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Die Welt · 1901-12-13 · 50 (13.12.1901) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
50 (13.12.1901)
Article
Die wirtschaftlichen Fragen des V. Zionisten-Congresses
Date
1901-12-13
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die £ Welt" Nr. 50 das Menschenmaterial, für das wir die Heimstätte bereiten und das wir für dieselbe brauchen, zu einer C ilturarbeit fähig und flott gemacht, es werden in ihm Eigenschaften gezüchtet, die unerlässlich sind für die künftige hohe Bestimmung. Unter diesem Gesichtspunkte, nicht wegen des agitatorischen Wertes, den ich aber nicht unterschätze, empfehle ich die wirtschaftliche Gegenwartsaction. Die Mittel derselben werden freilich, wie Farbstein sagt, Palliativmittel sein — nichts mehr und nichts weniger, aber wenn ihre Anwendung erfolgt in der von mir eben bezeichneten Absicht und mit der Behutsamkeit, welche unsere heikle Auffassung von der exponierten Stellung des Zionismus fordert» werden wir nicht zu fürchten haben, dass noch später die Massen misstrauisch werden. Nicht eine Draufgängerei um jeden Preis werde ich befürworten, sondern ich werde gerade bei den einzelnen vorgeschlagenen Mitteln streng dieGrenzen ihrer Wirkung und Anwendungsfähigkeit abzustecken suchen. Und hier, bei der Besprechung der einzelnen ökonomischen Hülfsmittel, wird mich, was den Skepticismus ihrer Heilkraft gegenüber betrifft, Herr Doctor Farbstein oft an seiner Seite sehen. Insbesondere werden die Bedenken, welche in Bezug auf die Productiv-Genossenschaften und Consumvereine in dem angezogenen Aufsatze vorgetragen sind, von mir in manchen Stücken getheilt. Bezüglich der Consumvereine, welche schon in der Debatte auf dem IV. Congresse von Seiten des Delegierten Wiener eine abfällige Kritik erfahren haben, schliesse ich mich sowohl den von diesem, wie den von dem Gesinnungsgenossen Farbstein gemachten Bemerkungen an. Man wird sie, wenn man sie lediglich als Sparvereine ohne grösseren socialerzieherischen und socialpolitischen Wert betrachtet, für manche Orte gelten lassen können. Bezüglich der Productiv-Genossenschaften haben mich eingehende Studien des über derartige (nichtjüdische) Institutionen vorliegenden Materials skeptisch gestimmt. Von jüdischen Productiv-Genossenschaften liegen kaum Berichte vor, und ich stelle die Bitte an unsere Gesinnungsgenossen, welche Kenntnis von dem Bestehen und den Erfolgen solcher von jüdischer Seite gegründeten Einrichtungen haben oder erlangen können, zur Klärung der Frage mir noch vor dem Congresse oder in der Discussion auf dem Congresse ihre Erfahrungen mitzutheilen. Jedenfalls setzt die Schaffung solcher Productivgenossenschaften die Organisation des Absatzes der Producte voraus. Wir werden uns ernstlich zu prüfen haben, ob wir dieser Organisation gewachsen sind, wenn die Riesenmenge der jüdischen Handwerker in Russland und Galizien in die genossenschaftliche Produetion eintreten werden. Das ablehnende Urtheil Farbsteins über den Vortheil der Greditbanken für Handwerk und Kleingewerbe im allgemeinen sowohl, wie für die specifisch jüdischen Verhältnisse erfährt eine Correctur ebensowohl durch günstige Berichte, die aus Russland über die (nichtjüdischen) kleinen Creditbanken vorliegen, wie durch die Mittheilungen von den Erfolgen der bereits von jüdischer und zionistischer Seite installierten derartigen Creditinstituten. Auch die beruflichen Organisationen, Gewerkschaften, Gehilfenverbände mit ihren zweckmässigen socialen Einrichtungen, wie Kranken-, Invaliditätscassen, Arbeitsnachweis und Arbeitslosenversicherung dürfen heute schon auf Grund piner, wenn auch nicht langen, so doch vielfach und an verschiedenen Orten wiederholten Praxis empfohlen werden. Eine Stärkung oder nur Erhaltung des Zwischenhandels erscheint mir, gleich Färb stein, ausge* schlössen; aber einer plötzlichen^ brutalen Vernichtung desselben gilt es immerhin vorzubeugen. Mit Gredit-Genossenschaften, Berufsorganisationen, lässt sich hier schon noch ivohlthätig operieren. Es ist hier auch an die von dem Bnei Berith-Orden für Galizien geplante Hausindustrie als Ersatz für verloren gehende bedrohte wirschaftliche Positionen zu denken, wenn ich auch bezüglich dieses Punktes als Hygieniker bestimmte Cautelen fordern müsste. Der Schwerpunkt unserer Fürsorge liegt aber in der Beeinflussung der Erziehung und Berufswahl der jüdischen Jugend, über die vielleicht ausführlicher, als es bisher der Fall war, auf dem bevorstehenden Gongresse zu. sprechen sein wird. Man sieht, dass im wesentlichen die auf dem vierten Congresse aufgestellten Programmpunkte auch heuer wieder in den Vorschlägen zur wirtschaftlichen Hebung auftauchen werden. Nur, dass diesesmal der Rückblik auf ein Jahr fruchtbarer Anstrengung auf unserem Gebiete hinzutritt. Enttäuschen werde ich diejenigen müssen, welche von dem einleitenden Referate über wirtschaftliche Hebung eine Berücksichtigung specieller territorialer und localer Verhältnisse und Bedürfnisse erwarten. Abgesehen davon, dass das Referat durch eine umfassende Behandlung dieser Gesichtspunkte eine ungewöhnliche Ausdehnung erleiden müsste, darf es wohl den Vertretern der einzelnen Landsmannschaften zugemuthet werden, die leitenden Ausführungen des Referenten in der Discussion zu ergänzen durch Berichte, die, aus eigener Anschauung geschöpft, lebendiger wirken, als Deductionen, welche einem, wenn auch gründlichen, Literaturstudium entsprungen sind. Ich kann dem hinzufügen, dass, nachdem ich auf dem Congresse auch die organisatorische Seite der Frage zu besprechen und den einzelnen Landesorganisationen einen erheblichen Antheil an der Durchführuug der praktischen Socialarbeit zuzuweisen gedenke, der Congress seine volle Schuldigkeit erfüllt haben wird, wenn er die principiellen Punkte genügend geklärt und festgesetzt hat. Es waren wehmuthsvolle Stunden, in welchen ich das traurige Thatsachenmaterial über die ökonomische Misere unseres zerstreuten Volkes zu durchdringen suchte; ich schloss das Studium ab mit der bangen Frage: Wird es uns gelingen, den decrepiden Volkskörper zu stützen, bis ihn auf dem Boden seiner Väter die Heilung erwartet? Und die Antwort, welche ich mir nach reiflicher Ueberlegung geben müsste, lautete: Versuchen w i r s! Der V. Congress. Tagesordnung: 1. Tag (Donnerstag): A) Vormittags-Sitzung, 10 Uhr. 1. Eröffnung des Congresses durch den Präsidenten des Actions-Comites. 2. Wahl des Legitimations-Ausschusses, des Congressbureaus und der übrigen Ausschüsse. 3. Geschäftsordnung. 4. Rechenschaftsbericht des Actions Comites: a) Allgemeiner Theil. Referent Architekt Oskar . Marmore k. b) Gassabericht. Referent Dr. 0. K o k e s? h. B) Nachmittags-Sitzung, 4 Uhr. 5. Discussion über den Rechenschaftsbericht.

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