Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Article
Volkswirtschaftliche Vorfragen
Date
1901-12-20
Page
10 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315957-3402040--29642-3402144
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 „Die Welt" Nr, 51 Volkswirtschaftliche Vorfragen. Von Dr. D, Färb st ein (Zürich*). Ich habe in meinem letzten Artikel („Welt" Nr. 41) nachzuweisen versucht, dass diejenigen, die zweifellos von den besten Intentionen beseelt sind und jüdische Socialpolitik treiben wollen, auf dem Irrwege sind. Insbesondere irren sie dadurch, dass sie den Charakter der modernen Judenfrage verkennen und sich der Thatsache nicht bewusst sind, dass die moderne Judenfrage kein Bestandteil der allgemeinen socialen Frage im engeren Sinne des Wortes sei. Ich habe schon vor Jahren im „Zinn" betont, dass (He Judenfrage meines Erachtens eine speeifisch jüdische sociale Frage sei, ich habe diese von mir aufgewehte Behauptung auch in meinem auf dem ersten Congres.se gehaltenen Referat zu begründen versucht und stehe noch jetzt auf dem damals eingenommenen Standpunkte. Es scheint mir, es herrsche unter einem grossen Theile der Zionisten noch eine gewisse Begriffsverwirrung. Ich sehe schon ab von den Cultur-Zionisten, sei es von denjenigen, die eine Cultur „erzeugen44 wollen, oder auch von denjenigen, die nichts Wichtigeres zu thun haben, als einen jüdischen „Culturkampf" heraufzubeschwören. Die letzteren werden in der Regel junge Studierende oder „alte Herren" im akademischen Sinne des Wortes sein, die, nachdem sie einige Jahre in Westeuropa in einem Milieu geiebt haben, das himmelweit von dem des osteuropäischen Juden entfernt ist, ihre Begriffe des westeuropäischen iiichtjüdi-chen Milieus dort hineintragen wollen, wo sie nicht passen. Die Herren vergessen, dass die freireligiösen Anschauungen, die unter der Mass** des Volkes Westeuropas herrschen, nicht „gemacht" werden, sondern ein Product der Verhältnisse sind, unter denen die Masse Westeuropas lebt. Aendert nur die Lebensverhältnisse der Juden Osteuropas und dann werden diese selbst sich ihre Anschauungen bilden. Der jüdische Bauer oder Arbeiterwird ganz andere religiöse Anschauungen haben, als der Händler oder Krämer. Der vun der Luft lebende und in sich selbst keine Stütze habende Chassid. für den es factisch ein Wunder ist, wenn es ihm gelingt, alltäglich sein Brot zu erwerben, mtiss die Siülze ausser sich selbst suchen, er muss an Wunder, an den Wunderrabbi glauben; der von den Erzeugnissen seiner Arbeitskraft lebende Bauer oder Arbeiter wird in sich selbst eine Stütze finden, sein Wunderrabbi werden seine Arbeitskraft und seine Arbeitsmittel sein. Aber auch diejenigen'Zionisten, die schon über Ziel u n d Z vv e c k d e r z i o n i s t i s c h e n B e w e tr u n g n i e i n e r A11 s i c h 111 a e h i n i klaren sind, diejenigen, die für das jüdische Volk auch Brot wünschen, auch sie begehen den Fehler, dass sie mit Vorschlägen kommen, die absolut nicht am Platze sind. Ich habe schon in meinen] früheren Artikel auf diese Vorschläge hingewiesen. Ich will nur eines betonen, lieber eine Frage soll man eine ausgesprochene Meinung haben: Entweder soll der Zionismus das sein, was er ursprünglich sein sollte, oder er soll eine internationale, phikv.thropisch-ökonomisch-jüdische Heilsarmee werden. Hat man diese letzte Meinung, so wird man freilich dazu gelangen müssen, auch den jüdischen Paupers in Gaüzien, Wolnynien oder in der Bukowina zu helf n. Man wird aber auch bald das bisschen des ursprünglichen Zionismus verlieren, und man wird bald zum kleinbürgerlichen Kleinkrämer-Politiker werden. Ich habe öfters den Vorwurf gehört. man theoretisiere im Zionismus viel zu viel. Ich glaube im Gegentheil, die über die Ziele im \ Zwecke des Zionismus herrschende Unklarheit sei eher darauf zurückzuführen, dass man vhl zu wenig theoretisiere, dass man viel zu wpnig über die theoretischen Grundlagen des Zionismus nachdenke. Eine Bewegung hört erst dann auf, eine utopistische zu sein, wenn man über die Frage im klaren ist, worauf die Entstehung dieser Bewegung zurückzuführen sei. Man spricht so viel in zionistischen Kreisen von Agitation, man will auch die Art und Weise der Agitation der modernen socialistischen Partei nachahmen, in dem Glauben, man werde dadurch ebenso stark wie letztere werden. Man übersieht eines: Die socialistische Partei ist nicht durch ihre Agitation so stark geworden, sondern dank dem Uni stände, dass man innernaib dieser Partei über Uisache und Endziele der Bewegung vollkommen klar wurde. Man kann ,-ageu, die Stärke des modernen Socialismus sei nicht auf die vielen Vereine zurückzuführen, sondern im Gentheil die vielen Vereine seien eben darauf zurückzuführen, dass die *) Wir lassen auch diesmal gern den geehrten Verfasser, dessen Anschauungen in manchen Punkten von den unseren abweichen, zu Worte kommen. (Anm. d. Red.) Paitei eine bestimmte, abgeschlossene Weltanschauung hat. Wir hätten auch in der zionistischen Bewegung in Bezug auf bestimmte Fragen viel mehr Klarheit gehabt, wenn wir eine sichere theoretische Grundlage gehabt hätten. Solche Phantasien, wie die der Lösung der ökonomischen Frage in Amerika und der culturellen in Palästina, oder wie die, dass man Banken oder Genossenschaften für die Kleinhändler und Kleinkrämer in der Bukowina oder Podolien gründen soll«3, könnten überhaupt keine Wurzel fassen, wenn man sich einmal genau gefragt hätte: Worauf ist der Zionismus zurückzuführen, und was; will er denn eigentlich? Ich will hier nur über die wirtschaftlichen Fragen sprechen, und ich erkläre schon jetzt, dass ich das Baseler Programm ganz eng interpretiere. „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öff-ntlich-rechtlich gesicherten Hei tri statte in Palästina14. Es handelt sich also um eine Heimstätte, um ein Land, in dem die Mehrheit des Volkes aus Juden bestehen solle, um ein Land, in dem der Bauer und der Arbeiter Juden sein sollen. Das will der Zionismus. Der Zionismus hat das zu „erstreben", was er sich in seinem Programme als Ziel gesetzt hat, der Zionismus hat nichts zu thun mit den „Musterchedern" in Brest oder in Kowno. er hat auch nichts zu thun mit der Förderung der Genossenschaften oder der Creditinstitute in Lutzk oder in Kovvel. Muster-Volksschulen sollen auch errichtet werden, aber erst wenn es Zeit hierzu sein wird, in Chebron und Ber-Scheba, Genossenschaften in Bethlehem und Akko. Der Wunsch, man solle auch jetzt in der Diaspora die wirtschaftliche Lage der Juden heben, steht im Wirlerspruch mit dem Geist und Charakter der zionistischen Bewegung, er beruht auf einem Verkennen dieser Bewegung. Der Zionismus ist doch nicht deswegen entstanden, weil einige Personen Zionisten sein wollten. Der Zionismus ist deswegen entstanden, weil eine Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden in der Diaspora eine Sache der Unmöglichkeit ist, weil der Zionismus das einzige Mittel ist, um aus der bisherig« n wirthschaftlichen Misere herauszukommen. Ich denke hier an die Juden Osteuropas. Insofern es sich um westeuropäische Juden handelt, so ist deren Lage, insofern sie überhaupt hie und da keine günstige ist, mehr oder weniger auch e:m Product der allgemeinen Krise, wenn auch der Antisemitismus müspielt. Ausserdem wären in Westeuropa bei der Roll-\ die die Juden als Minorität annehmen, und hei ihrer wirthschaftlichen Abhängigkeit von der' nielvjüdischen Bevölkerung speciüsch jüdische wirtschaftliche Oj*manisatiornm nur ein Unglück für die Juden. Mit einem Worte, ich stehe auf dem Standpunkte, dass das einzige Mittel zur wirtschaftlichen Hebung der Juden nur die planmässii? organisierte ColonLation sei. Wenn ich von wirtschaftlichen Fragen im Zionismus spreche, so verstehe ich darunter einzig und allein nur die Frauen der Colonisation. Unter einer wirtschaftlichen Hebung d-r Juden verstehe ich das Ergreifen dbser Mittel, die eine Durchführung des Basler Programmsermöglichen. Wenn wir Studien über wirtschaftliche Hebung der Juden machen sollen, so sollen es Studien sHn. die sich auf die Fragen beziehen, \co und wie soll colonisiert werden, die Voraussetzung sei b.- treib n d vorbehalten, dass man überhaupt eine Erlaubnis zur GoloMsa^on im Sinne des Basler Programms bekommen solle. Ein bekannter Socialist sagte einmal, es wäre für die Arbeiter jetzt ein Unglück, wenn man plötzlich den socialen Staat dekretieren wollte: sie seien hierzu noch nicht vorbereitet, ich glaube, in mancher Hinsicht wi'ne auch der 'zionistischen Sache keineswegs gedient, wenn man uns so von heute auf morgen mit einem Charter überraschen würde. In seinem „Judenstaat" sagt an ehern Orte Herzl: „Die neue Judenwanderung muss r äch Wissenschaft liefen Grundsätzen erfolgen." Dieser Salz dürfte, neben dem Baseler Programm einem jeden Zionisten stets vor Augen sieben. (Schluss folgt.) fflakkabäerfeier. Wien. Die Makkabäer-Feier der zionistischen Corporationen Wiens fand am 1-2. Docember d. J. unter lebhafter Betheiligunades Publicumstatt und nahm einen würdigen und erhebenden Verlauf. Nachdem der Obmann des österreichischen Landes-Comites Dr. S. Kren b er g er die Gäste, darunter Herrn Dr. Th. Herzl und die. Mitglieder des A.-C. sarnmt ihren Angehörigen, begrüsst hatte, hielt Herr Dr. J. Schallt die Festrede, die die Bedeutung des Festes vom zionistischen Standpunkte würdigte und lebhaften Beifall fand. Herr Dr. Martin Engländer toastierte auf das A.-C, Herr Martin B u b e r auf die palästinensischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.