Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Volkswirtschaftliche Vorfragen
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 52 „Die & Welt48 Seite 9 Beruf sein Secretariat, die Bauern ihr Bauern-Secretariat, die Arbeiter ihr Arbeiter-Seeretariat, die Industriellen ihre Industrie-Secretariate u. s. wr. Die schweizerische Eidgenossenschaft hat auch ihr Aus wan der angs-Sekretariat, das eidgenössische Aiiswanderungsamt. Sollte mein Vorschlag unter den Congressmitgliedern Anklang finden, so wäre es also nicht schwierig, die Form für dieses Secretariat zu rinden. Wollen wir also abwarten, was der Congress uns bringen wird. Ich* wollte hier nur die Frage anregen. Die Berliner Repräsentantenwahlen. Die Entscheidung ist bereits da. Das gab aber Ueberraschungen! Auf allen Seiten. Die Liberalen, die ihren Sieg so sicher in der Tasche hatten — wie andere ihre geballten Fäuste — haben eine Niederlage gehabt, so gründlich, dass das Wort Niederlage sich fast noch wie eine —Schmeichelei anhört. Die Gonservativen haben mit ungeheurer Stimmenmehrheit gesiegt. Sie waren am meisten überrascht. Besonders die es am ehrlichsten mit der conservativen Sache meinten. Denn sie wussten nur zu genau, was ihre Leutchen aus der Repräsentanz auf dem Kerbholz hatten. Und wir Zionisten waren auch überrascht. Wir waren febt überzeugt, dass wir bei der diesmaligen Wahl nur unsere Visitenkarte abgeben könnten — — eine kleine, aber sehr deutlich geschriebene. Wir hatten auf 200 Stimmen gerechnet — und haben doch im Mittel für jeden Candidaten 328 Stimmen erhalten. Die Zahlen erscheinen dem Aussen stehenden ziemlich klein, zumal, wenn er weiss, dass die Conservativen im Mittel 4877, die Liberalen 2667 Stimmen für jeden ihrer Candidaten aufzuweisen haben. Die Statisten der „Jüdischen Presse" haben aus den Zahlen herausgereclmet, dass wir mit unseren 1314 Stimmen nicht einmal l*20/0 der Wählerschaft auf unsere Seite ziehen konnten. Wir brauchen nicht zu sagen, dass diese Rechnerei falsch ist: weil auf unserer Liste eben nicht 15 Candidaten, sondern 4 standen. Nach den gewöhnlichen Regelnder Mathematik hatten wir 40/0 der Wähler auf unserer Seite. Man erhält diese Zahl auch in der Weise sehr bequem, wenn man die ungefähren Mittelzahlen der Stimmen für jede Partei in Beziehung zu einander bringt. Darnach haben die Conservativen 62-2o°/0, die Liberalen 33*3 und wir 4*4°/0. Die Berechnung der „Jüdischen Presse" zeigt überhaupt jene vollendete rechnerische Kunstfertigkeit, die andere bei allen Abrechnungen der Gyp-strasse — bewundert haben. (Ueberhaupt die „Jüdische Presse"! Dieses „Organ für die Gesammtinte r essen des Judenthums" hat natürlich z u d e n Wahlen erst Stellung genommen — nachdem man wusste, wer Sieger ist. Das ist der Klugheit besserer Theil.) Selbstverständlich sind auch die Folgerungen der „Jüdischen Presse4* vollkommen verkehrt. Wer nicht ausserhalb der jüdischen Gemeinde steht und wer mehr als nur die . . . Hände in das Ge'riebe der Berliner jüdischen Gemeinde hineinsteckt, der hat sicher gesehen, dass das Ergebnis der Gemeindewahlen für uns wahrlich nicht war, „dass für die zionistischen Bestrebungen innerhalb der Berliner Judenheit kein Boden ist". Unsere von Tausenden besuchten Versammlungen haben uns vielmehr gelehrt, wie mächtig die Sympathien all derer sind, zu denen unsere Worte dringen, zu denen anfeuernd unsere Begeisterung fliegt. Die allermeisten — das müssen wir leider immer mehr einsehen — wissen von unserer Sache noch nichts. Und die glücklicherweise wenigen, die die sogenannten Jüdischen" Blätter lesen, sind geradzu entsetzt, wenn sie jetzt erkennen, was für frevler Schwindel ihnen Woche um Woche über den Zionismus vorgesetzt wird. Was kann man denn von den Kulis des Herrn Rudolf Mosse — diesen böhmisch-russisch-polnischzionistischen Vertretern der ... mossaischen Confession anderes verlangen und von den anderen „armen Schluckern", die weniger arm — als Schlucker sind und reich werden durch das ewige Geschrei über das „Elend unserer russischen Brüder". Als wir in die Wahlcarnpagne eintraten, war es für uns klar, dass wir nur moralische Eroberungen machen konnten. Dieses Ziel haben wir sicherlich erreicht. Das können wir ohne Grosssprecherei behaupten. Aber wir hätten auch reale Erfolge aufzuweisen gehabt, wenn uns nicht der „Central-Verein" in so „diplomatischer" Weise die schönste Zeit zur Agitation geraubt hätte. Er hat unsere Thätigkeit gelähmt bis kurz vor den Wahlen. Wir standen vollkommen rathlos da, und so w ir es nur natürlich, dass wir trotz der glänzendsten Versammlunys-Agitalion — wie sie die Repräsentantenwahlen in Berlin noch nie gezeitigt hatten — immer im Hintertreffen bleiben mussten. Wahlen werden eben nicht in 10 Tagen gemacht. Der Centrai-Verein hatte von dem Verbände der Synagogen - Vereine bindende Versprechungen. Damit waren die Kreise, auf deren Gefolgschaft wir naturgemäss — unseres sozialpolitischen und religiöser Frogrammes wegen — in erster Reihe gerechnet haben, fes' - gelegt. Sie hatten ihr Ehrenwort verpfändet. Als der Tag ' er AVahl kam, traten sie — zähneknirschend an die U' ne. Denn auch ihnen gegenüber h itte der Cenlral-Verein seine alte Taktik angewandt ...Die Zusicherung haben wir jedenfalls von einer Anzahl einzelner Synagogen-Vereine erhalten, dass sie bei den nächsten Wahlen mit uns gehen werden. Wir hoffen, auch sonst mit den Synagogen-Vereinen durch mehr persönliche Beziehungen in werlvoller Fühlung zu bleiben. Das s>teht jedenfalls test, dass der Centra!-Verein von heute nicht mehr die zukünftigen Wahlen machen wird. Er wird sich verjüngen und ummodeln müssen. Oder er wird von einer neuen Gruppe — etwa einem m.ch; vi gründenden Verein für Volkspolitik in der jüdischen Gemei.ab — abgelöst werden. Die Form, in der alle bewusst jüdischen Elemente in Berlin für den Wahlkampf zusamniengefasst werden sollen und müssen, muss recht bald bestimmt werden. Wir werden die Politik des „Centrai-Vereines14 nicht länger gellen lassen, °2'V4 Jahre zu schlafen, um dann wie Kinder, die fest geschlafen haben, mit Strampeln und Schreien von ihrer Existenz Kunde zu geben. So darf und kann es nicht weiter gehen. Wenn die conservative Sache diesesmal gesiegt hat, so geschah es nicht durch — sondern trotz des Centrai-Vereines. Es war eine machtvolle Ku* dgebung der Berliner Judenheit, dass sie der Assimilation und Nachäffung des Christeilthums jetzt satt sei. Mögen die Millionenkreise aus Berlin W. ihre Seele am Sonntag von den Sünden der Woche bei Orgelklang und Weibersang rein waschen und sie erheben — in privaten Vereinigungen! — die Gesanimtheit wünscht keine Flucht aus dem Judenthum und stürmte sie auch in dem Panzerzuge der Sonntagsfeier von urs foit. Das war auch der Grund, dass die reichen und warmen Sympathien, die uns die Wahlarbeit gebracht hat, sicli nicht in Stimmen umsetzten. Wo man hinkam, überall hiess es: „Gewiss, Sie meinen es ehrlicher; Sie kämpfen mit reineren Waffen; Ihr Programm ist das bessere und weitere: Aber Sie zersplittern die Stimmen." Bei der seltenen Ungewissheit, die — wie niemals — über den Ausfall der Wahlen herrschte, war diese Befürchtung ausschlaggebend. In der That hat unsere Agitation die am meisten eompromittierten Centrai-Vereinler, vor allen Herrn Weinberg, den Vicepiäsidenten des Vereines, an die letzte Sudle gerückt. Er ist der letzte der Repräsentanten- Stellvertreter geworden. Aber auf alle weiden wiejetzt ein scharfes Auge haben. Professor Lewin hatte sein Mandat niedergelegt, w il er von seinen Fraetions-Genossen in allen entscheidenden Fragen im Stiche gelassen wurde. Wir haben zwar auch jetzt kein Mittel in der Hand, die auf sechs Jahre gewählten Repräsentanten an der Stange zu haben. Aber wir weiden jeden, der da wankt und schwankt von ihnen, vor die Oeffentlichkeit zerren, die dann sagen soll, was sie von ihren „Vertretern" hält. Für di-i Repräsentanten aus „Kowed" haben wir nicht das Mindeste übrig. Immerhin: es bleibt uns no<h viel zu thun. Wenn wir auch nur wenige Stimmen erhalten h.ben, unser Muth i-t nicht kleiner geworden. Wir fühlen uns durch das Wahlergebnis d -rch-