Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Nachklänge zur Dreyfus-Affaire
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52 „Die £ Welt6 Seite 11 Ich war gebunden, zwischen Labori und Comely zu wählen; Ich wählte letzteren." l«ü? rr0ir),^L ab o r.iJ;der in das Lager de(rjgnigen ^übergegangen war, ,die behaupten: „Es gibt keinen L^alf'"ireyjfus mehr", klärte auch sein Verhältnis zu Comely im „Journal" auf: „Nach Gründung der „Grande Revue" im Februar 1900 bat ich Comely um seine Mitarbeiterschaft für diese Zeitschrift, weil ich ihn für sehr talentiert hielt und der Meinung war, dass er den Lesern einer Revue Interessantes zu sagen haben werde, und weil der Kampf, den wir Schulter an Schulter bestanden haben, uns nahe gebracht.....Ich habe mich nun ein verständlich und freiwillig von Cornely am Tage getrennt, wo ich selbst über Politik schreiben wollte, schreiben, was ich dachte, schreiben das Gegentheil von dem, was Cornely geschrieben und was ich ihn schreiben liess, weil ich seine Unabhängigkeit achtete, so lange ich es nicht für nothwendig hielt, selbst in der Revue über Politik zu schreiben." Im Schlussartikel des Journal vom 15. d. M.präcisiert nun Labori seine politische Stellung. „Ich wäre jetzt ein Antisemit? Aus Interesse doch zweifelohne! Hätte ich da nicht besser gethan, wenn ich mich vor vier Jahren den Antisemiten und Nationalisten, den Drumontisten und Deroulcdisten angeschlossen hätte, als dass ich die Verteidigung eines Juden übernahm, der seinen Gegnern die Personification seiner ganzen Rasse war, und seine Sache zur meinigen bis zum Punkte der Selbstverleugnung machte; weil seine Angelegenheit der Typus des verletzten Rechtes und der beleidigten Freiheit war. Ich wünsche aber jetzt, dass Frieden einziehe. Freiheit ist der grösste Reichthum der Menschheit, sie kann aber nicht ohne Toleranz bestehen. Hass gegen die Juden als und weil Juden erscheint mir als eine barbarische und mittelalterliche Massregel...... Ich bin weder ein Antisemit noch ein Nationalist, sondern der geschworene Gegner aller Formen des Clericalismus, und der Kampf gegen den Clericalismus sei das essentielle Element des wahren republikanischen Programmes." Das klingt fast wie das politische Glaubensbekenntnis Bourgeois': „Der Katholicismus ist eine Religion, der Clericalismus eine Politik. Religion ist eine Privatsache, gegen den Clericalismus alle Mann an Bord!4' Dr. M. Weiss mann. W«lt-@b*oi)ik. Eine falsche Anklage gegen Leon Perez. Der gefeierte jüdische Dichter J. L. Perez in Warschau wurde vor einigen Wochen unter dem ungeheuerlichen Verdachte, an der Fälschung von Eisen bahnfrachtbriefen betheiligt zu sein, verhaftet, alsbald aber auf freien Fuss gesetzt, da sich seine vollständige Unschuld klar herausstellte. Wir erfahren über diese Angelegenheit, die in Warschau ungeheures Aufsehen erregt hat, aus absolut zuverlässiger Quelle folgende Einzelheiten: Leon Perez ertheilte im Jahre 1894 aus Anlass einer Familienangelegenheit, die er bei Gericht auszutragen hatte, einem Warschauer angesehen Rechtsanwalt namens Kirschroth-Prawnicky eine Generalvollmacht. In jüngster Zeit gab sich nun Kirschroth mit dem Ankauf klagbarer Eisenbahnfrachtbriefe ab, auf Grund deren man gewisse Eisenbahngesellschaften auf Rückerstattung unrechtmässig erhobener Gebüren belangen kann. Da Kirschroth jedoch als vereideter Rechtsanwalt derartige übelberufene Geschäfte nicht unter seinem eigenen Namen betreiben wollte, bediente er sich zur Geltendmachung seiner Forderungen der Vollmachten einzelner seiner dienten und missbrauchte auf diese Weise auch die Vollmacht des ahnungslosen Perez. Nun ergab es sich, dass einzelne dieser Frachtbriefe gefälscht und gestohlen waren, weswegen viele ganz unschuldige Leute, die Kirschroth auf die angegebene Art in die Affaire hineingezogen hatte, [tyerhaftet wurden : unter ihnen auch Perez. (Nacli.den Mittheilungen unseres Gewätyrmanns glaubt man in Warschau, da^ss Kirschroth selbst die Provenienz der betreffenden Frachtbriefe nicht gekannt habe.) Mit Mühe und Noth gelang es P e r e z'Freunden, zu erfahren, wessen der Dichter eigentlich beschuldigt sei. Wiewohl Kirschroth einen Missbrauch ärgster Art begangen hatte, erklärte er doch, als er von der Verhaftung P e r e z * erfuhr, vor Zeugen, dass Perez mit den Forderungen, die er, Kirschroth, in seinem Namen erhoben hatte, nicht das allergeringste zu thun habe und auf die unschuldigste Art der Welt ins Unglück gerathen sei. Auf Verlangen von Perez' Freunden setzte er diese Erklärung sogar schriftlich auf. Gleichwohl musste Perez noch einige Zeit in Haft bleiben, bis es seine Freunde durchsetzten, dass das Untersuchungsverfahren eingeleitet und Perez einvernommen werde. Der Untersuchungsrichter, der ein bekannter russischer Antisemit ist, fand trotzdem sogleich heraus, dass Perez ganz unverschuldet in die Affaire verwickelt worden war, ordnete unverweilt die Enthaftung des Dichters an und leistete ihm sogar öffentlich Abbitte. Gegen Kirschroth ist das Verfahren eingeleitet worden. Selbstverständlich stürzten sich die antisemitischen Blätter gierig auf die fette Nachricht von der Verhaftung eines hervorragenden jüdischen Dichters, und in Wien war es gerade die „Ostdeutsche Rundschau" das Blatt des Herrn K. H. W o 1 f, ehemaligen alldeutschen Reichsraths-Abgeordneten, das die Nachricht mit Wonne aufgriff. Es braucht nicht gesagt zu werden, dass diese Art von Presse es nicht für nöthig befanden hat, die glänzende Rehabilitierung Perez' nachzutragen. M. Z. Die Bibliothek des Stockholmer Nobel-Instituts und die neuhebräische Literatur. Wir erhalten die folgende hochinteressante Zuschrift: Jüngsthin fand unter gespannter Erwartung der gesammten Culturwelt in Stockholm zum erstenmale die Vertheilung der fünf grossen Nobelpreise statt, die nach dem Testament Dr. Alfred No b eis alljährlich für die fünf wertvollsten Entdeckungen, resp. Leistungen in der Physik, Chemie, Medicin, auf literarischem Gebiete und auf dem Gebiete der Friedenspropaganda verliehen werden sollen. Für jeden Nobel-Preis ist eine Nobel-Commission eingesetzt und jede Nobelcommission hat das Recht, ein Nobel-Institut mit gelehrten Beamten und Hilfsarbeitern zu errichten, das als selbständige wissenschaftliche Anstalt Gelehrten aller Länder Gelegenheit bieten soll — und bei den zur Verfügung stehenden gewaltigen Mitteln auch leicht bieten kann — hier ihre Studien zu betreiben. So verfügt, wie in einem instructiven Aufsatz der Berliner „Vossiscnen Zeitung" ausgeführt wird, das Nobel-Institut der schwedischen Akademie, die den Literaturpreis vertheilt, über eine Bibliothek moderner Literatur aller Länder, wie sie in solcher Vollständigkeit sonst nirgends vorhanden sein dürfte. Man findet hier neben allen erdenklichen literarischen, biographischen, encyklopädischen, bibliographischen Nachschlagewerken und Zeitschriften der Erde, skandinavische, deutsche, holländischvlämische, englische, französische, provencahsche,italienische, spanische, catalonische,portugiesische,rumänische,russische, polnische, czechische, serbisch - croatische, bulgarische, slovenische, slovakische, neugriechische, magyarische und finische Belletristik. Erstaunlicherweise fehlt in diesem Verzeichnis die neuhebräische Literatur vollkommen. Ich habe mich kurz nach dem Londoner Congresse an den Stockholmer Rabbiner und Upsalaer Professor Dr. Klein, der, wie mir Professor Mandelstamm mittheilte, in London reges Interesse für jüdisch-volkliche Angelegenheiten bekundet hat, gewandt, um der neuhebräischen Literatur neben der slovenischen (!) und slovakischen (!) die ihr zukommende Berücksichtigung zu sichern, mit welchem Erfolge kann ich von nier aus leider nicht ersehen. Ich möchte deshalb die berufenen Vertreter der neuhebräischen Literatur, vor allem den rührigen Verlag „Achiasaf* in Warschau, darauf verweisen, dass diese Gelegenheit, für die aufstrebende jung-jüdische Literatur den ihr gebürenden Platz zu fordern, nicht ausseracht gelassen werden darf. Möglich, dass es in Stockholm nur eines begründeten Hinweises bedarf, namentlich da der Bibliothekar des Nobel-Instituts, der frühere Gothenburger Professor, Dr. Carl W a r b u r g, der übrigens