Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Baruch 5
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 „Die & Welt1* Nr. 52 EUruch 5. Ziehe aus, Jerusalem, Dein Trauerkleid. i Steh' auf und werde? Licht, Jerusalem! Zieh aus, Du heilte Stadt, Dein Trauerkleid! Thu auf Dein Hau/pt ein Sternendiadem Und ziehe an das Kleid der Herrlichkeit! Gott hat Dein V'^lk erweckt und. frei gemacht, Dass es die tiefe Heimatsehnsucht lernte; Jerusalem, nacri langer Leidensnacht Kommt Dir eKi Tag, ein grosser Tag der Ernte. Dann wird d/as Land, um das wir oft geweint, Wie eine P>raut in jungen Blüten steh'n. Dann wirs-t Du Deine Kinder neu vereint Aus alieK Welt nach Zion wandern seh'n. Und ta usend Hände werden froh sich regen, Am Tempel der Verheissung mitzubauen; Undi ringsum wirst Du nichts als Licht und Segen U nd Glück und Dank und ew'gen Frieden schauen! Es zieht ein Klang von Psalmen durch die Luft, Um unsren alten, treuen Gott zu ehren; Und angenehm zum Himmel steigt der Duft, Der Opferrauch von unsern Brandaltären, Gott aber blickt aus seiner Herrlichkeit Auf uns herab mit mildem Angesicht. — Zieh aus, Jerusalem, Dein Trauerkleid, Steh' auf, Jerusalem, und werde Licht! Berlin. Dolorosa. Volkswirtschaftliche Vorfragen. Von Dr. D. Parbstein (Zürich). (Schluss.) Ich citierte vorhin den „Judenstaät" von Dr. Herzl. Ich habe seinerzeit den Judenstaät im „Haschiloäh" besprochen. Der „Judenstaat* hat drei grosse Vorzüge, Vorzüge, die ihn schon aus dem Grunde zu einer der besten Schriften über den Zionismus machen, wenn man auch mit der theoretischen Begründung des Zionismus und mit den praktischen Vorschlägen nicht ganz einverstanden ist. In erster Linie ist der „Judenstaat" von Bedeutung, weil in ihm die Erkenntnis ausgesprochen ist, dass der Zionismus etwas Dringendes, Nothwendiges, Kommenmüssendes sei. Hier gibt es kein Wollen, sondern ein Müssen. In zweiter Linie ist der Verfasser des „Judenstaates" consequent: er kennt weder den Culturzionismus, noch die alten Curmittel zur sogenannten wirtschaftlichen Hebung der Juden, Drittens zeugt der „Judenstaat dafür, dass dessen Verfasser ein Verständnis für sociale Fragen und für die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus hatte. Man mag mit ihm über bestimmte Fragen streiten — eins muss aber dem Autor des „Judenstaat" zugegeben werden: er merkte es, dass die Juden im Zeichen der Arbeit in das neue Land gehen sollen, er sah auch im Principe ein, dass der socialpolitische Fortschritt „ein Weltsammeiruf für unsere Leute, die ja frei herankommen sollen", sein müsse. Das sind die Vorzüge des Judenstaates. Hätte man auf die entwickelten Grundsätze das Hauptgewicht gelegt und sich mit dem alten Hillel gesagt, die Grundsätze seien die Hauptlehre und die Details der Ausführung seien erst zu studieren, so wären wir vielleicht weiter. Hat man aber etwas in dieser Hinsicht gemacht? Was that man bis jetzt, damit „die Auswanderung nach wissenschaftlichen Grundsätzen erfolge"? Herzl spricht an einem Orte von den „praktischen" Leuten, die in der Regel nur Routiniers sind, unfähig, aus einem engen Kreise alter Vorstellungen herauszutreten. Leider sieht man solche Leute überall, sei es unter den sogenannten Ideologen, die mit ihren utopistisch-ideologischen Anschauungen nicht brechen können und noch dazu grundpraktisch zu sein glauben, sei es unter den sogenannten eigentlichen „Praktischen", die die ganze Schwierigkeit des zionistischen Unternehmens übersehen, und glauben, es handle sich hier nur um geschäftliche Angelegenheiten,um „Business", und die Hauptsache bestände darin, dass man Geschäfte und zwar gute Geschäfte mache. Die wissenschaftlichen Grundsätze werden aber fast vernachlässigt. . , ' Wollen wir aber, dass die Juden Wanderung nach wissenschaftlichen Grundsätzen erfolge, so müssen wir in ersterLinie eine ganz genaueKenntnis des zu colonisierenden Landes besitzen. Wir müssen, wie ich mich schon im Augustheft von „Zion" im Jahre 1897 ausgesprochen habe, eine wirtschaftliche „Generalstabskarte" Palästinas, Syriens und Mesopotamiens haben. Es soll dafür Sorge getragen werden, dass Fachmänner uns ein ganz genaues geographisches, ökonomisches und ethnographisches Bild dieser Länder geben. Wir müssen auch ganz genau die Bodenbesitzverhältnisse in diesen Ländern kennen. Es muss mit der Thatsache gerechnet werden, dass der Anfang einer planmässigen Colonisation ein Steigen der Grundwerte hervorrufen müsse. Wir müssen daher vor Beginn der Colonisation wissen, wo brachliegendes Land, wo solches, das dem Staate gehört, vorhanden sei. Unter Umständen noch wichtiger als der p o 1 i tji s c h e Charter ist der wirtschaftliche, und zwar ein im voraus eingeräumtes Verkaufsrecht zu einem im Voraus festgesetzten Preise für eine bestimmte Anzahl von zu colonisierenden Ländern. Die Colonisation darf daran nicht scheitern, dass man später bei Speculanten oder früheren Besitzern Land kaufen müsste zu Preisen, die sie infolge des Zunehmens der Grundwerte durch die Einwanderung uns dictieren würden. Mit der Einwanderung soll nicht der Keim der modernen Agrarkrisis mit ins Land gebracht werden. Wer soll nun diese wichtige Arbeit verrichten? Auf den Congressen sprach man in der Regel von Commissionen. Ich glaube kaum, dass diese Arbeit einer Commission aufgebürdet und dass sie auch von derselben mit Erfolg verrichtet werden könnte. Neben dieser Aufgabe müsste aber noch eine andere, ebenfalls wichtige Aufgabe erledigt werden. Die Colonisation ist eben nicht eine reine Geschäftssache, wie manche denken. Die Colonisations-Politik ist eine Wissenschaft. Mit welchen Schwierigkeiten müssen die modernen Staaten kämpfen, die Colonialpolitik treiben. Und welche Schwierigkeiten müssten erst wir überwinden. Ohne eine gründliche Vorbereitung, ohne ein gründliches und umfassendes Studium wird nichts Gescheites herauskommen können. Der wirtschaftliche Generalstab muss früher Studien treiben, bevor er mit seinem wirtschaftlichen Mobilisationsplan auftreten wird. Wenn auch ein Charter vielleicht nach Jahren erreicht werden sollte, so ist daran zu denken, dass solche Studien auch jahrelang dauern. Wir müssen vorbereitet sein wie ein Moltke und nicht wie die Generäle Napoleons III. Das Colonisationsunternehmen soll doch ein autonomes Gemeinwesen, wenn auch vielleicht nur im kleinen, sein. Ich schlage daher die Schaffung einer ständigen Beamtung, eines volkswirtschaftlichen Colonisation s - S e er e t a r i a t s vor. Das Secretariat soll im. embryonalen Zustande das Ministerium der Volkswirtschaft und des Handels, der Landwirtschaft und der Industrie, der Öffentlichen Arbeiten und des Verkehrswesens sein. Das Secretariat soll uns eine genaue Kenntnis des zu colonisierenden Landes verschaffen, das Secretariat soll alle Fragen, die auf Volkswirtschaft und Colonisation, Landwirtschaft und Industrie Bezug haben, studieren und darüber dem Actions-Comite, wie der jüdischen Colonisations-Gesellschaft Bericht und Vorschläge erstatten, die letzteren insbesondere über alle zu unternehmenden wirtschaftlichen Gründungen. Das Secretariat soll mit einem Worte der volks- und der landwirtschaftliche, der socialpolitische und der technische, der juristische und der geographische Beirath und Rathgeber der zionistischen Organisationen sein. Er soll die Judenauswanderung nach wissenschaftlichen Grundsätzen vorbereiten und auch später leiten. Er soll mit einem Worte der volkswirtschaftliche grosse Generalstab des Zionismus sein. Ein solches Secretariat muss selbstredend aus einem ständigen geschulten Personale von Fachmännern bestehen. Ich weiss nicht, ob schon der V. Congress auf die Frage der Gründung dieses Secretariats eingehen wird. Es unterliegt aber für mich keinem Zweifel, dass früher oder später dieses wissenschaftliche Instrument ins Leben gerufen werden müsse, und je früher, desto besser. Der Congress, dereinen diesbezüglichen Beschluss fassen wird, wird vielleicht in „praktischer" Hinsicht viel mehr geleistet haben, als irgend ein anderer bisheriger. Ich unterlasse es, hier mit Details aufzuwarten. Der Congress findet in der Schweiz statt, im Lande der Secretariate. In der Schweiz ist der Sitz alier internationalen „Aemter", dieser internationalen volkswirtschaftlichen Secretariate. In der Schweiz hat fast ein jeder