Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 52 (27.12.1901)
- Article
- Jüdische Siedlungen
- Date
- 1901-12-27
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 52 ,Die # Weif Seite 7 für diesen Zweck erworben werden, aber dann hat auch das alte Land keine übermässige Zuwanderung neuer Ansiedler zu erwarten. Von beiden eins: wie man aber annehmen kann, dass die Organisation zwar gedeiht, aber auf die Stätte ,,(Jes ersten Versuches beschränkt bleibe,, das geht über meinen Horizont. Die einzige Frage ist also die, ob der erste Versuch eine begründete Aussicht hat, zu glücken. Und diese Frage glaube ich mit aller Entschiedenheit bejahen zu können und befinde mich mit dieser Ansicht in der besten Gesellschaft. Alle Agrarpolitiker, Landwirte und Genossenschaftler, denen das Schema bisher vorgelegen hat, haben ohne eine Ausnahme ihre Ueberzeugung dahin ausgedrückt, dass der Plan die beste Aussicht hat. Der Generalsecretär des englischen Genossenschafts Verbandes I. C. Gray hat ohne Kenntnis meiner Schriften seinem Congresse einen fast identischen Plan mit fast identischer Begründung unterbreitet. Aber ich bin nicht autoritätsgläubig, und so will ich denn die sachlichen Gründe in Kürze anführen, die es mir mehr als wahrscheinlich machen, dass die collectivistische Siedlungs-Genossenschaft mit individualistischer Ertragsvertheilung wirklich die überlegene wirtschaftliche Form darstellt, die ich in ihr sehe. Es sind das Gründe der Geschichte und der nationalökonomischen Theorie. Die Geschichte der landwirtschaftlichen Productiv-Genossensehaft, die ich zuerst geschrieben habe3), zeigt auf das deutlichste, dass ausnahmslos diese Unternehmungen ein umso glorreicheres Gedeihen aufwiesen, je näher ihre Organisation dem von mir aufgestellten Schema kam. Schon die Versuche mit der capitalistischen Halbpartwirtschaft und dem Bonus-System zeigen, dass der Materialverschleiss stark vermindert und die Roherträge stark vennehrt werden, wenn der Arbeiter ein Interesse am Reinertrage des Gutes hat. T)er einzige nahezu reine Versuch, der mir bekannt geworden ist, die Genossenschaftswirtschaft auf dem Gute Rahaline in der Grafschaft Cläre (Irland) in den Jahren 1830—32, hatte geradezu märchenhafte Ergebnisse in Bezug auf den wirtschaftlichen Reinertrag als auch auf die moralische Haltung der Genossen. Leider wurde dieser aussischstvollste Keim einer neuen besseren Gesellschaftsordnung zerschmettert durch einen von aussen kommenden Unglücksfall, der mit dem Betriebe selbst nicht das mindeste zu thun hatte: Spielverluste brachten den Besitzer Vandeleur zum Bankerott, und das Gut wurde von den Gläubigern versteigert. Hätte damals schon ein Genossenschaftsgesetz bestanden, so wäre diese Katastrophe unmöglich gewesen.4) Um irrelevanten Einwänden entgegenzutreten, muss ich hier mit äusserster Kraft betonen, dass ich hier, wie überall, nur von der collectivistischen Betriebsgenossenschaft mit individualistischer Vertheilung gesprochen habe. Das günstige Verdict findet keine Anwendung auf collectivistische Genossenschaft mit commun istisch er Vertheilung, und ebensowenig auf das sogenannte „Cooperative farming" und die sogenamiten „landwirtschaftlichen Productiv-Genossenschaften" Grossbritanniens. In allen diesen Formen der Organisation ist nämlich gerade das ausgeschaltet, von dem ich mir bei der Siedlungsgenossenschaft die Ueberlegenheit über den privaten Grossbetrieb verspreche: das starke Selbstinteresse! Die communistischen Experimente eines Owen, Cabet usw. mit ihrer Arbeit nach der Leistungsfähigkeit und ihrer Vertheilung nach den „Bedürfnissen" schalteten das eigene Interesse völlig aus. Dasselbe gilt vom Cooperative Farming, den grossen Gütern, welche einzelne englische Consumvereine durch Lohnarbeiter bestellen lassen: diese Betriebe „Genossenschaften" zu nennen, weil der capitalistische Landlord eine Genossenschaft "ist, kann nur verwirren; und ebensowenig darf landwirtschaftliche Productiv-Genossenschaft genannt werden, was in England unter dieser Flagge segelt. Es sind Actien-Gesellschaften kleiner Aetionäre, die auf gepachtetem oder gekauftem Lande durch Lohnarbeiter, die zuweilen allerdings auch Genossen sind, Landwirtschaft betreiben lassen. Sie vertheilen den Reingewinn (wenn nämlich ein solcher einkommt) nicht auf die Arbeitsleistung, sondern auf die Capitalseinlage. Da nun die Zahl der nicht mitarbeitenden Gesellschafter die Zahl der mitarbeitenden / ganz ungeheuerlich überwiegt — in entern Falle mehrere 100 Aetionäre auf 7—8 Arbeiter) so ist hier d|er Sporn des eigenen Interesses bis zur vollen Wirkungslosigkeit! abgestumpft.5) Um es zusammenzufassen: Wer riiir mit diesen Erfahrungen über Wirtschaftsorganisationen, die atfif genau dem entgegengesetzten Princip aufgebaut sind, Einwände macht, der beweist nichts anderes, als dass er das Problem üjberhaupt nicht begriffen. Ich glaube sogar gezeigt zu haben, dass die namentlich in Amerika nicht seltenen landwirtschaftlichen Betriebsgenossenschaften mit cominunistischer Vertheilung' gerade so lange gediehen sind, als die Art der Vertheilung de-r allgemeinen Armut wegen völlig gleichgiltig wrar, und dass es n \i r der Communismus war, der sie von dem Momente an zur Stagnation und in vielen Fällen zum Scheitern brachte, wo ein höherer Wohlstand mit der communistischen Distribution in Conflict gerieth.n) Ein wichtigerer Einwand ist der folgende: Die Geschichte der Productiv-Genossenschaften im allgemeinen zeigt eine ununterbrochene Kette von Misserfolgen; die Entwicklung selbst hat diese Form der Production gerichtet; es ist nicht möglich, darauf eine neue Wirtschaftsform aufzubauen. Dieser Einwand ist voll berechtigt, aber er bezieht sic\ nur auf die industrielle Productiv-Genossenschaft. Ich liabe selbst ihren regelmässigen Misserfolg nicht nur aus ihrer beschichte mit grösserer Schärfe bewiesen als einer meiner Vorgänger, sondern es ist mir auch gelungen, den stringenten Nachweis zu führen, dass sie niemals glücken kann. Sie scheitert in der grössten Mehrzahl der Fälle, noch ehe sie zur Blüte gelangt ist, an den drei Klippen, die ihre Fahrt bedrohen, dem Kampf um den Credit., um den Absatz und um die Arbeitsform. Wenn sie aber in seltenen Fällen diesen Klippen entrinnt, so hat sie sich inzwischen ausnahmslos aus einer Genossenschaft in eine parasitäre capitalistische Ausbeuterform verwandelt; und muss sich immer in sie verwandeln nach dem von mir entdeckten „Gesetz der Transformation". Sie sperrt sich gegen neue Zuzügler, stellt neue Arbeitskräfte nur als am Gewinn nicht betheiligte Lohnarbeiter an und verliert die genossenschaftlich demokratische Organisation. Je nachdem wenige „Genossen" viele Lohnarbeiter exploitieren, oder viele kleine Capitalisten wenige Lohnarbeiter beschäftigen, segelt hier eine Unternehmer-Societät oder eine Actien-Gesellschaft unter der Flagge der ehemaligen Productiv- Genossenschaft. Dies Gesetzgilt aber nicht für diel and wirtschaftliche Productiv - Genossenschaft. Sie ist in jedem Betracht der Antipode der industriellen. Das liegt schon tief begründet in dem fundamentalen, vom heutigen Socialismus meist völlig verkannten Gegensatz zwischen der Urproduction und der Stoff-Veredlung. Die Preisbildung der Waren unterliegt in beiden einem vollkommen verschiedenen Gesetze; in der Industrie geschieht sie vorwiegend durch das Angebot, in der Urproduction vorwiegend durch die Nachfrage. Dort bestimmt auf die Dauer das Angebot des best ausgestatteten Betriebes den Warenpreis, indem er die gesammte Concurrenz zwingt, entweder auszuscheiden oder seinen Betrieb auf mindestens die gleiche Höhe der Productivität zu bringen oder seinen Profit ad maxinvum zu beschränken. Im Ackerbau dagegen ist es die Nachfrage seitens der städtischen Märkte, welche den Preis der Urproduction bestimmt, und zwar wird derjenige Productenpreis Marktpreis, der dem marktfernsten resp. auf schlechtestem Boden' wirtschaftenden Betrieb (dem Grenzbauern) Productionskosten und Transportspesen vergütet, dessen Producte zur Sättigung des Martkes noch erforderlich sind. Infolge dessen besteht zwischen den Landwirten keine Concurrenz um den Preis und den Absatz!! (ScWugs f(%t) s) Meind „ Siedlungsgenossenschaft", 2. Buch, 4. Capitel, Seite 387 f. 4) Näheres in meinem eben citierten Werke, S. 405 f* und ausführlicher in Pare „On cooperative Agriculture", London 1870. 6) Vergl. dazu meine Arbeit in Nr. 36 1901 der genossenschaftl. Blätter, Berlin. 8) Meine „Siedlungsgenossenschaft", Seit» 444 f.