Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Article
- Reif...
- Date
- 1901-12-20
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr.!A „Die # Welt Seite 13 donn das ändere doch am ganzen nichts. Doch liatte er einem uegenüber «•eiurss.eri:, er sei kein Cyniker und wisse, was sich am Todestage seines Vaters schicke, und da spielten seine guten l'Yeunde in seiner Jiuiggoselllenwolinnng, die er ilmen wie iinuner /.Iii- Verfügung gestellt, ohne ihn. Sie rauchten dabei seine C'i- «rarron und tranken von seinem Wein, das war schon so ihre Gewohnheit. Nur rauchte e r nicht mit ilmen und trank nicht mit ihnen, denn um ö Uhr früh war sein Vater gestorben, und er konnte es nicht übers Herz bringen, in (I e s e 1 1 s e h a f t gute Cigarren zu rauchen und noch besseren Wein zu trinken, wo die? Leiche noch warm war. Allein gieng es schon, nur nicht in Gesellschaft, und dann, er wusste doch, was man sich und der Gesellschaft, die alles, nur nicht. Langeweile verträgt'., schuldig sei. Seine Braut benachrichtigte er zuerst kurz pneunml isch vom „herben Schlage, der ihn getroffen und fast gebrochen habe". Dann schrieb er ihr, „nachdem er sich bereits gesammelt'*', einen langen Ibief auf feinem Velinpapier, wo er ihr seine seelischen (Qualen und Leiden ausmalte und auch mittheilte,, „er könne am Abend, der dem Todestage, seines Vaters folgte, nicht, wie besprochen war, mit ihr ins Theater gehen, schon gar nicht zum ..Süssen "Mädel'*, das für Trauernde zu lustig sei. da, wenn es wenigstens ein Trauerspiel wäre, gienge es vielleicht noch, aber zu einer musikalischen Posse, nie und nimmer!*' Doch, werde er sie und seinen Schwager vom Theater ahholen und sie könnten dann ihr Abendbrot zusammen einnehmen. Diesen Brief parfümierte er nicht und da durch unterschied er sich von den früheren «•tu seine Drauf. Am Todestage des Vaters klebt man doch nicht au solchen Aeusseiiichkeiten. Doch die Adresse war schon mit ruhiger Hand gesehrieben und verrieth durch nichts die 'Erregung, die er niederzukämpfen hatte. Sie lautete: Hoch wohlgeboren Kraulern Ameln* von AVettlitz Edle von "Rohrenstein in Wien, IV., Wohllebengasse 5. Sogar der Accent auf Amelie war richtig gesetzt, der grosse innere Schmerz liess ihn nicht die äusssere. Erziehung vergessen. Wenn man ein Mann ist, so kann man sich beherrschen und lässt sich durch nichts zu Ineorreetbeiten hinreissen. Da war ganz anders seine Mutter — er sagte immer ,,Mfinia** — die Gattin des Verstorbenen. Diese war wie wahnsinnig vor Schmerz, und der Todte hatte ihr doch das grosse Eingstrassenhaus, das unter Brüdern — und er war glücklich dabei, zu denken, dass er keine Brüder habe — seine 000 000 Kronen wert war, verschrieben. Oder war es darum, dass sie n u r das Haus bekommen? Er, der Sohn, der heisse Sanguiniker, konnte sich das Verhalten seiner „Mama,", die doch entschieden eine phlegmatische Natur war, gar nicht erklären. In der Früh um einhalb sieben schon war sie in seine Wohnung gestürmt, hatte ihn aus dem Bette geläutet, wo er doch erst nach drei Vhr zur Ruhe gegangen war, und ihn förmlich aus den Federn herausgerissen. Geradeaus, ohne auf die. ermahnenden Worte des Dieners zu achten, war sie in sein Sehlafgeniaeh eingedrungen und schreckte ihn mit einem nassen Kusse und den Worten auf: „Unser Vater ist todL ich halte es nicht aus, Tozsi!" Johann'*, eorrigierte er dabei seine Mama, denn sein Diener stand daneben. ..Vater war so milde, er entschlummerte in meinen Armen und seine let zten Worte waren: „Wo ist mein JozsiV „Dapa wird doch entschieden Johann gesagt haben, Mama. Ich heisse doch nicht mehr /Josef." j;Mir kam's vor, ich hörte Jozsi. mein Sohn." „Tu des Teufels Namen, Mama, wir sind doch nicht allein und ich heisse schon seit, sechs Jahren Johann; Ihr hättet Euch daran schon gewöhnen können, aber Ihr wollt nicht; Euch war es mit dem Auscblnss nie ernst, ihr wart stets nur halb gewesen. Was soll ich nun machen? Ich bin jetzt cornpromittiert. ich kann nicht einmal meine Freunde und Bekannten einladen. Das gäbe eine schöne Gesellschaft, Onkel „Sanii" aus Trossnitz und Onkel „Grienspan'*' aus Dressburg und meine Schwiegereltern. Dank" schön." „Unsere Verwandten verständigen wir nicht, mein Kind, damit Du Dieb zufrieden gibst, oder wir schreiben ihnen so, dass sie zu spät die Briefe erhalten und nicht kommen können.** „Aber peinlieh ists doch, Mama, das gibst Du nun zu; wenn es nur keine geschwätzigen Zeitungen gäbe, was würde ich dafür zahlen?" Und nach einer kurzen Pause fügte er noch hinzu: .AVenn ihr damals mir gefolgt wäret, Ihr hättet mir diese Unannehmlichkeiten heute erspart. So werden sie auf mich mit den Fingern zeigen/ und ich bin bis auf die Haut blamiert. — „Israelitische Ahtheilung'* — Pfui Teufel*', und er spuckte aus. ..Sprich nicht so im Angesichte des Todes,** ermahnte die Mutter. ..Weil es auch wahr ist, Papa war innner dagegen, Du hättest Dich gewiss nicht gesträubt/* „Ich wollte Deinem Glück nicht entgegen sein, Du bist ja mein einziges Kind, dozsi — Johann will ich sagen." Des Abends holte Johann, wie er geschrieben, seine Braut und seinen Schwager vom Theater ab und fuhr mit ihnen in den „Stefanskeller**, Dort, trafen sie eine kleine lustige Gesellschaft, der sie sich anschlössen. Das Beste und Theuerste wurde, aufgetragen, die Pfropfen sprangen, und Wein ergoss sieh in Strömen, und alles war in der animiertesten Stimmung. Als sich Johann auf einige Augenblicke entfernte, meinte der Edle von Rohrenstein, dem der Wein die Zunge gelöst hatte, zu seinen bereits angeheiterten Kumpanen: „Ist doch ein Prachtkerl, mein Schwager, wenn auch ein Bürgerlicher. Stirbt ihm gestern sein Vater und geht heute schon lustig mit uns. und da sage mir einer, dass es nicht Juden gibt, die reif für die Assimilation wären." M. IVcisniowi. Aus unserer westlichen Volksbildungsbewegung. „Jüdisches Bildungheim * Wien, XIV., Denglergasse 2, 1. Stock. Jan ner programm: 2. Jänner: Herr Ernst Müller: Eigene Gedichte und Novellen. 9. Jänner: Herr Maximilian Steinherz: Populäre Astronomie, 16. Jänner: Concert. 23. Jänner: Herr Adolf Pollak: Heiteres und Ernstes. 30. Jänner: Herr Dr. Martin Engländer : Die Krankheiten und ihre Heilung. ftus dei) \}ereii)ei). Voranzeigen. Wien. (Jüdischer Verein jugendlicher Arheiter.) Am 26. Decemher (Donnerstag) veranstaltet dieser Verein im Concertsaale des Restaurant Guth eine volksthümliche Nachmittags vorlesung unter gefälliger Mitwirkung des Herrn Richard G r o s s m a n n, Mitglied des Theaters an der Wien. Beginn präcise 3 Uhr nachmittags. Eintrittskarten ä 30 Heller sind noch zu haben in der Tabak-Trafik f., Marc Aurelstrasse 12, in der Papierhandlung Böhm, IL, Kleine Pfargasse 4, im Restaurant Guth, IL, Stephaniestrasse 6, in der Tabak-Trafik II. Bezirk Stephanieetrasse 11, in der Administration der „Welt", in der Jüdischen Tonybee-Halle sowie bei sämmtlichen Ausschussmi tgliedem. Berichte. Wien. Am 28. November fand im Hotel Franz Josefs- Bahn der Eröffnungscommers des 38. Semesters der akademischen Verbindung „Kadimah" statt. Als Gäste erschienen: Herr Dr. Kahn vom Actionscomite, Herr Martin B u b e r, Chefredacteur der „Welt", Herr A. Neufeld, Vertreterund Vertreterinnen der gesinnungsgenössischen Vereine und zahlreiche Damen. Es sprachen : Der Präses med. Bogad (Begrüssung der Gäste, Wesen der Kadimah), jur. Barber (Tendenzrede), techn. Rippel (Alte Herren), med. UpHmny (Damen), jur. Schwarzmann (Verbindungen), Frl. Emma Neuberger trug liebenswürdig und virtuos am Claviere vor. Ein improvisierter Tanz dauerte bis 3 Uhr. Budapest. (Telegramm.) Hier hat sich ein neuer Zionsverein gegründet. Fürst.