Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Article
- Die socialen Aufgaben der Gemeinden
- Date
- 1901-12-13
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 50 erzieherische Pflichten zu erfüllen haben, dann wird die Sympathie der Massen in stets wachsendem Masse sich uns zuwenden. Darüber brauchen wir unsere letzten Ideale auch nicht zu vergessen. Der wahre Idealist ist stets ein praktischer Mensch, der gute Bergsteiger geht langsam, theilt den Weg in kleine Aufgaben und sucht den bequemen Aufstieg. Der Unverständige nilein stürzt blind vorwärts, geht scheinbare Abkürzungen und stösst den Kopf gegen die Felskanten. Wir wollen jedes praktische Mittel anwenden, um die Spitze des Zionsberges zu erreichen, und dt r bequemste Weg geht über die Gemeindehäuser. JNicht etwa nur, weil sie Geld und Macht besitzen, sondern weil wir nirgends so wie hier die Möglichkeiten haben, dem kurzsichtigen Alltagsmenschen praktisch zu beweisen, wer seine Freunde und wer seine Feinde sind. Hat er das einmal begriffen, dann werden wir das Spiel halb gewonnen haben. Wieviel ist auch hier wieder von der grossartigen Organisation der katholischen Kirche zu lernen! Ueberall, wo sie werbend auftritt, in protestantischen Ländern, im Orient, im äussersten Osten, überall ist sie die Verfechterin socialer Gerechtigkeit. Auch ihr Endziel ist nicht die materielle Besserstellung der Leidenden hierzulande, ihr Ziel ist ja das „himmlische Zion". Aber sie weiss die Herzen der Massen zu gewinnen, um sie leiten zu können. Da ist keine Stadt so klein, dass in ihr nicht ein Gesellenheim bestände. Da werden Vereinshäuser und Lehrlingsheime, Vorschusscassen und Hospize gebaut, in denen der Arbeiter Essen, Nachtlager, selbst Kleidung zu kleinsten Preisen erhält. Da werden Volkskuchen geschaffen und selbst Festlichkeiten veranstaltet, alles von der Kirchengemeinde! Kann sich so die älteste Organisation Europas modernisieren, warum sollten es die jüdischen Gemeinden nicht vermögen! Und sie vermögen es, sich zu modernisieren, wenn der gute Wille vorhanden ist. Die Gemeinde ebenso, wie der Staat, hat heute andere Aufgaben zu erfüllen als vor 50 Jahren. Wenn die Machtmittel der Gemeinden heute in den Dienst der socialen Fürsorge gestellt werden, so ist das kein Wohlthätigkeitsact der Besitzenden, sondern die Erfüllung einer Pflicht. Das werden die betheiligten Kreise vielleicht nicht sogleich begreifen, aber wir werden es ihnen so oft wiederholen, bis sie es verstanden haben. Schliesslich liegt es auch im eigenen Interesse des Machthabers, dass er lieber freiwillig kleine Opfer bringt und an der Herrschaft bleibt, als dass er gezwungen gibt und seinen Platz überdies anderen einräumen muss. Und gegen die Massen handeln wir auf dem beschritten«^ Wege doppelt recht: Ihre materielle Lage wird gebessert, und indem sie uns folgen, lernen sie den Wert einer Idee kennen und schätzen, ihr ethisches Niveau wird gehoben. Die Erziehung erfolgt, ohne dass sie es ahnen. Der Wohlthäter, der gibt, um sich einen guten Platz im Hinim< l zu sichern, steht an sich nicht über dem Egoisten auf anderem Gebiete. Aber die Beschäftigung mit dem Guten erzieht ihn dazu, schliesslich das Wohlthun an sich zu lieben, und er gibt nicht mehr aus selbstischen Interessen, sondern aus Liebe. Die Nutzanwendung in unsere in Falle liegt nahe. Die sociale Hilfsthätigkeit der zionistischen Vereine ist zu loben, aber sie muss naturgemä-s Stückwerk bleiben, weil die Mittel fehlen, ihre Thätigkeit beschränkt sich auf einen engen Kreis. Die grosse Gemeindeorganisation allein kann Abhilfe schaffen. Darum muss und wird die Eroberung der Gemeindehäuser eine unserer vornehmsten Aufgaben bleiben. Cesare Lombroso über den Zionismus. 'M"!i Der berühmte italienische Criminalist und Anthropologe Cesare L o m b r o s o weilte letzthin in Holland, wo er im Internationalen Anthropologen-Gongress den Vorsitz führte. Unseren Lesern ist es sicherlich bekannt, dass Lombroso zu wiederholtenmalen seine warme Sympathie für die zionistische Bewegung ausgesprochen und unter anderem dem Präsidium des zweiten Zionisten-Gongresses schriftlich sein Bedauern bekundet hat, dass sein Gesundheitszustand ihn hindere, am Congresse theilzunehmen. Wie nun unser französisches Bruderblatt „L'Echo Sioniste" auf Grund einer Meldung des Londoner Telephon-Bureaus Brilin seiner jüngsten Nummer berichtet, hatte der Berichterstatter einer englischen Zeitung in Amsterdam mit Lombroso eine Unterredung über den Zionismus, in der der berühmte Gelehrte sich folgendermaßen aussprach: „Ich bin Zionist, weil ich Jude bin, und ich weiss nicht, wie es möglich ist, als Jude kein Zionist Zu sein. Ich glaube an die Wiederaufrichtung der jüdischen Nation, an die Wiederaufrichtung unserer Volkskraft. Diese kann aber nur auf dem Boden erfolgen, von dem Licht ausgegangen ist über die ganze Welt. Ich schätze die zionistischen Führer, die mir persönlich befreundet sind, nicht bloss als Gentlemens, sondern als würdige und verständnisvolle Vorsteher, die jeden Schritt, den sie unternehmen, sorgfältig erwägen . . . Man muss nur ausharren, in der festen Ueberzeugung, dass die Sache des Zionismus endlich siegen wird. Denn das, was das Volk für sich selbst thut, ist allein dauerhaft und festbegründet." Jüdische Kunst. Es soll hier heute unter diesem Titel weder ein Programm dargelegt, noch eine Entwicklung vorgeführt werden; ich will bloss auf ein kleines Unternehmen hinweisen, das wir für den V. Gongress vorbereiten. An den Congresstagen, in den Räumlichkeiten des Gongresshauses zu Basel, sollen einige erlesene Werke jüdischer Kunst ausgestellt werden. „Ausgestellt" ist vielleicht nicht das richtige Wort. Dieser erste Versuch wird den Namen einer Aussteilung wohl kaum verdienen. Wir wollen einfach die Räume, in denen unsere Nationalversammlung tagen wird, mit jüdischen Schöpfungen schmücken. Wir wollen auf die Blätter schauen und unseren lieben Meistern und ihrer Kunst huldigen, vor allem aber der Wiedergeburt, deren Kinder sie sind wie wir, die den Zionismus geschaffen hat und die jüdische Kunst, That und Dichtung unserer Gegenwart, unser Leben und unser Lied. Im Angesichte dieser Werke werden die Worte unserer Verhandlangen reiner und echter werden: es wird uns nicht möglich sein, Flittertand und abgegriffenes Metall zu bieten, wenn von den Wänden diese wunderbaren Augen auf uns blicken werden. Wir werden von dieser schlichten tiefen Sprache lernen. Unser Bestes, Fruchtbarstes wird dieser stille Zauber der Linien aus uns herauslocken und er wird grosse Wellen der Anregung wecken. Anfänge einer Kunst werden da versammelt sein; und schon da wird sie erzieherisch wirken, auf uns selbst, sie, die hinausgehen soll, um das Volk zu erziehen. Wir werden uns diesmal im Wesentlichen auf ausgesprochen jüdische Motive beschränken. In späteren grösseren Ausstellungen, die eher denn diese als Documente einer werdenden Gultur geilen können