Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-12-20
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „Die £ Welt** Nr. 51 Zweierlei Juden. Roman v&n Max Viola. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Noch ein kleines, schmales Güsschen hatten sie zu durchschreiten, da Blieb Finkelstein stehen, lächelte und schlug p;uil vertraulich auf die Schulter: ./IVeisst Du. es ist doch keine Beschäftigung Für einen Juden," sagte er. „Gut, Du hast nicht Doetor werden wollen oder Advocat, aber Du hattest, wie Dein Vater, in das Geschäft des Baron Tulpenthal eintreten können und Du wärst vielleicht ein grosser Mann geworden." ,,Xa. lieber Onkel, ob ich jemals ein grosser Mann werde, daran zweiüe ich. aber ein grosser Mann, wie Dein Baron Tulpen - thal möchte ich überhaupt nicht werden. Das ist ja ein Lumpenhund, mit dem ich nicht tauschen würde, wenn ich ein Anstreicher wäre.'' .Finkelstein sali ihn ungläubig an. ..Tulpenthal besitzt Millionen: wirst Du Dir in Deinem Leben auch nur eine einzige Million erwerben? Ein Bild ist ein Bild und eine Million ist eine Million." „Es gibt Bilder, die mehr wert sind, als alle Bilde]' Tulpenthals und ihn selber dazu genommen." ..Bilder, die Millionen wert sind? Wie sieht ein solches aus';"' ..Es ist auch bloss mit Oelfärben auf Leinwand gemalt." ..Hast Du schon einmal eines gesehen?" .„Gewiss! In Rom. Der Pariser Rothschild hat fünf Millionen dafür geboten und man hat es ihm nicht gegeben." „Fünf Millionen? Und was stellt es vor?" „Die himmlische und die irdische Liebe." ,,So, so? Und für fünf Millionen hat er es auch nicht hergegeben. Wie heisst der Maler?"' „Tizian!" „Ich habe nie von ihm gehört. Kennst Du ihn vielleicht persönlich?" „Nicht ganz genau, weil er nämlich vor dreihundertdreissig und einigen Jahren gestorben ist. Und in Dresden befindet sich ein Gemälde, für das man zehn Millionen bekäme, wenn es zum Verkaufe ausgeboten würde."" „Aber der Maler ist auch schon gestorben und bei Lebzeiten hat er gehungert?" „Gestorben ist er allerdings, doch gehungert hat er nicht. Er besass so viel Geld, als er nur wollte, und Grafen und Fürsten fühlten sich geehrt, wenn er sie seines Umganges würdigte. Solch ein Baron Tulpenthal wäre ihm „zu schlecht gewesen, um ihn als Stiefelputzer zu verwenden. Uebrigens lassen wir das, lieber Onkel, wir werden uns schwer verständigen. Du verkaufst Leinwand und ich bemale Leinwand, aber deshalb herrscht doch ein zu grosser Unterschied zwischen uns. Es gibt auch ideale Metiers." „Ideale Metiers? Weiss ich! Aber sie bringen kein Geld. Und Geld ist heutzutage die Hauptsache. Man muss doch leben!" „Du kannst beruhigt sein. Ich lebe ziemlich flott, vielleicht sogar ein wenig leichtsinnig, besitze aber dennoch ein Atelier mit kostbarer Einrichtung und habe auch bereits eine hübsche. Summe beiseite, gelegt." „Du hast schon gespartes Geld?*'*' „Ueber fünfzigtausend Kronen." „Du bist ja ein wohlhabender Mensch? Und ich glaubte, das Bildermalen wäre nicht ernst zu nehmen. Warum soll man nicht malen, wenn es seinen Mann ernährt? Fünfzigtausend Kronen! Das ist ja ein Vermögen! „Gibt es denn so wenig Geld bei Euch, dass Du das ein Vermögen nennst?"' „Wir haben auch reiche Leute." erwiderte Finkelstein; „der Dr. Goldner ist sogar ein schwerreicher Mann, aber die meisten der hiesigen Juden sind arm wie die Kirchenmäuse. Heute, am Samstag, sieht es freilich aus. als ob wir die Sorge nicht kennen würden. Die Läden sind geschlossen, von den Hausthüren ist der Schmutz fortgefegt; auch der Aermste wird Mittag sein Schalet essen, sich nachher auf die hölzerne Bank legen und sich einreden, es gehe, ihm ausgezeichnet. Siehst Du dort Berl Heimann, wie er vergnügt lächelt? Er trägt einen schwarzen Rock, der bis zur Erde, und einen Cylinderhut, der bis zum Himmel reicht. Den schwarzen Rock mit den Riesenklappen hat er vielleicht vor fünfzig Jahren zu seiner Hochzeit anfertigen lassen und sein Cylinder ist statt schwarz rostbraun. Er hat eine, verwitwete Tochter, die besitzt sieben Kinder, und die alle soll er mit seinen achtzig Jahren allein ernähren. Sieh Dir trotzdem das kleine Männchen an, wie es vergnügt einhertänzeit. Es ist Samstag, und er glaubt, er sei fünfundzwanzig Jahre alt und sein alter Rock und sein brauner Hut müssen allgemeine Bewunderung erregen. Dort kommt Schimschele Hecht, auch ein schwerreicher Mann. Er trägt Wasser in die Häuser, hat vier kleine Kinder und verdient wöchentlich zwei Gulden. Aber heute ist es Samstag,-darum trägt er den Rock offen, hat die Daumen in die Westenöffnungen eingehakt, der Cylinder sitzt ihm im Nacken, und er sieht so herausfordernd vor sich hin, als ob er fragen wollte: Was kostet Prag? Warum? Weil er heute in der Frühe Kaffee getrunken und Kuchen gegessen hat; nun wird er in der langen Gasse mit Berl Heimann, Wolf Schreiber, Chopin Stinzi und Jossewl Haselstrauch einen grossen Disput führen, dann wird er in den Tempel gehen und dort so laut beten, als ob er der Gemeindevorsteher wäre; Mittag wird er Schalet essen und Nachmittag sich schlafen legen und träumen, er sei ein Graf. Morgen wird er mit seiner Frau und seinen Kindern freilich wieder nur Kartoffel essen, aber das thut nichts. Die sechs Tage gehen schnell vorüber und dann ist es wieder Samstag, und. er ist wieder ein Graf und wird wieder Schalet essen. Siehst Du, da sind wir jetzt in der langen Gasse. Da stehen Leute in einer Gruppe und dort wieder. Einige machen sich vor ihren Hausthüren breit, alle aber haben ihre besten Kleider an, sind sehr zufrieden mit sich und debattieren über die interesselosesten Dinge. Sie haben kein Geld, aber ein gutes, ruhiges Gemüth. Sie stehlen, lügen und betrügen nicht, es sind lauter ehrliche Leute, und was sie verdienen, das wird am Samstag vergnügt aufgegessen. Ich hin nahe an die fünfzig und seit meinem sechzehnten Jahre hin ich jeden Samstag nach dem Frühstück in die lange Gasse gekommen, um zu spazieren und zu discurieren. Und ich sage Dir, es ist mir heute noch ein solches Vergnügen wie vor vierunddreissig Jahren, und wenn ich einmal am Samstag nicht hier bin, habe ich solches Heimweh nach der langen Gasse, dass es mir schier das Herz abdrückt." (Fortsetzung folgt.) Mittheilungen des Äctions Comites. Amerika. Cincinnati. Ohio 12. November. Am Sonntaer den 10. Nov. berief unser Verein „Ohawe Zionft eine Massen Versammlung ein, an die der bekannte Schriftsteller S. B. K o m a i k o eine Ansprache hielt. Das Resultat dieser Versammlung ist ein sehr erfreuliches. Ungefähr 800 Pprsonen waren anwesend!; eine Anzahl von Shares sind verkauft und mehrere Mitglieder gewonnen worden. Die Versammlung ist eröffnet und geschlossen worden mit Zionsliedern, die Rpverend Bleiberg prachtvoll vortrug. Als Redner für den Ab^nd waren bestimmt: H^rr S. ß. H i 1 f, Volksdichter D. Grünberg (Ben-Jischai), FL Reich ler. H. M. Silber. Südafrika. Ceres. Hier hat sich ein zionistischer Verein „Tikwath Z i o jr' gebildet, dem sämmtliche Juden des Ortes beigetreten sind. Trotz d"r durch den Kriegszustand stark verschlechterten Erwerbsverhältnisse sind 50 Actien der Colonialbank gezeichnet und ein kleines Vereinsvermägen bei Cassier F. Kirsch gesammelt worden. A. H. Miller. Spenden. Für die Arbeiter in Palästina: M. Lampl, J. Frei, A. Voboyzem, M. Löwit. sämmtlich in Pardubitz, je K 1.—. Zusammen K 4.—. Für die rumänischen Juden: Ungenannt in Krotoschin K 5.83. Für den jüdischen National-Fonds: Ettlis David, Küssow K 10.-—. Makkabäerfeier Kossow K 10.30. Sammlung Simon H^rschdörfer, Drohobycz K 2.65, Familie K. K 1.—, J. S. K —.50, S. N., Jekat. K - .50, O. M. K 1.—, Dr. O. K. K —.50, Dr. Seh. K -.40, M. Seh. K —.20, A. N. K -.30. K. Sammlung K. 1.—, A. P K —.20, L. W. K —.50, L. K. K —.25, J. U. K -.20, M. Z. K —.20, Ephr. Ed. K —.20, aus einer Sparbüchse K- .20, K. bei einer Abrechnung K —.40, Erst. zion. Frauen v» rein K 1.40, AÜgem. Jüd. Arbeiterverein K —.54, Siegmund Grünspan K - .20. Zusammen K 32.64. Für zionistische Zweck *: Beim Congressbureau eingelangt von „Noifes Zion", Odessa K 100.-. Berichtigung. In Nr. 50 soll es bei. zionistische Spenden heissen : Bannetr, Rossland K 1.70 anstatt K 1.50. Briefkasten. Rahel R. in Tauroggen: Leider nicht verwendbar. R. K. in Bieiitz, J. S. in Mannheim : Wegen Raummangels leider unmöglich.