Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 51 (20.12.1901)
- Article
- Wege zum Zionismus
- Date
- 1901-12-20
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Weit!» Nr. 51 ein solcher Zionist sehr leicht dazu verleitet werden kann, eines der Mittel — z. B. wirtschaftliche Hebimg — als Selbstzweck anzusehen und sich mit einer halben Heilung zu begnügen. Vor allem aber ist dieser Standpunkt viel zu eng und viel zu — utilitarisch. Er entspricht dem jener gewiss sehr braven englischen Moralisten, denen das grösstmögliche „Glück" der grössten Zahl als das höchste Ideal erscheint. Wie traurig hört sich das schöne Wort „Glück" aus zahnlosem Munde an! Und wie jene Ofenbank-Perspective ist es, die ungeheure mindervolle Welt dahinsteuern zu lassen, dass möglichst viele Wesen sich wohl fühlen! Wenn je grosse Werte des Lebens aus dem Glücke hervorgiengen, so war es ein Glück, in das tiefste Tragik und unsagbarstes Leid gemischt waren. Und lässt sich solches Glück — das Glück der Persönlichkeiten — anstreben? Ich will möglichst deutlich sagen, was ich meine. Wenn ich für mein Volk zu wählen hätte zwischen einem behaglichen, unfruchtbaren Glücke, wie es in alten Zeiten manchem seiner Nachbarn zutheil geworden war, und einem schönem Tode in letzter Anspannung des Lebens, ich müsste diesen wählen. Denn er würde, und sei es auch nur einen Augenblick lang, etwas Göttliches schaffen, jenes aber nur etwas Allzumenschliches. Schaffen! Der Zionist, der die ganze Heiligkeit dieses Wortes fühlt und ihr nachlebt, scheint mir auf der höchsten Stufe zu stehen. Neue Werte, neue Werke schaffen, aus der Tiefe seiner uralten Eigenart heraus, aus der eigenartigen, unvergleichlichen Kraft seines Blutes heraus, die so furchtbar lange in die Fesseln der Unpruductivität geschlagen war — das ist ein Ideal für das jüdische Volk. Die Monumente seines Wesens schaffen! Seine Individualität sich ausklingen lassen in einer neuen Auffassung des Lebens! Eine neue Art., eine neue Form, ein neues Spiel der Möglichkeiten vor die Augen der Unendlichkeit hinstellen! Eine neue Schönheit erglühen lassen den Schönheitsdurstigen, die im Dunkel harren, einen neuen Stern emporsehen lassen auf dem zauberhaften Nachthimmel der Ewigkeiten! Erst aber sich durchringen, mit blutigen Händen, unerschrockenen Herzens sich durchschlagen zu seinem Wesen selbst, aus dem alle diese Wunden auftauchen weiden. Sich entdecken! Sich finden! Sich erkämpfen! Dieser Weg bedeutet: Sein Volk suchen, weil man es liebt, und vor keiner Widerwärtigkeit zurückschrecken, die man findet. In seinem Volke das Material für eine Statue sehen, und sich nicht dadurch verwirren lassen, dass dieses Material nicht Marmor von Faros oder Carrara, sondern zähes, schwerfälliges, widerstrebendes Gestein ist. Dieser Weg bedeutet: Für sein Volk ein. Leben wollen, aber kein Leben, das sieh mit Leben begnügt, sondern ein reiches, ganzes, schöpferisches, fortzeugendes Leben. * Ich habe nur versucht, die Haupttypen zu zeichnen. Es gibt noch andere Wege zum Zionismus, Seitenwege gleichsam. Am eigentümlichsten unter ihnen ist vielleicht der Weg des Socialtheoretikers, der seine Ideen an uns realisieren möchte. Der Zionismus erscheint ihm als die Möglichkeit eines riesigen, socialen Experiments. Die Männer, die so zu uns kommen, gewöhnlich ohne rechtes Verständnis für die ganze Schönheit unserer nationalen Idee und unfähig, zu ihm vorzudringen, sind dennoch eine befruchtende Kraft. Sie bringen neue Elemente in unsere Discussionen, sie zwingen uns, zu den grossen Strömungen unserer Zeit eine positive Stellungnahme zu finden. Die übrigen Wege bieten verschiedenartiges Interesse. Da ist der Weg des judaistischen Gelehrten, der seiner Wissenschaft eine sichere Stätte wünscht; der Weg des Künstlers, der seinem jüdischen Schaffen Verständnis und Verwertung sucht; des Technologen, der seinem Volk ein modernes Leben bauen helfen will und zugleich grosse Möglichkeiten einer freien allseitig begünstigten Bethätigung ahnt. Da ist der Weg des Unsteten, der ein eigenes Milieu gefunden hat und sich daran klammert, und der Wreg des jungen Halb-Skeptikers, der freudig nach einer heimischen Lebensanschauung greift. Da ist der Weg des Historiosophen, dem die Vergangenheit geheimnisvolle Winke gab, und der Weg des Politikers, der in Asiens wunderbare Zukunft schaut. Da ist der Weg des Keligiösen, und da ist der schöne, versonnene Weg des Eomantikers, der anders als der Eeligiöse die alten seelenvollen Traditionen und ihr stilles Leben liebt. Da sind schnöde, unedle Wege, von denen wir nicht reden wollen. Da ist aber auch der grosse Weg des Helden, der in einer Zeit ohne Lorbeer geboren wurde. Da ist der gerade rücksichtslose Weg des Träumers, der seinen Traum leben will. Und da ist auch, von jungen Eosen "überhangen, von jungem Lerchensang überschaut, von junger Morgensonne beschienen, der Schmerzensweg des Dichter-Propheten, der sterben wird, ohne seine Sehnsucht geschaut zu haben. ■* Und doch sind die Zionisten, die mehr als den Zionismus, das schimmernde Zion selbst in sich haben, kein dieser Wege gegangen. Es sind die, die keinen Weg zu gehen brauchten. Es ist das jüdische Volk. Dieses Volk ist jenes Material unserer Bildhauerei. Es wird durchaus nicht bearbeitungsfähig durch seinen Zionismus. Aber es bedeckt sich mit einem grossen, weissen Leuchten, das dem des Marmors gleicht. Von diesem Leuchten geht die Hoffnung aus. Und von dieser das Schaffen. („Jüdisches Jahrbuch".) Jüdische Siedlungen. Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin. (Fortsetzung.) Wir haben bisher nur von der Form des Besitzes gesprochen; innerhalb derselben gibt es jedoch zwei äusserste Formen des möglichen Betriebes, die allerdings in vielfachen Abstufungen miteinander verbunden sein können. Das ist eine der genossenschaftliche Betrieb, das andere der individuelle Betrieb auf genossenchaftlich besessenem Lande. Welcher von beiden ist zu empfehlen? Nun, diese Frage lässt sich grundsätzlich gar nicht beantworten. Je intensiver die landwirtschaftliche Cultur betrieben wird, namentlich also im Garten- und Weinbau, desto weniger eignet sie sich für einen gemeinsamen Betrieb durch eine zahlreiche Genossenschaft; je extensiver, desto besser eignet sie sich dafür, und auch die Bodenlagc bedingt Unterschiede. Extensiver Kornbau auf grossen Ebenen ist viel leichte* von einer zahlreichen Gemeinschaft zu betreiben, als derselbe Kornbau im zersplitterten bergigen Terrain. Da lassen sich also keine allgemeinen Regeln aufstellen. Wenn ich den gemeinsamen Betrieb in den grundsätzlich dafür geeigneten Fällen dem individuellen Betriebe für überlegen halte, so habe ich dafür einen wichtigen privatwirtschaftlichen und einen wichtigen gemeinwirtschaftlichen Grund. Der privatwirtschaftliche Grund ist der, dass nach meiner Ueberzeu g u n g unter sonst gleichen U m stände n der Grossbetrieb in der Landwirtschaft sich dem Kleinbetrieb ebenso überlegen erweisen muss, wie in der Industrie, wohl gemerkt: unter sonst gleichen Umständen! Diese waren bisher nur ganz vereinzelt herzustellen. Der Kleinbetrieb erhielt bisher immer einen gewaltigen Vorsprung in dem Selbstinteresse des kleinen Besitzers, der mit unvergleichlich höherem Fleiss, unvergleichlich höherer Aufmerksamkeit und unvergleichlich sorgfältigerer Schonung der lebenden und todten Productionsmittel arbeitet, als der Taglöhner des grossen Betriebes. Aus diesem Grunde konnten die Vortheile, die der Grossbetrieb auf seiner Seite allein besitzt, sich im Reinertivge nicht klar ausdrücken; sie wurden zum grössten Theile aufgehoben, zum Theile überwogen durch die interesselose und verwüsterische Arbeitsleistung des Ackerproletariats. Diese Vortheile sind die Möglichkeit der Anstellung eines intelligenten Fach-