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Die Welt · 1901-12-20 · 51 (20.12.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
51 (20.12.1901)
Article
Vier Jahre
Date
1901-12-20
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 51 Und auch jene anderen verweigerten die Heerfolge, welche ihren eigenen Willen dem der Mehrheit aufzwingen wollten. Das Bankvotum war die erste Disciplinprobe. Die sie nicht bestanden, sind abgefallene Splitter des Volkes, die auch sonst, früher oder später, den Athem in unserem raschen Vorwärtsschreiten verloren hätten. Ihr Treuschwur beim ersten Congresse war vielleicht ehrlich gemeint, aber sicherlich nicht genügend überdacht. Man beweint nicht, mitten im Kampfe stehend, Genossen, welche beim Anblicke des zu erstürmenden Zieles ängstlich nach einer Ausflucht suchen. Mit streiten muss, wer in unseren Keinen ist, und nicht bloss mit reden! Beim dritten Congresse ward uns jene rechtliche Form verkündigt, in deren Kähmen wir die Wünsche und das Streben des jüdischen Volkes fügen müssen: der Charter. In dieser modernsten Fassung der Landnahme sollte das alte Volk in seine alte Heimat zurückkehren. Bedarf es eines besseren Beweises, dass jene, welchen die schwere Last zufiel, unsere Nation in diesen schweren -Zeiten zu führen, nichts vom dunklen Mystieismus in sich hatten, der ihnen von ihrem Feinde angedichtet wurde? Und spricht etwas mehr für den friedlichen und freundlichen Charakter des grossen Werkes, das das Judenthum unternommen hat, als diese Form eines ehrlichen Tauschhandels zwischen dem Herrn des Landes und jenen, welche dafür sogar einen „Liebhaberpreis" zu zahlen bereit sind? Um aber diesen Zielpunkt der Wanderung zu erreichen, bedarf es vor allem der Einigung aller Kräfte, eines innigen Bandes unter seinen verstreuten Söhnen. Darum schuf man die zionistische Organisation. Wir sehen jetzt ein, dass sie gewiss nicht schlecht, aber mangelhaft ist. Sie konnte auch nicht anders sein. Es war ja ein unerhörtes Beginnen. Sie hatte nicht ihresgleichen — denn sie sollte sich über den ganzen Erdball erstrecken; und sie sah vor sich kein.Muster — weil keine andere Nation sieh in unserer Lage befindet, um uns wenigstens ein Beispiel zu geben. Unser Fall war der eines Zimmermannes, der aus weit voneinander liegenden, noch ungekannten haltlosen Balken, die noch dazu von verschiedener Art wären, ein festes Haus errichten soll! Darum muss er sie tastend und zögernd au fe inan derseh i cht en. Trotz dieser gewiss noch mangelhaften Organisation hat die zionistische Idee sich über die ganze Welt unter den Juden verbreitet, nicht allein wegen der Begeisterung der .Massen oder des Eifers seiner Vertreter, und nicht einmal wegen der Unfähigkeit der Gegner, sondern weil es geschichtliche Notwendigkeiten gibt, die nach langer Vorbereitung, durch natürliche Entwicklung reifen, dann aber alles niederwerfen, sich aufzwingen und zur That werden müssen. Das Sehnen des Judenthums, die Thränen seiner Kinder, das Blut seiner Märtyrer, die Träume seiner Dichter, die Lieder seiner Sänger, die Phantasien seiner Denker wirkten zusammen und bereiteten vor. Die Zionisten von heute sind die glücklichen Erben, berufen, der alten Zeit ein Ende zu setzen und das erste Blatt der neuen Geschichte mit ihren Thaten zu füllen. Xach dem dritten Congress hatten sie das Kceht, den blank geputzten Schild Israels der ganzen Welt mit Stolz zu zeigen. Darum giengen sie zum vierten Congress nach London, der Capitale. Zum letztenmak? hofften ihre Gegner, dass dieses Wagestück den Führern und der Bewegung vielleicht dennoch das Lebenslicht ausblasen würde. Die stillen Wünsche jener giengen nicht in Erfüllung. Der Congress in London hat seinen Zweck — eine grosse Manifestation unserer Volksbewegung zu sein, die so wenig gekannt und so viel verleumdet wurde — ganz erfüllt. Der Zionismus ward ein Factor, der nicht mehr todtzuschweigen, der nicht mehr todtzuschlagen war. Da die Arbeit nach aussen zum grossen Theil getlian ist, rüsten wir uns, wieder nach dem stillen, lieben Basel zu gelien, um Innenarbeit zu verrichten. Vor allern müssen wir unsere Organisation ändern, ummodeln. Ein zerstreutes Volk muss sich anders regieren als jene glücklichen Nationen, die mit dem Heimatsboden den Vortheil haben, alle ihre Kinder am selben Herde sich wärmen zu sehen. Wir müssen verschiedene Herdfeuer anzünden. Wir müssen für unser grosses Ziel von morgen ein Centrum haben, aber für die Arbeit von heute müssen wir mehrere schaffen, von denen im Golus für die jüdische Nation Licht und Wärme, Aufrichtung in moralischer, physischer und geistiger Beziehung kommen soll. Wir müssen unsere Volksarbeit, die gross wird, nicht bloss unseren Bedürfnissen, sondern auch unserer Situation anpassen. Da wir unser Volk für sein künftiges Leben vorbereiten wollen, so müssen wir darum auch an seine jetzige Wohlfahrt denken. Die Holle der Zionisten wächst, sie müssen sich der Jungen wie der Alten, der Zukunft und der Gegenwart eines verlassenen Volkes annehmen. Wahrlich, nicht aus Vielthuerei haben die Zionisten die (iegenuartsarlieil auf ihr Programm gesetzt. Sie ist ihnen von selbst in der Entwicklung ihrer Aufgabe zugekommen. Ob halbe Freunde sie warnen, dass sie sich in Wolkenheiin ein Luftgebäude construiert haben, an dem sie gleich Kindern zähe festhalten, ob die Gegner sich entsetzen, dass die nationale Idee sich ausgebreitet hat und der Grundpfeiler des Judenthums geworden ist — der Zionismus geht vorwärts, unaufhaltbar. Mit den Jahren seiner Existenz wächst die Grösse seiner Aufgaben, jeder Congress erweitert das Programm und bleibt nicht bloss die Tribüne der Volkshoffnungen und Volksklagen, sondern ist das Volksparlament geworden, in dem man auf Mittel sinnt, um auch eine momentane Besserung seiner Lage zu scharfen. Es war höchste Zeit. Da in der ganzen Welt alle Nationen ihre Eigenart vertheidigen und selbst halb Wilde für ihr Volksthum, bluten, sollten da Judas Söhne zurückstehen? Jetzt treten auch sie offen für das ihre ein. Darum erwerben sie in der ganzen Wrelt ehrliche Freunde dem Judenthum. Wir bedauern jene Juden, welche nicht mit uns sind. Auch darum, weil ihnen nicht die unglaubliche Lust zutheil wird, für ein geschmähtes Ideal zu kämpfen, und weil sie nicht die grosse Ehre mitgeniessen, einer angefeindeten Majorität anzugehören: 2sach aussen geachtet, nach innen gestärkt, vereint und einig, tritt der Zionismus in sein fünftes Jahr und wird ohne Zagen, uneingeschüchtert weiter an seinem Ideale arbeiten: Israel von den geistigen und körperlichen Ketten zu befreien. Selbst gegen mächtige, aber knechtisch gebliebene Söhne, und ihnen zum Trotz. Der Welt-Zionistentag. Die Beiheiligung an der Feier des Welt-Zionistentages übertrifft die kühnste Erwartung. Von Tag zu Tag häufen sich die Meldungen von den Veranstaltungen der zionistischen Corporationen in aller Welt. Mit Genugtlmung wird jeder Zionist zur Kenntnis nehmen, wohin überall der Zionismus gedrungen ist und welche Formen er angenommen hat. Allerorten wird das Gelöbnis zum Zionismus feierlich erneuert und den Führern Vertrauen bekundet. Aus sämmtlichen Resolutionen spricht das freudige Bekenntnis 7Ai den freiheitlichen Bestrebungen des jüdischen Volkes. Telegraphische Berichte und Resolutionen von der Feier liefen ausser den bereits veröffentlichten bis jetzt ein aus : Petersburg (Zion. Volksversammlung), S u w a 1 k i („Agudas Ohawe Zion"), ßerdyczew (Sämmtliche Zions- Vereine, Redner Kleinmann, Rosenfeld), P o c z i p o k (Jüdische Bevölkerung, Dr. Selikin, Dr. Salkind), O d e s s a („Beth Zion"), Friedrichstadt, Kurland (Zionisten-

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