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Die Welt · 1901-12-27 · 52 (27.12.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
52 (27.12.1901)
Article
Die Berliner Repräsentantenwahlen
Date
1901-12-27
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 52 aus nicht „gedeppt". Meine Aufsätze in dieser Zeitschrift hat man — in Hinblick auf deh°lchliesslichen Ausfall — als unberechtigte Fanfarehslösse bezeichne^. Ich bin aber nicht geknickt. Was ich Schrieb, würtfe'iöh iicichmals schreiben. Icli habe die Stimmung wiedergegeben, mit der wir in den Kampf gierigen, und den Enthusiasmus, den in der Berliner Judenheit thatsächlich jede neue Versammlung nur steigerte. Wir haben keinen Grund, unsere Fanfaren einzupacken und Trauermärsche zu wimmern. Gewiss! Wir haben Fehler über Fehler gemacht, dass wir uns betölpeln und nasführen liessen. Schadet nichts: daran war unsere einfältige Ehrlichkeit schuld. Jedenfalls kein Verbrechen! Dass wir nur vier Candidaten aufstellten — wo wir hätten wissen müssen, dass die Leute doch für ß Mark Steuern 15 Mann wählen dürfen. Und wer wird für sein gutes Geld 4 Stimmen abgeben, wenn er doch 15 Stimmen abgeben darf? Das war in der That der folgenschwerste Fehler, den einige von uns schon zeitig erkannten, dessen verhängnisvolle Bedeutung uns aber von Agitationstag zu Agitationstag immer schmerzlicher klar wurde» Von dem oben erwähnten rein äusserlichen Grunde abgesehen, musste die Aufstellung einer so kleinen Candidatenliste überall da, wo wir sachlich die Situation klargestellt hatten, wieder alles verwirren, wenn die Personenfrage aufs Tapet kam. So wurden wir selbst unsicher, indem wir einmal baten, nur unsere Liste zu wählen, dann auch die andere, und so fort ohne Grazie und mit vielem Aerger. Leider hat es uns auch daran gefehlt, womit man vorzugsweise Krieg führt — an Geld. Hatten die anderen Parteien die Berliner Judenheit unter Papier gesetzt — man kann auch sagen unter Wasser, denn die Flugschriften waren sehr wässeriges Zeug — hatten sie wochenlang täglich mindestens einen Aufruf jedem ins Haus geschickt, so mussten wir uns auf ein einziges Flugblatt beschränken. Es war zwar ein kraftvolles, aber wir hatten es einer Piivatgesellschaft zum Vertrieb überlassen, und es steht fest: es wäre falsch zu behaupten, dass es kein einziger Jude in Berlin erhalten hat . . Natürlich hat der Mangel an Geldmitteln das späte Einsetzen unserer Agitation nicht gut gemacht. Was aber zu spätes Auftreten auf der Wahlstatt bedeutet, zeigt so recht das Vorgehen des Gustav L e w i n s t e i n. Obwohl der ganze „liberale" Clan auf den Sonntagsheiligen eingeschworen und nur als 'seine Apostel gewählt werden wollten, schien es dem Makkabäer L e w i n s t e i n — das ist kein Witz von mir! so hat ihn in einer Rede sein Bannerträger Dr. Holz genannt — nöthig, noch am drittletzten Tage vorder Wahl eine eigene Liste zu versenden. Da waren drei Liberale fallen gelassen, deren sonntägliche Orthodoxie nicht waschecht schien. Der Effect war nur. dass diese drei Herren kaum 100 Stimmen weniger erhielten als ihre Genossen. Aber all diese Einzelheiten sagen wir nicht als reumüthige Sünder. Richtig! Wir haben Fehler begangen. Aber selber essen macht fett. Und selber Fehler machen macht klug. Und schliesslich haben ja doch nur die Et fahrungen Wert, die man selbst macht. So manchem sind die Augen geöffnet worden. Aber wir hoffen auch noch, die alle sehend zu machen, die bislang sich wie Blinde von niederträchtigen Geschäftssemiten — die zur Abwechslung jetzt daran sind, die „Alliance israelite universelle" zu zertrümmern — haben verleiten und verführen lassen. All die dunklen triebhaften Regungen, die bei diesem Wahlgange hunderte von sonst ganz Indifferenten an die Wahlurne drängten, die wollen wir über die Schwelle des Bewusstseins heben. „Das Maulthier geht im Dunklen seinen Weg." Sollte die Judenheit philogenetisch nicht höher stehen? . . Eli Sanigar. Nachklänge zur Dreyfus-Affaire. Das YVahlfieber in Frankreich ist eine Krankheit, der jeder Politiker von Bedeutung ausgesetzt ist, wie jeder Schriftsteller von Ruf dem Akademikerfieber. Es packt einen mit teuflischer Macht und reisst zu Thaten hin, die man später gerne ungeschehen machen möchte. Noch fünf Monate Zeit trennen .uns von den grossen Eieetionen.1 und schon nlaclien sich die Wellen der Wahlbewegung bemerkbar. Das ist im vulcanischen Frankreich seit jeher so Usus gewesen, [n den einzelnen Häusern nehmen Vater und Sohn bei Wahlen Stellungen ein, die sich widersprechen. Es ist daher kein Wunder, wenn auch in den Reihen der Dreyfusisten über die kommenden Wahlen Meinungsverschiedenheiten herrschen. Maitre Labori, der bekannte und berühmte Anwalt im Dreyfus- und Zola-Process, candidierfc im Arrondissement de Fontainebleau, und Rein ach, der auch des politischen Stillebens satt ist und gerne Hauptmann einer Parteifraction werden möchte, hat gleichfalls seine Candidatur aufgestellt. Nun handelte es sich darum, dem Ganzen etwas „Stimmung" zu geben und ein wenig die Trommel der Oeffentlichkeit zu rühren. Und die Wahlcampagne dieser beiden Matadore im Kampfe für „Menschenrechte" begann mit einigen Ueberraschungen, denen bald „Erklärungen und Enthüllungen über die ArMre" folgten. In der November-Nummer seiner „Grande Revue" veröffentlichte L a b o r i, der muthige Anwalt Zolas, Picquarts und Dreyfus' einen längeren Artikel, in dem er erklärte und begründete, dass der Dreyfus-Handel, nachdem die Begnadigung angenommen war, in seiner politischen und universellen Bedeutung abgethan sei und künftighin nur als menschlicher „Rechtsfall" die Welt interessieren dürfte. Er sei nun von den Schranken der Berufspflichten als Anwalt Dreyfus' befreit und könne sich wieder am politischen Leben, dem er seit Ende 1897 durch die Uebernahme der Vertheidigung des Bagno- Gefangenen habe entsagen müssen, widmen. Die unmittelbare Folge dieses Artikels war, dass R e i n a c h sich von Labori, dessen Client er viele Jahre gewesen, am Vorabende der Verhandlung die Acten des Processes „Witwe Henry contra R e i n a c h", der seit Jahren als reine Civilklage schwebte, zurückschicken Hess. Drob herrschte grosse Erregung im französischen Barreau. Die reactionären Blätter begrüssten mit innerer Schadenfreude die Disharmonie zwischen Labori und Re i n a c h, und streckten die Fühler aus, um noch nachträglich etwas aus der „Affaire" auszupressen. Die „Libre Parole', die sich zu ihrer speciellen Aufgabe das „In-den-Koth-zerren" der Dreyfusards machte, apostrophierte Labori mit „eher maitre", und der Renegat Arthur M e y e r, der es vom Kammerdiener einer sehr fraglichen Dame zum Chefred acteur des „Gaulois" gebracht, bot dem berühmten Anwalt sein Blatt zu „Aufklärungen" an. Labori veröffentlichte aber seine „Explications" im jetzt unparteiischen „Journal". Aus diesen gieagen Dinge hervor, die bis jetzt kaum über den engen Kreis der Betheiligten hinausgedrungen waren, so, dass Bernard Lazare mit Wissen Reinachs der nationalistischen Presse die Beschuldigungen gegen Labori zutrug, dass die Familie Dreyfus und ihre Berather (Maitre Demange, Reinach und Lazare) Labori über die ihnen angebotene Begnadigung Dreyfus' nicht zurathe zogen, und dass sich Labori schon damals weigerte Alfred D r e y fu s persönlich zu empfangen, und schliesslich in eine Zusammenkunft mit ihn nur unter der Bedingung einwilligte, dass Picquart als Zeuge zugegen war. Der „Matin" und die „Times" wurden nun das Sprachrohr R e i n achs, der erklärte, „er habe sich mit Labori entzweit, weil letzterer Cornely der als dritter im Bunde mit ihnen mannhaft für Dreyfus eingetreten war, aus der neugegründeten „Grande Revue" entlassen habe. Unter allen, die infolge der Dreyfus-AfTaire gelitten, war Cornely, der aus dem „Figaro" scheiden musste, das grösste Opfer. Nun trennte;sich auch Labori von Cornely, aus Gründen, die mir nicht bekannt sind.

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