Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Article
- Exil [Rezension]
- Date
- 1901-12-13
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 50 von Christen kommt, nichts zu theuer ist. Er ist der Freund, seine Frau die Geliebte des antisemitischen Hedacteurs Drach. Diesem zu Gefallen ward ein Antisemit Director der Gruben werke, der die jüdischen Beamten chieaniert, die jüdischen Arbeiter entlässt, weil sie Samstag nicht arbeiten. Deren Spreeher bestürmen in einer ergreifenden Scene Weidenbauin. ihrer Noth Hilfe zu bringen, ihre Deputation bis zum Baron zu führen: von Vater und Frau gedrängt, verspricht es der Angerufene. Der zweite Act bringt uns zu Baron Litt man, der Deputationen Audienzen ertheilt: die Juden bekommen mürrische Ermahnungen und hingeworfene Almosen, Christen mit tiefer Reverenz was immer sie verlangen. Gestern wurde der Baron Abgeordneter; man rüstet eben zum Festdiner. Inzwischen sitzt die von Weidenbaum geführte Deputation im Empfangszimmer und bekommt endlich den Baron zu Gesicht. Gross ist seine Wuth über die Aufdringlichkeit; aber man niusste ihn heute sprechen, weil er morgen abreist. Keine Beredtsamkeit des Elends wirkt; die Arbeiter müssen Samstag arbeiten oder gar nicht. „Lieber verhungern, als Sünde" schreit's aus heisser Kehle. Die Arbeiter gehen. Vor dem Fenster zieht ein bestellter Fackelzug für den neuen Abgeordneten vorbei. Der Baron dankt vom Balkon herab. Da schreit einer unten: Jud! Ein Stein fliegt, mehrere, ein ganzer Regen, der Baron flüchtet. Zu Weidenbaum zurückgeführt, hören wir, was wir erwarteten. Der angeklagte Director hat Weidenbaum entlassen. Was soll er noch hier, ohne BeschäftigungV Der Alte tröstet, milde, fest, gottvertrauend. Er ist gleichmüthig, weil ihn das oft erlebte jüdische Elend abgestumpft hat. Mit seiner hohen Auffassung von Judenglaube und Judenleben gibt er seiner Familie Kraft zuiy tragen. Man wird auswandern, wandern mit den Arbeitern, dir Dank sagen kommen und Abschied nehmen. Die Tochter allerdings» konnte bleiben. Ihr Bräutigam ist — wie soll er sagen — ..ausgewichen1', er ist getauft, dafür hat er Brot. Aber das Leben nahm Gina in die Schule. Das ist Feigheit, was Leo gethan, das sieht sie ein und wird kalt in der Liebe, heiss im Judenthum. Ihr Entsagungsthriinen versiegen im Ernst der drängenden Ereignisse. Auf der Strasse tobt. es. Das Gerieht hat heute einen Ritualmörder verurtheilt, und das Volk hat noch nicht Blut genug. Man stürmt die Betstube, die im Ifause Weidenbaums sich befindet und legt Feuer. Militär kommt im letzten Augenblick. Doch wohl niemand kann dem alten Weidenbauin mehr helfen, der von einem brennenden Balken getroffen zusammensinkt, die aus dem Feuer gerettete Thora im Arme. Die Lebendigkeit und der kühne Wurf des Dramas lässt in uns die Empfindung aufkommen, sie wäre in dichterischem Taumel aus einem Guss aufs Papier geworfen. Dabei ist Grünau mit feinem Geschmack scenischen Knallefl'ecten aus dem Wege gegangen, lässt uns die Vorgänge auf der Strasse mehr ahnen als sehen. Das aufgeregt pulsierende Leben aller Juden bringtauch bei seinen die schlichte Wahrheit zu scenischer Wirkung. Ossian vergleicht das menschliche Leben mit dem Mond, von dem ein Theil, Vergangenheit und Gegenwart, beleuchtet, der andere, die Zukunft, dunkel ist. Ein poetischer Geschichtssehreiber der Wirklichkeit, nicht der Phantasie, zeigt uns Grünau bei den Juden die beleuchtet!» Seite im Feuerschein ihres brennenden Hauses, im Bilde das jüdische Leben. In die Zukunft, in das Dunkel aber rückt schon ein Liclitbringer vor: Der Zionismus. B. Avigdor. Von unserem bekannten englischen Gesinnungsgenossen J. de Haas ist eine Broschüre unter dem Titel Zionism. iewish Needs and Jewish Ideals erschienen, die wir in unserer nächsten Nummer besprechen werden. lieber den Zionismus. Von Dr. Martin W e i s - mann. Ein Versuch, den kurzsichtigen Zionistenfeinden richtige Gläser aufzusetzen. Das klare Wesen und die einfache Logik des Zionismus werden den verdrehten Argumenten d*r Justamentgegner entgegengehalten. Sehr praktisch nützt der Verfasser seine reiche Belesenheit, au?, um die am meisten anerkannten Geister unseres Jahrhunderts für uns sprechen zu lassen. Dabei macht er Front nach allen Seiten und erledigt Protestrabbiner. Auchjuden und jüdische Socialdemokraten mit ihren eigenen Waffen. Denn nur bei den Juden, deren Denkweise vom Ghetto her direct und erblich belastet ist, haben wir Gegner. Mit der Masse der Dummheit kämpft entschlossen der Geist der Freiheit, „und der Morgen wird nicht lange auf sich warten lassen". ,,0lam Katan", die vom Verlag „Tuschijah" herausgegebene und von S. L. Gordon und A. Bei-- Avigdor vortrefflich redigierte hebräische Jugendzeitschrift hat eine Makkabäer-Festausgabe veranstaltet, die prächtig ausgestattet ist und mannigfaltige Beiträge von den besten hebräischen Schriftstellern enthält. Von den Illustrationen heben wir he-vor: Die reizende Randleiste „Haneroth Halalu" von G. Tschorn y in München. J u d a M m k k a b i (nach B. Schatz), M a t h a t i a s t ö d t e t den Mann, der dem Zeus Opfer darbringt" (nach G. D o r e), Chanuka- Abend (nach Oppenheim). Von den schriftstellerischen Beiträgen verdienen besondere Erwähnung: „Das Chanukafest" von S. L. Gordon; „Oei für Chanuka" (Gedicht) von demselben; „Die kleinen Hasmonäer" von R. A. B r a u d e s; „Die hebräisch sprechende Puppe* von Chemdah Üen-Jehudah; „Spielet Hebräisch! * von J. Eppstein etc. etc. Auch von der ausgezeichneten Jargonzeitschrift „Der Jude'4, die der Verlag „Achiasaf" herausgibt, liegt uns eine prächtige Chanuka-Festnummer mit reichem Inhalte und schönen Illustrationen vor. Der Festartikel „Chanuka" rührt von M. L. Lilien blum her. Darauf folgt ein herrliches Gedicht von Ch. N. Bialik unter dem Titel: „Das letzte Wort". Die Nummer enthält ferner Beiträge von: Mordechai ben Hillel Hakohe n, Schalom-Ale ehern, M. Spector, J. L.Perez, Jehuda S t e i n b e r g, Schalom Asch etc. Der Nummer liegen die Bildnisse von S. J. Abramo witsch (Mendele Mocher S'forim) und Dr. H. Gr ätz, sowie eine [hübsche O p p e n h e i m'sche Reproduetion: „Sommerabend in der Judengasse" bei. * Djrch ein unliebsames Versehen wurde verabsäumt, unter den in der vorigen Nummer abgedruckten drei Vignetten von Wilhelm Wachtel zu bemerken, dass sie uns von der Redaction des „Jüdischen Jahrbuches4' in Lemberg (über welches wir in der nächsten Nummer eine ausführliche Besprechung bringen) in dankenswerter Weise überlassen wurden. Heimkehr. So waren endlich, endlich sie gekommen, Die Schuhe weiss von langer Wege Staub? So war das Leid in tiefe Nacht verglommen, Und wieder glühte sommersatt das Laub? Der Makkabäer stand auf hohem Steine Und schaute still den alten Pilgern zu. Sie küssten in der Sonne rothein Scheine Der Muttererde süsse Hafenruh. Dann sahen sie zum Fels : „Schaut J u d a dort!! Schaut hin — und schweigt!" -- Sie blickten schweigend hin. So grüssten sie den Ahn' ohn' Lied und Wort Und weinten heiss. — Und Juda weinte mit. W i e n. Max E i s l e r. Erste Vorlesung aus jungjüdischer Dichtung. Am Abend des 27. November fand die erste öffentliche Vorlesung aus jungjüdischer Dichtung im Ehrbar- Saale, IV., Mühlgasse 28, statt. Ein zahlreiches, verständnisvolles Publicum füllte den Saal. Der Leseabend verlief überaus stimmungsvoll, und war auch nach der materiellen Seite hin — es ergab sich ein kleiner Ueberschuss, der zu Preisausschreibungszwecken verwendet wird — erfolgreich. Nach einigen einleitenden Worten Martin Bubers wurde das Gedicht „Verwaister Sang", von Ch. N. Bialik, übersetzt von Moriz Zobel, mit Cellobegleitung vorgetragen, Hierauf las Martin Bub er eine der feinsten, reifsten Novellen von J. L. P e r e z, den „Kranken Knaben", in der äusserst glücklichen Uebersetzung von Mathias Acher vor. Da diese Novelle demnächst in einer grossen europäischen Zeitschrift erscheinen dürfte, werden wir hoffentlich in der Lage sein, sie alsbald zu reproducieren. Heinrich York-Steiner brachte das Gedicht „Der Traum", von J. L Boruchovitsch, übersetzt von Berthold F e i w e 1, in gewohnt meisterhafter Weise zu Gehör. Nach einer kleinen Pause wurden die hebräischen Melodien von Lewandowsky durch Herrn Dr. Adler, den Fräulein Etelka Jonas auf dem Piano verständnisinnig aecompagnierte, in vollendeter Weise gespielt. Adolf Donath las drei seiner Judenlieder und das Gedicht „Die Jüdin" (sämmtlich in der „Welt" erschienen) vor. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir, dass demnächst ein neuer