, den elenden Verbrecher, denn Niemand würde mir Glauben schenken. Man hält mich ja für eine ״namenlose Wahnsinnige". ״Namenlos? — Da steht ja mein Name auf diesem Leichenstein! Warum liegt unter diesem Leichensteine nicht wirklich die Frau, deren Name darauf mit großer Schrift eingegraben ist? ״Die Erde werde ihr leicht!" steht unter dem Namen, die Erde, die sie bedeckt. . . . (Fortsetzung folgt.)

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