Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Article
- Zur Conferenz der zionistischen Studentenschaft
- Date
- 1901-12-13
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 50 „Die # Welt64 Seite 9 achtens alle übrigen (die ökonomische, wie die culturelle und ethische) bereits enthalten sind, wird sich zwar auch nur jeder einzelne subjectiv für sich lösen, doch können durch ein reges Zusammenwirken zweifellos die Einzelheiten gefördert und dadurch reifere Früchte gezeitigt werden. Doch durch rein theoretische Arbeit darf der Thätigkeitsbezirk des Studierenden nicht abgegrenzt sein. Eine Trennung der Theorie und Praxis würde unausführbar oder schädigend sein. Gerade darin soll eben der Fortschritt gegenüber dem Zionismus der Vorjahre liegen, dass alles was unternommen wird, direct dem unmittelbaren, Leben dienen soll. Diese Arbeit fürs Leben dürfte sich im weitesten Sinne in das Wort „Volkserziehung" zusammenfassen lassen. Wird man sich hierüber klar, sieht man es am deutlichsten, wie unmöglich es ist, bei der Buntheit unserer Volksmassen ein gemeinschaftliches Thäigkeitsprogramm aufzustellen. Eine gegenseitige Unterstützung ist hier hauptsächlich wieder nur auf wissenschaftlichem Gebiete möglich. Das Studium des Volkslebens und der Volksseele, welches die Grundbedingung jeglicher nationalen Ei Ziehung ist, wird sich durch gemeinschaftliche Arbeit intensiver und gründlicher gestalten. Und hier, wo eine einheitliche Anschauung noththut, dürfte sich, glaube ich, am ehesten eine Einigung ergeben, Vor allem ist hierzu jedoch ein äusserer Zusammenschluss notwendig — die Gründung eines allgemeinen jüdischen Studentenverbandes und Schaffung eines Pressorganes desselben. Diese Frage ist die „actuellste" des Congresses. Hoffentlich findet sie eine günstige Lösung und diese eine baldige Verwirklichung. Ueber Mangel an Arbeit können sich, wie wir sehen, die Theilnehmer des Congivs?es nicht beklagen. Ob jedoch etwas Reales zustande kommen wird, das hängt lediglich vom guten Willen der Einzelnen ab. Prag. Ferdinand K o b 1 e r. Die socialen Aufgaben der Gemeinden. Von Dr. Adolf Friedemann. „Die zionistische Partei ist verpflichtet, die Gemeinden zu erobern." So sprach Max Nordau, als er kurz nach dem ersten Baseler Congress, zum erstenmaie in Berlin die Vertreter der verschiedenen nationaljüdischen Gruppen zu einer Besprechung einlud. Damals bestanden kleine, in sich noch nicht gefestigte Gruppen von Zionisten, meist Studenten, und es war nicht abzusehen, wie diese winzige Zahl junger Leute in absehbarer Zeit zu einem politischen Factor wurde werden können. Wenn der eine oder andere seine Anschauungen öffentlich zu äussern wagte, dann wurde er mitleidig oder wohlwollend belächelt, je nachdem der Zuhörer die Vernichtung des Judenthums oder seine Erhaltung wünschte — aber gelächelt wurde stels. Und nun forderte man diese Jünglinge, die ringsherum niemand ernst nahm, zu einer grossen öffentlichen Action auf! Sehr gegen Nordaus Willen giengen wir aus der Besprechung recht gedrückt nachhause. Seit langem hatten wir die eigene Schwäche nicht so überzeugend dargelegt erhallen, seit langem hatte man uns — in der wohlwollendsten Absicht — nicht so deutlich empfinden lassen, dass wir „zu jung seien*. Und so war es allerwärts. Kleine, schwächliche Organisationen, die mühsam in aufreibender Kleinarbeit agitierten, froh waren, wenn allmonatlich ein neues Mitglied beitrat, und stolz auf die Erfolge waren, wenn im Jahre 300 Mk. gesammelt wurden. Seitdem sind vier Jahre ins Land gegangen. Und schon ist der Zionismus stark genug, in den ersten Gemeinden Europas den Waffengang um die Macht zu beginnen, schon pflanzt er in den kleineren Gemeinden Englands und Oesterreichs sein Banner auf den Gemeindehäusern auf, und die Ortsgruppen beginnen, den alten Parteien ihre Programme aufzuzwingen. Wie ist das in so kurzer Zeit möglich gewesen? Wie konnte so schnell der Umschwung kommen? Die Antwort lautet: Der Erfolg kam zu uns, weil wir ehrlich waren. Nie und nirgends haben wir unser Panier in die Tasche gesteckt, um bei dem in früherer Zeit altbeliebten Wahlschach« r einen Silz oder ein paar Stimmen mehr zu gewinnen. Tausenden haben wir zum Bewußtsein gebracht, dass sie im Herzen die äussere Bethätigung des jüdischen Ehr- und Nationalgefühles durch die officiellen Vertretungen wünschten, dass sie aber gleichzeitig keine Ghettojuden, sondern moderne Menschen sein wollen, und dass sie unbewusst die.-es ihr Stieben unter die ganz unzutreffenden Parteibezeichnungen der „liberalen" oder „conservativen" Juden einzureihen suchten. Und endlich haben wir uns allenthalben bemüht, den erbgesessenen Vertretern des Judenthums, nach Shylock — guten, weil reichen Leuten — den Begriff der socialen Verpflichtung klarzumachen. Es gibt noch heute vhde Tausende, denen für unsere letzten Ziele das Verständnis gänzlich abgeht. Was da hinten, fern in der Türkei, einmal sein wird, ob die Enkel dort frei und glücklich srin weiden — das verstehen sie einfach nicht. Die Leute sind nicht zahlreich, die Ob>tbäume pflanzen, damit die Nachkommen Ernle halten. Und was wir da von sittlicher Veredelung und von der Würde des gerechten Streites sprechen, das hat, leider muss es eingestanden werden, auch nur ein kleiner Theil begriffen. Aber wir theilen mit den Sozialisten das Glück, dass wir von den Thorheiten unserer Gegner leben könnten, selbst wrenn wir das jammervollste Programm hätten. Welche selbständige, dem modernen Empfinden angepasste Idee hat seit 30 Jahren die jüdischen Gemeindeverwaltungen beseelt? Ausser consequenten Versuchen zur Einschränkung des Wahlrechtes wird es schwer sein, Thaten zu nennen. Und was begann man, um die Anstalten der Gemeinden den Verhältnissen der Grossstädte anzupassen? Man baute Siecl.enhäuser, in denen der Proletarier verpflegt wurde, wenn er, alt und gebiochen. die Wohlthätigkeit anrief. Hatte er noch Saft und Kraft in sich, dann war ihm nicht zu helfen. Denn das ist ja die Aehnlichkeit zwischen dem g« wohnheitsmäsigt n Wohlthäter und dem schlechten Aizte. dass beide principiell erst eingreifen, wenn das Unglück schon hereingebrochen ist. Dass man Kraft, Zeit und Geld spart, wenn man vorbeugt, das verstanden die wohlmeinenden, aber unklugen Heilkünstler nicht, die am leidenden Volkskörper herumoperierten. Und dann kam der Zionismus. Er verlangte nicht nur Medicin für die Kranken, sondern vor allem auch Licht und Luft für die Gesunden. Er baute für den kleinen Mann Toynbee-Hailen und errichtete für ihn Spar- und Vorschusscassen, Dem kleinen Gewerbetreibenden schuf er die Stellenvermittlung, und den Arbeiter unterstützte er im schweren Kampfe um das tägliche Brot. Gewiss haben wir nie geglaubt so die Judenfrage lösen zu können, aber wir haben uns doch bemüht, bis zur endlichen Lösung des Problems den traurigen Alltag etwas erträglicher zu gestalten. Dafür ist man uns dankbar gewesen. Ueberall, wo wir den oft missbrauchten Begriff „Realpolitik" im alten ehrlichen Sinne anwendeten, da haben wir Erfolge zu verzeichnen gehabt. Wenn wir-wieder und wieder betonen, dass wir die Gemeinden nicht als blosse Religions- und Wohlthätigkeitsamtalten auffassen, sondern als organisierte Theile der grossen Volksgemeinschaft, die neben religiösen Aufgaben auch grosse sociale und volks-