Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52 „Die <k Welt" Seite 15 Milte Selig Birnbaum das grosse Wort führte. Alle hatten verwitterte Cylinderhüte von unmöglichen Formen auf den Köpfen, alle trugen schwarze Bratenröcke. „Gut' Schabbes, Herr Finkelstein!'* tönte es aus der Gruppe. Jeder reichte Finkelstein die Hand, dann abeg trat Stille ein, Sie sahen den städtisch gekleuleten jungen Herrn, und nun* mochten sie sich nicht ' mehr gelieri' lassen. 'Eine gewisse Scheu bemächtigte sich ihrer. „Das ist mein Neffe, der Sohn von Jacob Rosenstein/' stellte Finkelstein Paul vor, und dieser, um nicht als stolzer Städter zu gelten, gieng gleich auf Berl Heimann zu und begrüsste ihn als Reisegenossen und guten Bekannten. „Selig, wovon war die Rede? Lasst Euch nicht stören und erzählt schön weiter," sagte Finkelstein zu Birnbaum. Aber Selig fand das Wort nicht sogleich. Er kam nicht vergeblich oft in die Hauptstadt und wollte dem städtischen Herrn zeigen, dass er ein Mann von Bildung sei, der nicht bloss im Jargon, sondern auch hochdeutsch zu sprechen wisse. „Von was ich geredet habe, geehrter Herr von Finkelstein?" begann er. „Von was soll ich geredet haben, als von was die lange Gass' und die Feldgass' und der Schulhof redet? Von Efraim Rubin habe ich geredet. Nachhause ist er gekommen vom Militarismus ohne Elle und ohne Scher und hatte sich mit der Schöndl Bachsteiner ehelichen sollen, die auf ihn gewartet hat drei Jahre. Aber, er hat nicht gehabt anzubeginnen den ersten Heller, und Schöndl auch nicht, denn ihr Vater ist — mit Verlaub — arm wie eine Kirchenmaus. Da kommt ein grosses unerwartetes Glück auf den Efraim Rubin. Er findet eine dicke Brieftasche. Die gehurt dem Verwalter und er lauft in das Sehloss und freut sich auf den grossen Finderlohn. Wie er aber durch den Park lauft, kommt der Herr Adjunct, fragt nicht viel und schreit ihm zu: Pack' Dich hinaus, Du verfluchter Jud! Und weil Efraim nicht gleich gegangen ist, sondern erst hat erklären wollen, warum er ist gekommen, hat ihm der Herr Adjunct mit dem Stock eins über den Kopf gegeben. Darauf ist Efraim das Blut in den geschlagenen Kopf gestiegen; er hat dem Herrn Adjuncten eins gegegeben, was man eine Maulschelle nennen thut, hat ihm die Brieftasch5 zum Kopf geschlagen und ist gegangen, stolz wie ein spanischer Grandezza. Nun sage ich, er wird eingesperrt werden, der Efraim, und den Finderlohn wird er auch nicht bekommen, weil er ihn geschlagen hat." „Und ich sage, der Finderlohn hat mit der Maulschelle nichts zu thun," replicierte Feiwisch Stern. „Die Maulschelle ist etwas anderes und der Finderlolm etwas anderes. Efraim kann eingesperrt werden, auf vier Wochen, aber wenn er frei wird, muss er den Finderlohn bekommen, dann kann er Schöndl heiraten und sich eine Fleischbank errichten." „Eines ist bei der Geschichte unangenehm," sagte Eisig Holzer : „dass der A'djunct von der Maulschelle nicht stumm und taub geworden ist. Ich sag' Euch, das war keine echte Soldatenmaulschelle. Da fallen mir zwei Maulschellen ein aus dem Jahre 1848. Die Croaten sind gekommen und haben alles eingepackt, was nicht niet- und nagelfest war. Bei Awrom Pineles — Gott habe ihn selig — haben sie auch nichts liegen lassen. Wie sie im schönsten Wirtschaften sind, kommt Awrom vom Dorfe nachhause und sieht zu, was da bei ihm geschieht. Er sagt kein Wort. Sie nehmen ihm seine Stiefel, er sagt nichts; sie brechen den Kasten auf und nehmen die Wäsche, er sagt nichts; sie schlagen die Fenster ein und den Spiegel, er sagt nichts. Da haben sie aber auch die Gansleber unter dem Schrank gefunden., die seine Frau für ihn versteckt gehabt hat. Er war sehr hungrig und er war ein Goliath, und wie er das sieht, dass sie auch die Gansleber einpacken wollen, gibt er dem einen Croaten eine Maulschelle und gibt dem anderen Croaten eine Maulschelle, dass sie umgefallen sind wie die Fliegen. Ich sage Euch, Awrom Pineles' Leben war nicht einen halben Groschen wert, denn wenn der Croaten-General erfährt, was er angestellt hat, lasst er ihn niederknallen. Bums, bums! Aus ist's mit Awrom. Der General hat's aber nicht erfahren. Wisst Ihr warum? Weil die zwei Croaten nicht haben reden können; stumm wie die Fische sind sie von den Maulschellen geworden, und nicht nur stumm, auch das Gehirn hat sich verwirrt, so dass sie nicht einmal durch Zeichen haben angeben können, was mit ihnen geschehen ist. Und weil sie nicht reden und nicht deuten haben können, hat sie der General einsperren lassen, denn er hat geglaubt, sie sind so besoffen, dass sie nicht muh sagen können." „Ein schönes Gespräch," sagte Finkelstein. „Am heiligen Schabbes wisst Ihr von nichts, als von Schlägen zu reden. Reh' Kalme HirscHl, wie geht es Eurem Sohn?" „Ich danke der gütigen Nachfrage, gut geht es ihm, Herr Finkelstein. Vorige Woche haben wir von ihm Besuch gehabt. In zwei Jahren und drei Monaten ist er fertiger Doctor. Gott verlässt einen armen Menschen nicht. Wie die Herrschaft Lobenstein ist verkauft worden, und der neue Besitzer, der Herr von Tulpenthal, hat den Befehl herausgegeben, man darf keinen Juden hineinlassen, so dass ich auch keine Ochsenhaut und kein Kalbfell habe kaufen können, ist es mir sehr schlecht gegangen. Ich habe meinem Itzigl nicht mehr als fünf Gulden im Monat schicken können. Da aber — Gott soll es Ihnen an Ihren Kindern und Kindeskinderii — haben Sie ihm . . . ."i „Darnach habe ich Euch nicht gefragt, Reb Hirschl." „Gut, gut, Herr Finkelstein. Aber warum soll es die Gemeinde nicht wissen, was Sie für ein Ehreninann sind,- und haben ein Herz von lauterem Gold? Uebrigens weiss das die Gemeinde auch so. Nun. Gott hat mir geholfen, er hat mir zweifach geholfen. Weil ich dem Baron Hammerberg in Kirchschlag verrathen habe, dass mir, seine Knechte einen Wagen voll gestohlenes Getreide für einen Spottpreis haben verkaufen wollen, darf von der Kirchschlager Herrschaft niemand ein Hasenfell, ein Kalbfell oder eine Ochsenhaut verkauft werden als mir. Und mein Itzigl hat eine Anstellung gefunden bei einer hochfeinen Familie, bei einem Reisenden in einem Grosshandlungshaus. Er lebt wie ein Graf; zu essen und zu trinken, so viel er will/' „Nun, das freut mich von Herzen,"' sagte Finkelstein. „Sie sehen, man muu nicht verzweifeln/" „Warum soll man verzweifeln?" nahm Wolf Schreiber das Wort. „Habt ihr nicht gehört, was Salme Fried vorige Woche passiert ist? Er ist Freitag nachhause gekommen ohne einen Groschen Verdienst, so dass seine Frau nicht hat Schabbes machen können. Darüber war sie so ausser sieh vor Verzweiflung, dass sie sich die Haare ausgerauft hat, und geweint hat sie, dass man es in die dritte Gasse hat hören müssen. Weil sie sich aber geschämt hat, hat sie ihren Schalettopf genommen, hat ihn mit Erdäpfeln angefüllt und dann den Deckel rundherum mit Lehm verklebt. So hat sie den Topf zum Schaletsetzer getragen, damit jeder meint, sie habe auch ihr Schalet, wie jeder andere. Wie sie dann Samstag zu Mittag ihr „Schalet" abholen kommt, gibt man ihr einen anderen Topf. Sie sagt, das ist nicht ihr Schalet, und sie - will ihr Schalet haben. Der Sehaletsetzer meint, es ist kein anderer Topf mehr da, das ist der letzte. Wenn ihr Schalet vertauscht worden wäre, hätte man sich schon gemeldet. So geht sie also nachhause. Und was soll ich Euch sagen, was in den Topf gewesen ist? Alles, was gut und theuer ist! die feinsten Bohnen und Gersteln, ein Gansviertel, ein gefüllter Hals, und das ist alles geschwommen in Fett. Salme Fried hat sich nicht viel Gedanken gemacht und hat gegessen, gegessen sag' ich Eucli, wie ein Fleischhacker, und seine Kinder haben auch eingepackt, und zuletzt hat sich auch die Frau ordentlich sattgegessen. Ich sag' Euch, Salme Fried hat noch in seinem Leben kein solchen Schalet gegessen, er hat nicht einmal gewusst, dass solches auf der Welt existiert. Woher auch? Es war doch der Schalet vom Gemeindevorstand." „Vom Gemeindevorstand? Und der hat statt der Gansbügels Salmes Erdäpfel gegessen?" (Fortsetzung folgt.) Mittheilung aus dem Publicum. Unser Gesinnungsgenosse Herr Moritz H a b e r, Beamter der Firma M. Gartenberg & Co., Kolomea, verlobte sich mit Fräulein Rözia Werdinger, Tochter des Herrn Isak W e r d i n g e r in Mrazuica bei Boryslaw. Spenden. Für den jüdischen National-Fonds: ^Zionistische Gymnasiasten Lemberg Kr. 6.—, J. Stern, Jerusalem Kr. 1.—,' „Zion" (Nachtmahl), Braila Kr. — Karten und Domino bei A. G., Braila Kr. —.95, Karten und Domino bei R., Braila Kr. —.95, M. L. vom Dredel-Sx>iel, Braila Kr. —.95, Isch'Jehuda, Jassy Kr. 4.—, J. L. Lipschitz, Lemberg (laut einem später zu veröffentlichten Verzeichnisse) Kr. 178.—, Jüdische Mittelschüler Stanislau Kr. 6.40, Verein „Zion", Dorna-Watra (laut einem später zu veröffentlichenden Verzeichnisse) Kr. 61.80, Jüdische Gymnasiasten Kolomea anlässlich Geburtstag des Collegen Gluczuker Kr. 7.60, Mädchen-Verein „Hadassa" Wien Kr. —.80, zusammen Kr. 269.40. Für die Arbeiter in Palästina: Verein „Zion" Przemysl Kr. 16.10. Für die Rosa Kollmann-Stiftung: Fräulein Hedwig Schmidt Wien Kr. 2:—. Beim Congress-Bureau für den Jüdischen National-Fonds: Verein „Zion" Nadworna Kr. 26.—