Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 50 (13.12.1901)
- Article
- Der V. Congress
- Date
- 1901-12-13
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 Die s> Welt»- Nr< 50 unseren Augen seinen Werdegang angetreten — alles dies veranlasst uns zu einer eingehenderen Besprechung., als es sonst der Fall gewesen. Dass wir es auch in diesem Jahre an vollster Objektivität nicht fehlen lassen worden — darauf dürfen sich unsere Leser verlassen. Wiederum rüstet sich Basel zum Empfange jener Männer, die als Abgesandte von Hunderttausenden ihrer über die ganze Erde zerstreuten Brüder zu uns kommen, um in ernster Aussprache über das Wohl und Wehe des jüdischen Volkes zu rathen und zu thaten. Man mag auf welchem politischen oder religiösen Standpunkte immer stehen, welcher Glaubensrichtung auch immer angehören, man wird nicht umhin können, den wackeren Männern, die in wenigen Tagen zu uns kommen, um am fünften Zionistencongress theilzunehmen, die vollste Sympathie entgegenzubringen. Von weiter Ferne werden sie wieder erscheinen, hunderte, tausende von Kilometern trennen viele von der Heimat. Und nicht wie zu den ersten Kongressen, nicht in schöner Sommerszeit kommen sie. nicht um neben der Arbeit auch zur Erholung in unseren schönen Bergen und ATpenthälern sich zu ergehen, an den Herrlichkeiten der Natur sich zu ergötzen; nein, die harte Winterszeit ist für den diesjährigen Congress bestimmt worden. Nicht wird die schwüle Temperatur, die drinnen in unserem Casinosaale zur Sommerszeit heirscht, den Arbeiten hinderlich im Wege stehen — obgleich selbst bei glühender Hitze die Arbeit niemals erlahmte — sondern es weiden Tage reichlicher Arbeit den Delegierten bevorstehen, die Zeit wird nicht durch Beden allein hingehen dürfen, sondern es wird intensive Arbeit vollbracht werden müssen, um das seitens der Parteileitung aufgestellte Arbeitsprogramm zu erledigen. Das Pensum ist ein ungemein grosses und vielseitiges. Abgesehen von den Berichten über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und den Stand der zionistischen Bewegung im allgemeinen — als „Clou" wieder die Rede Dr. Max Nordaus — abgesehen hiervon wird die Berathung über ein von der Leitung vorgelegtes neues Organisationsstatut einen breiten Raum der Verhandlungen einnehmen. Von welcher Wichtigkeit dieser Theil der Tagung sein wird, mag daraus hervorgehen, dass der Präses des Wiener Actionscomites und Spiritus rector der Bewegung, Dr. Th. Herzl. am Referententisch erscheinen wird, um die Vorlage zu vertreten. Es wird das für Zionisten wie Nichtzionisten ein wahrer Ohrenschmaus sein. Denn Dr. Herzl ist....... ein Redner. der jedes seiner Worte abwägt und in ebenso kurzen wie prägnanten Sätzen genau, ohne ,,Wenn" und „Aber* das sagt, was er eben sagen will, weil es. um nicht missverstanden zu werden, gesagt werden muss. Da das neue Organisationsstatut in grossen Zügen den verschiedenen L:\ndeseomites bereits bekannt gegeben und innerhalb der verschiedenen Gruppen bereits berathen ist, dürfte sich die Berathung wohl glatt abwickeln. Allerdings darf man sich nicht verhehlen, dass einige radiealzionistisehc Kreise manches darin nicht stramm genug finden weiden. Es wird wieder der ganzen Energie und — Diplomatie des Präsidiums bedürfen, die aufeinanderplatzenden Gegensätze zu versöhnen und die Geist .er der Zwietracht zu bannen. Man wird eben an die bekannte Regel denken müssen,dass allzu scharf leicht schartig macht und allzu stramm auch den stärksten Strick zum Reissen bringt. Und dar mir werden beide Theile der iiussersten Zurückhaltung sich zu befleissigen haben. Der Zionismus hat in den kaum vier Jahren seines Bestehens einen Siegeszug zurückgelegt, der in der Geschichte der politischen Bewegungen seinesgleichen nicht hat. er hat sich nicht nur im jüdischen Volke die Sympathien der grossen Massen erworben, sondern — und das will viel sagen — jene Kreise zu Freunden sich gemacht, die einen Factor auf der grossen Weltbühne bedeuten. Das hat nicht nur die s. z. Palästinareise des deutschen Kaisers bewiesen, sondern mehr noch der Empfang der zionistischen Deputation durch den Sultan zu Anfang des letzten Sommers. Und erst wenige Wochen sind es, da in einem grossen Londoner hoeharistokiatischen, der Oolonialpolitik gewidmeten Vereine unter dem brausenden Beifall der ganzen Versammlung ein als Zionist wie als Dichter gleich berühmter englischer Publicist. Israel Zangwill, in einer zweistündigen Rede über die Zukunft Palästinas als jüdisches Land sich aussprechen durfte. Es wäre der Mühe wert, die Worte des Redners wiederzugeben. Für heute wollen wir unseren den zionistischen Delegierten entgegengebrachten Gruss in die Worte und in den Wunsch ausklingeu lassen, in denen jenes oratorische Meisterstück ausgeklungen : ..Gebet das Land ohne Volk dem Volke ohne Land!" Jüdische Siedlungen. Von Dr. Franz Oppenheimer. Berlin. Wenn mir zionistische Freunde die Frage vorlegen, wie ich ..nach meinen Ideen" eine Provinz einrichten würde, so muss ich antworten, dass ich darauf keine Antwort weiss. Meine Gedanken haben sich stets nur um rein wirtschaftliche Organisationen gedreht, und ich bin Politiker nur insofern, als ich der unerschütterlichen Ueberzeugung bin, dass alle politische Organisation als naturgegebene Folge aus der wirtschaftlichen Grundlage wächst, als der logische Oberbau eines gegebenen Unterbaues, indem sich jener zu diesem verhält. Wie die Consequeirz zur Prämisse. Ich zweifle also nicht im mindesten daran, dass die von mir geplante Form der wirtschaftlichen Organisation im Laufe der Zeit auch eine eigene Art politischer Gliederung erzeugen wird: aber diese Auffassung verbietet mir völlig, mit der politischen Organisation beginnen zu wollen, einen Staat „fabricieren" zu wollen. Der Staat ist ein Organismus, man kann ihn pflanzen und während seines Wachsthums pflegen und schützen: aber man kann ihn nicht machen, man muss ihn „wachsen lassen". Das einzige, was von diesem Standpunkte aus der besonnene Volkswirt vorschlagen darf, ist der Plan einer rein privatwirtschaftlichen Organisation, die zunächst nur eine beschränkte Anzahl von Gesellschaftszellen, das heisst von Familien umfassen darf. Diese Organisation hat in dem Falle, der uns hier be schäftigt, wo es sich um die Expatriierung und sociale Versorgung von hunderttausenden elendster und unglücklichster Menschen handelt, eine ganze Anzahl von schwierigen Bedingungen zu erfüllen: sie muss zunächst, als Grundlage jeder weiteren Entwicklung, die Gewähr p r i v a t w i r t s c h a f 11 i c h e n Gedeihens besitzen: sie muss zweitens damit rechnen, von Menschen betrieben zu weiden, deren körperliche Leistungsfähigkeit, deren psychische Widerstandskraft und schliesslich deren Vorbildung auf einem sehr niedrigen durchschnittlichen Niveau stehen: sie muss drittens die Möglichkeit geben, mit verhältnismässig geringen Anfangscapitalien einen breiten Rahmen zu spannen, der allmählich dicht mit Menschenmassen ausgefüllt werden kann, ohne dass die socialen Febelstände auch nur einer ..relativen Uehervölkerung'* eintreten: und es müssen die für die Ausfüllung dieses Rahmens erforderlichen ganz ungeheuren Capitalien gleichzeitig mit der immer dichteren Besiedelung innerhalb dieses Rahmens geschaffen werden können, oder, was dasselbe ist, es muss hier eine Creditbasis von gesunder Tragkraft gebildet werden, um beträchtliche Theile dieser nöthigen Capitalien zu massigen Bedingungen auf dem allgemeinen Oapitalsmarkt erlangen zu können; und viertens muss nun allerdings die zugrunde liegende privatwirtschaftliche Organisation auch insofern öffentlich-wirtschaftlich sein, dass aus ihr in organischem Wachsthum ein eigenes ..Staatswesen"' entstehen kann, wobei natürlich zunächst die äussere Regierungsform und die Forin der Abhängigkeit von bestehenden politischen Gewalten völlig gleichgiltig ist. Das sind schwierige Bedingungen: sehen wir zu. wie weit es möglich ist, ihnen zu entsprechen. Dass die grundlegende Organisation nur eine landwirtschaftliche sein kann, versteht sich von selbst. Alle menschliche Cultur ist erwachsen aus der Urproduction. Diese Weisheit steht am Anfang aller volkswirtschaftlichen Wissenschaft: ..11 faut dorncultiver le pied de Tarbre et ne pas borner nos soins a gouverner les brauche«: laissons les s'arranger et s'etendre en liberte, mais ne negligeons pas la terre qui fournit les sucs necessaires ä leur vegetations et. a leur aeroissement": das schrieb der erste Schöpfe)" eines wissenschaftlichen Systems der Volkswirtschaft, F. Quesnay der Gründer der Physiokratie'). und die Wissenschaft wäre weiter, wenn sie von diesem einzig tragfähigen Boden niemals abgewichen wäre. Alle ihre Irrthümer bis auf den heutigen Tag lassen sich darauf zurückführen, dass sie seit Adam Smith in die Sackgasse der von mir so genannten ..industriecentiischen" Auffassung gerathen ist, eine Auffassung, die diesen wichtigsten Zusammenhang aller Volkswirtschaft, die dauernde Abhängigkeit aller Industrie von der Urproduction. vergessen hat. Nun, bei der Begründung einer neuen Volkswirtschaft wird niemand industriecentlisch denken können: hier zeigt sich auch dem Voreingenommenen ohne weiteres, dass alle Industrie und aller Laude] nur in dem Masse sich entfalten können," wie die für diese 1) Oeuvres, herausgegeben von August Oncken, Frankfurt a. M. und Paris 1888.. Seite 208.