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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 33

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Zu den Repräsentantenwahlen in der Berliner jüdischen Gemeinde
Date
1901-12-06
Page
33 (sequence 1)
Language
German
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— 33 — Zu den Repräsentantenwahlen in der Berliner jüdischen Gemeinde.*) Berlin, 26. November 1901. Wenn dieser Bericht in die Hände unserer Freunde gekommen ist, wird bereits eine Entscheidung, über den Aufgang der Wahlen vorliegen. Niemals ist mit grösserer Ungewissheit, niemals mit mehr fieberhaUer Aufregung tin Wahlgang verfolgt worden. Keine Partei glaubt an ihren bieg. D e Liberalen könnten im schlimmsten Falle —• mit ihren Augen gesehen — sich selbst mit einem kleinen Siege, der ihnen ein paar Sitze neu erobert, zufrieden geben. Denn dann ist der Sonntagsgoitesdienst seiner Annahme sicher, wenigstens in der Repräsentanz. Für die Conservativeu freilich wäre ein Unterliegen der sichere Tod. Nicht nur,, dass sie zu einem unsichtbaren Häuflein in der Vertretung zusammenschmelzen werden. Auch ihrer Oiganisatiön, dem „Centralvereinti", wird bei der Gelegenheit das Todtenglöcklein läuten. Sie haben bei dieser Wahl gezeigt, dass sie unäfhig sind, Organe der Volkserhaltung und.Regeneration zu sein. Soll di<i conservative Sache siegen, rnuss der conservative aCentralverein" zerschmettert werden. Dafür wird gesorgt. Der Verband der Synagogenvereine, der bisher die zahlreichsten und arbeitssamsten Hilfstruppen gestellt hat, geht diesmal noch mit dem „Cemralvereine*. Wenigstens officiell. Of'ficiös ist sicher, dass er unsere vier Candidaten übernehmen wird. Der Schöueberger Religionsverein, einer der grössten dieser peripherischen Gemeinden, hat in einer Zuschrift an seine zahlreichen Mitglieder und die vielen hunderte der jüdischen Bewohner Schönebergs dringlichst um die Wahl unserer Candidaten gebeten, insbesondere um die unseres Genossen Dr. S i m o n s o n, eines angesehenen Schöneberger Arz'.es. Wir Zionisten können dem Endergebnisse ohne alle Unruhe entgegensehen. Wenn wir auch keinen Candidaten -durchbringen sollten, wir haben schon heute gesiegt. Nicht nur in dem erziehlichen Sinne, den die Agitation für urs hatte, sondern für den Zionismus. Worum wir seit fünf Jahren gerungen, das haben wir erreich*. Wir haben den Zionismus populär gemacht. Wir haben die breiten Massen auf unsere Bewegung zu gespanntester Aufmerksamkeit gezwungen, Die ges :mmte öffentliche Wahlarbeit stand im Zeichen des Zionismus. Unser Programm hat wie eine Bombe eingeschlagen, und alle Parteien schworen Stein und Bein, dass sie „längst" auf dem Boden unseres Programmes stehen, also gar nicht verstehen, was wir eigentlich wollen Die Debatten in den Versammlungen bewegen sich alle in demselben Rahmen. Im Mittelpunkte steht der Sonntagsgottes<tienst. Für die Umrahmung -— für die socialen Aufgaben — treten wir ein. Und da nun 99% aller Versammlungsbesucher aus Mittelstandbleuten bestehen, haben wir die Leute auf unserer Seite. DieVerwirrung in den conservativen Häuptern ist gross. Nur die Vorstandsmacher halten an der Stange und ein paar Aemterstreber. Aber selbst bei diesen hapert es. Die Liste, die die Conservativen aufgehellt haben, war ein Fehlgriff schlimmster Sorte. So schlimm, dass mir einer der Führer der Conservativen zugestand, er würde auch nur mit Widerwillen für alle Candidaten stimmen. Besonders einige der conservativen Candidaten l aben ein starkes Schuldenconto. Die breite Masse der jüdischen Wähler wird sie eliminieren; aber sie wi:d mit denen scharf ins Gericht gehen, die es gewagt haben, ihren guten Glauben derart zu missbrauchen.. Das ist keine phantasievolle Zukunftshoffnung von mir. Jede Versammlung konnte es hören aus dem Münde der ehrlichen und begeistertsten Anhänger der conservativen Parlei. In der am MiUwocIi den 20. November im Cafe Gaertner abgehaltenen gut besuchten Sitzung der Synagogenvereine kam diese Anschauung zu elementarem Ausdruck. Wir haben diese Entrüstung zu positiver Mitarbeit für unser Programm mühelos und doch gründlich umgemodelt. Genosse Behr, eine Säule des Synagogen Verbandes, Wohlberg, Dr. Friedemann, wussten den Herren unser Programm ^cnmackhaft zu machen Und als zum Schlüsse Dr. Th. Zlocisti das Wort ergriff, um die Conservativen zu zausen, dass die Haare flogen, flehte ihn der — (jetzt ein ruhiger Agitator für uns gewordene) — Vorsitzende an, die Versammlung nicht zu einer rein zionistischen zu machen. Am Donnerstag den 21. folgte unsere Volksversammlung, von etwa 1000 Personen besucht. Wohlberg entwickelte in seiner drastisch-volksthümlichen Art unsere Forderungen, oft von losendem Beifalle unterbrochen. Die Versammlung brachte eine Menge Sensationen. Die Hauptagitatoren des Centraivereines giengen in unser Lager über. Der Vorsitzende des Vereines jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender erklärte officiell, dasa nur wir und'nur wir allein die Vertreter des jüdischen Mittelstandes werden dürfen. Vor allem aber wirkte der Uebergang Klausners zu den Verfechtern unseres zionistischen Programmes. Nachdem er in allen Versammlungen zuvor, gleichwie Ajax unter den Lämmern wüthete, also unter den Liberalen und Conservativen Schrecken, Entsetzen und höllische Verwirrung angerichtet, erklärte er hier offen, dass die einzigen, denen ein ehrlicher Jude seine Stimme geben dürfV, die Zionisten seien. Mächtig war auch die Abfertigung, die Dr. Friede mann dem Centraivereine zukommen liess, indem er als Antwort auf die immer dringlicher werdenden Anfragen, warum wir als die echten Vertreter der Volkserhaltung nicht mit den Uentralvereinlern Hand in Hand arbeilen wollten, die ganze schmachvolle, weil hochmüthige Hinhaltung und Nasführung in allen Einzelheiten zum Besten gab. Die Versammlung war ein grosser Erfolg für uns. Am selben Abend sprach Dr. Th. Zlocisti in einem Lotterie-Vereine, hauptsächlich aus Mützenmachern bestehend. Fünfzig Leute verpflichteten sich durch Handschlag, unsere Candidaten zu wählen. Der Freitag-Abend brachte uns die Sabbathruhe. Nur vor den Synagogen und in den Vestibülen wurde eifrig verhandelt und agitiert. Sonnabend fand, durch unseren Genossen Engländer arrangiert, eine Versammlung ausländischer Juden statt — in der Grenadierstrasse. Im Herzen Klein-Palästinas in Berlin. Nie sah ich eine wildere und stürmisch-begeistertere Menschenmasse als hier. In einem Saale, der 150 Menschen fasste, standen eng aneinandergepresst mit glühenden Wangen 800—400 Menschen, in flammenden Worten, oft von donnerndem Beifalle unter- 1 rochen, sprach Dr. Th. Zlocisti von unserem Zionismus und von unserer grossen Sehnsucht. Besonders bat er, alles Fürchten zu vergessen. Ausländer sind wir ja alle, weil wir alle unserer Heimat Palästina so en-fernt sind. Für die Wahlen wurde fleissig gearbeitet in allen Sprachen, Idiomen, Dialeeten. Und ein treffliches Ergebnis war es auch, dass eine Ausländergruppe der Zionistischen Vereinigung zustande kam, der sich 80 Mitglieder anschlössen. Am Sonntag aber ruhte der Kampf. In den Arsenalen der Parteien s'anden die Kämpfer und wetzten d»e Schwerter; denn am Montag (24.) sollte eine Hauptschlacht gesclilngen werden. Die Wahlstatt war unser Terrain. (Die Liberalen haben von ihren letzten Versammlungen genug und dei Centraiverein versteht vernünftigerweise nicht, warum er die Kosten der — zionistischen Propaganda zahlen soll). Der Besuch war enorm. Der grosse Saal bei D r ä s e 1 war so gefüllt, dass thatsächhch kein Jpfel zur Erde fallen konnte. Einer brachte dem anderen die Kunde, und alle kamen. Nur neues, noch nicht bearbeitetes Menschenmaterial. Alles Wähler. Dr. K atz, unser Candida!, verstand in meisterhafter, präciser und treffender Art unsere Ziele in die rechte Belenchtung zu tetzen, besonders aber, was uns trennte von unseren Freunden. Die Rede schlug ein. Die cnnservativen Wablmänner traten Mann für Mann an und sprachen und flehen um Einigkeit und endeten alle — mit einer Empfehlung unserer Li>te. Wer aber beim erstenrnale widerstrebte, der nahm zum zweitenmale das Wort, um sich zu desavouieren. Als aber Klausner seine spitzigen Pfeile losliess, da dröhnte durch die Halle tausendstimmiger tosender Widerstreit; ein gigantischer Ausbruch unseres Rassenfanatismus, wie ich ihn nie erlebt. Es wrar ein Leidensstündlein für den Vorsitzenden — aber ein kostbarer Genuss für künstlerische Seelen: der donnernde Kampf entfesselter Volksinst ncte . . . Und Dr. F r i e d e in a n n sprach. Und Dr. L o e w e sprach. Und Th. Zlocisti riss den Conservativen ihre Kappe vom Gesichte und demonstrierte einige „conservative" Typen in lieblichster Nacktheit: Herrn Geh. Rath Senator, der einen religiöVen \ ortrag für den Sonntag „zur Vermittlung" concediert hatte; Herrn W einher^, den Vorsitzenden des Centraiverein e s, der meinen jungen Leuten mit Kündigung droht, wenn sie am Sabbath in die Synagoge gehen wollen, und Herrn Boden stein, der für das Dr. C o h n'sche Legat stimmt, das jüdischen Handwerkern nur unter der Bedingung Subsidien verspricht, wenn sie sich verpflichten, am Sabbath zu arbehen! Das srss! Als die Versammlung auseinandergieng, da hatten wir hunderte für uns gewonnen. Denn die Reden von der Tribüne wurden durch die wackere Propaganda im Saale erst ordentlich a<sgebeutet. Am gleichen Abend sprach Lina Tauber im N-tionaljüdischen Frauenvereine über die Wahlen. Mit trefflichem Erfolge. Heute Dienstag hält Dr. Friedemann einen instruierenden Vortrag über unser Programm im Verein selbständiger jüdischer Handwerker und Gewerbetreibender. Und morgen kommt der Letzte Kampftag — unsere dritte Volksversammlung in der Berliner Ressource, wo Dr. Zlocisti spricht. Am Donnerstag aber, dem Wahltage, werden wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen. *) Das Wahlergebnis wird, wie uns mitgetheüt wird, erst Aber nur'am Donnerstag!... Eli S am gar. gegen Mitte, December bekannt werden. D. Red. -

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