Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Article
- Sonntag
- Date
- 1901-12-20
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 51 „Die & Welt66 Seite 9 i'assten, eigene Kandidaten aufzustellen). Das Programm der Zionisten wurde zum erstenniale Losung iiu Streite der Parteien. Im Vorstände der Berliner jüdischen (ieiueinde hörte man zum erstenniale von der Partei, die. sich anschickt^ auch in Berlin die alten Parteien abzulösen. Man lachte nicht mehr, wie noch vor wenigen .Jahren, über die verrückten 'Brauseköpfe, sondern ohne zu wissen, ob die Zahl der Stimmen der Summe von Intelligen/, und Begeisterung entspräche, nahm man die Zionisten ernst, so ernst, dass die Angst vor ihnen uns selbst lächerlich erschien. Kreilich war es noch mehr amüsant als traurig, zu sehen, dass ein langjähriger llepräsentant und Führer der Konservativen im Laufe des Kampfes das Baseler Programm der Zionisten entdeckte und absolut nicht wussfe, was er damit anfangen sollte. Besonders hatte es das sociale Programm der Zionisten den freundlichen und feindlichen (Jcgneni angethan. Sie verstanden nicht, dass schon die Existenz einer Annencasse ein freilich recht primitives sociales (lenieiudeding sei. Sogar die Konservativen hielten thatsächlich die Frage, ob in einer 'Berliner (leineindesynagoge am Sonntag gepredigt würde oder nicht, für unendlich wicht iger als die Fürsorge für unsere Geplagten und Geschundenen. Wenn sie es auch sonst auf beiden Seiten vortrefflich verstanden hatten, dem Nichtjudeu und besonders dem christlichen Prediger abzugucken, wie er sich räuspert und wie er spuckt, so schienen sie gar nicht bemerkt zu haben, wie die evangelischen Kirchensynoden und die kirchlichen Katholikentage sich in erster Linie socialen Aufgaben zu widmen anfangen. Sie vergassen oder hatten es beiderseits nie gewusst, dass die jüdische Gemeinde nach dem Gesetze vom Jahre. 1847 nicht bloss eine Cultiisgemeinschaft darstellt, sondern dass sie in jeder gesetzlichen Beziehung die prenssisehen Judenschafteu der einzelnen Orte zusammenfasst. Wäre die Unwissenheit nicht geradezu grenzenlos, wenn es sich um Judenthum und Judenheit handelt, so könnte man es gar nicht begreifen, wie es Juden, die sich noch, dazu orthodox nennen, fertig bekommen konnten, aus religiösen ..Bedenken*' aus der Gemeinde auszutreten. Durch clas Eintreten der Zionisten in den Wahlkanipf bekam von vornherein alles einen grösseren Zug. Freilich war nach wie vor in den gegnerischen Versammlungen die Langeweile Kittmeister, so lange der Zionismus nicht berührt wurde. Aber dass er besprochen wurde, dafür sorgten wir und sogar die „liberalen" Versammlungen verloren ihre Eintönigkeit und Langeweile. Die Zionisten brachten „Leben in die Bude". Lud das ist es doch, was uns am meisten fehlt, junges, frisches, kräftiges Leben. Die alte Generation niusste erkennen, dass hier ein neues Leben sie anhauchte, das sie zwar nicht mehr verstehen konnten, das aber ihre citjenru K i n d e r unwiderstehlich fortreisst. Wie anders i mit bete es an, wenn die Zionisten an die Xlrossthaten unserer Makkabäer erinnerten, und wenn ein Mitglied der Reforingemeinde die Geschmacklosigkeit besass, Herrn Levinstein, den Kämpfer für den Sonntagsgottesdienst, mit Jehuda Makkahi zu vergleichen. Gewiss hat der gute Herr einmal gehört gehabt, dass die Alakkabäcr auch einmal Gelegenheit hatten, sich mit der Frage der Sabbathheiligkcit zu befassen, aber doch nur, um festzusetzen, dass es hei dem Kampfe für die Existenz, die nationale; Existenz der hebräischen Nation, wichtiger sei. zu kämpfen, als den Sabbath zu feiein. An die Thiergarten-Juden mit dem grossen Portemonnaie und dem kleinen lferzen hatte kein Makkabäer gedacht. Lud welche Persiflage liegt darin, unseren grössten .Helden mit dem opferwilligen, aber recht einseitigen Vertreter einer abgewirtschafteten Partei im dudenthum gleichzustellen. Ja, von der Grosartigkcil jüdischen 11 eldenthums, makkabäiseher Begeisterung, hasmoniiischer Kampfesfreudigkeit kann der keine Ahnung haben, der im Selbstmorde des Judcnthums ein erstrebenswertes Ziel sieht. Freilich hat sieh im Wahlkampfc sein Gesinnungsgenossse. Herr Isidor Goldberg aus St. Petersburg, gleich unsterblich lächerlich gemacht, der uns Berliner Juden für so dumm hält, dass er uns aus dem Ta 1 in ud beweisen will, dass wir den Sonntagsgottesdienst einführen sollen.*) Er quält sich in schwerfälligem Deutsch ab; uns aus dem Talmud unsere Pflicht klar zu machen, durch Annahme des Sonntagsgottesdienstes dem umgebenden Deutsch thum uns mehr und näher anzuschliessen. Ifabeat sibi. Es muss auch solche Käuze geben. Weiss denn der Mann gar nicht, wie lächerlich er sieh macht, Beuten, die wirklieh in religiöser Beziehung Freidenker sind, mit so etwas zu kommen. Nein, er hat die Berliner Juden für zu dumm gehalten. Für solche Leute gibt es nur eint4 Antwort, wie man sie im Mausehel der Norddeutschen Juden noch ofthört: ,,Maeh Schabbes mit ihm!1' Zu etwas anderem ist der Sonnfagsinann doch nicht zu gebrauchen. Da ist der Herr Levinstein doch ein ganz anderer Manu, wenn er auch uns, die wir weniger mystisch und romantisch-religiös veranlagt sind, recht cigenthümlieh als „Liberaler* berührt. Sein. Kampf für den christlichen Sonntag entspringt einer falschen Erwägung zum Wohle des Judenthums. Er glaubt einen, wer weiss wie grosse]] Dienst dem jüdischen Volke zu erweisen, wenn er ihm Gelegenheit gibt, am Sonntage die Predigt in der Synagoge zu hören; er meint wirklich, mit Predigt, und Gesang sei den) dudenthumc geholfen. Nein, und tausendmal sein! Wir werfen die Conservativcn und Liberalen zum alten Eisen., wohin sie geboren, und pflanzen in die Herzen unserer Jugend einen Funken von dem Feuer, das unsere Ahnen dnrHiglühete. als sie in lodernder Begeisterung und unendlicher Zähigkeit das Joch der Fremden vom Nacken schüttelten. Noch lebt eine Spur von Makkabäer! bimi in den fernen Nachkommen der Streiter von Jerusalem. Klein, unendlich klein und kleinlich ist die Finge, ob Sonntag Predigt oder nicht, gegenüber dem Kampfe, den wir fechten und auskämpfen für Israels Freiheit und Ehre. Noch ist unsere Hoffnung auf eine baldige Freiheit nicht geschwunden. Und dass diese Hoffnung nicht seh winden soll, ausser durch die Verwirklichung unserer schönsten Träume, dazu mag uns die Begeisterung führen, die wir vom wahrsten Nationalheldcn unseres Stammes lernen, von Jehuda Makkabi! Ein neues Stückchen der deutschen Protestrabbiner. Wir lesen in der „Kölnischen Zeitung": Von zionistischer Seite wird uns geschrieben: Der „Deutsche Rabbinerverband" beabsichtigt, bei der Regierung dahin vorsMiig zu werden, dass die jüdische Religion in Zukunft in religiöser und politischer Beziehung d^n anderen Bekenntnissen gleichgestellt werden solle, dass die Gemeindeverwaltungen in enge Beziehung zum Cultusminister ium treten und die Rabbiner als Staatsbeamte mit staatlich garantierter Pfründe und Pensionsberechtigung angestellt werden sollen. Diese Forderungen dürften an sich vom Standpunkte der Rabbiner aus nicht unberechtigt sein; freilich müssten über die Zweckmässigkeit einer staatlichen Organisation des jüdischen Kirchenwesens vorerst die berufenen Gemeindevertretungen gehört werden, die wenigstens früher vielfach gerade auf die gesetzliche Unmöglichkeit staatlicher Einmischung in innerjüdische religiöse Angelegenheilen grossen VVrert gelegt haben. Eigenartig berührt übrigens die Begründung, die die Rabbiner ihren Forderungen beifügen und deren Argumente durch eine demnächst erscheinende apologetisch-polemische Schrift des Berliner Arabisten Dr. Schreiner verstärkt werden sollen. Es wird ausgeführt, die Juden seien nichts als eine religiöse Gemeinschaft, und als solche hätten sie ein Recht staatlicher Gleichstellung mit den anderen Bekenntnissen; wären die Juden eine Volksgemeinschaft, so dürften sie diesen Anspruch nicht erheben. Für die vorliegende Angelegenheit scheint die Aufteilung der Streitfrage nach der Existenz einer eigenen jüdischen Nationalität, die, was ethische Eigentümlichkeiten anlangt, sicher bejaht werden wird, müssig. Fraglich ist auch immerhin, ob gerade diese Begründung in den massgebenden Kreisen, in denen man den judisch-volklichen Palästina-Bestrebungen, die der Zionismus vertritt, wohlwollend gegenübersteht, als besonders zugkräftig angesehen werden wird. "*) Sind wir berechtigt, an Sonn- und Stautsrubetagen unsere Synagogen für erbaulichen Gottesdienst zu ülinenV Von Isidor ({oldberg. St. Petersburg. Berlin, Selbstverlag 11)01. 8\