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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 30

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Vision
Date
1901-12-06
Page
30 (sequence 1)
Language
German
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— 30 — Vision. So sah ich sie, die Alten. Auf endlos wüstem Tod.tenfelde fahles Dunkel-- Entschwebend draus viel tausend Geister wallten, Auf ihrem Haupt der Marterkron' Gefunkel. Aus tausend Wunden leise rieselnd Blut, Von heisser Glut versengte, schmerzzeriss'ne Glieder, Im dunklen Auge lichter Todesmuth — Und leise klangen Lobespsalmen wieder, Gleich mildem Windeshauch verwehender Gesang . . . Da bricht ringsum hervor ein teuflisch Höhnen, Die ganze Marterreihe heult der Hohn entlang, Der Schimpf und Fluch — von ihren eignen Söhnen. Und dann — dann fuhr ein Feuer her auf Sturmes Schwingen, Verzehrt der Flucher ekle Spukgestalten-- Dann ferne, ferne süsser Kinderstimmen Klingen — Die Jüngsten ziehen heimwärts zu den Alten. Ernst Erdmann; Der Messias und der Esel. Von Bernhard Fuchs. Ich will euch eine Geschichte erzählen, eine wahre 'Geschichte, wie ich hinzufügen muss, weil ja doch heutzutage die meisten gescheiten Menschen schon wissen, dass.die Geschichten dieser Herren Schriftsteller erfunden sind. Diese Schriftsteller haben das Publicum misstrauisch gemacht. Sic denken sich einen Mann — und sie denken sich ein Mädchen und sie denken sich, dass die zwei heiraten: Ist das nicht ein Unfug?'Was ich euch aber erzähle, das habe ich nicht aus dem kleinen Finger gesogen, das ist die leibhaftige Wahrheit; und wer daran nicht glauben mag, mit dem habe ich mir vorgenommen, allen Verkehr abzubrechen. Also die Dinge, die ich euch erzählen will, ereigneten sich in einer grossen Stadt, die ich nicht nenne. Ich habe meine Gründe für dieses Schweigen. Wäre ich zum Beispiel in Berlin oder Paris oder London, so würde ich den Namen dieser Stadt ohne Zögern preisgeben. Hier in Wien mag ich's nicht. Ebenso zurückhaltend muss ich in Bezug auf die Zeit sein, in der sieh die folgenden Ereignisse abgespielt baten. Aber wenn ich zum Beispiel hundert Jahre weiter in meinem Leben hielte, so würde ich mich weniger genieren und ganz ruhig sagen : Vor hundert Jahren und so weiter. In dieser grossen Stadt also, die ich nicht nenne, und zu der Zeit, die ich nicht angebe, lebte ein grosser Gelehrter, ein Talmudist von reinstem Wasser, und sein Name war Eeb Jissroel Isserlheime r. Schon sein Vater und sein Grossvater waren gelehrte Männer gewesen, in Gottes Lehre viel heimischer als auf den Pfaden dieser Welt, und sein Vater hatte sogar einige Jahre hindurch den Rabbinatsstuhl in einer altmährischen Gemeinde geziert, bis er sich rechtzeitig an den Satz unserer Weisen erinnerte, dass die Lehre keine Hacke sei,, mit der man graben dürfe. Er stieg von seinem hohen Platze wieder in das gewöhnliche Leben hinab und half seiner Frau in dem Pellgeschäfte, das sie ihm in die Ehe mitgebracht hatte. Und diese Art, das Leben zu treiben, wurde von da ab vorbildlich für das Geschlecht derer von Isserlheimer. Auch d e r Isserlheimer, von dem ich erzähle, War Fellhändler und Tälmudist zugleich. Seine Frau Ghawe war im Geschäft sehr tüchtig und in allen Unternehmungen so energisch und umsichtig, dass Reb Jissroel Isserlheimer den grössten Theil des Tages dem Studium der heiligen Lehre widmen durfte. Er verwendete auch die Nächte zu demselben Zwecke/und in der ganzen Nachbarschaft war es bekannt, dass Eeb Jissroel nur einmal in der Woche, nämlich in der Freitag-Nacht, fsich, seiner Kleider entledigte und wie ein gewöhnlicher Mensch zu Bette begab. Die übrigen sechs Tage aber stand Reb Jissroel gleich nach dem! Nachtessen auf und setzte sich mit einer frischgestopften und angezündeten Pfeife zu seinen Büchern. Seine Frau, die in der Kammer nebenan ihr Bett hatte, war es schon so ge- . wohnt, von dem Singsang ihres gelehrten Mannes in den Schlaf gelullt zu werden, dass sie sicher schlaflose Nächte verbracht hätte, wenn es Reb Jissroel eingefallen wäre, in der vernichten Weise der westeuropäischen Rabbiner zu lernen, ohne, zu singen. Reb Jissroel ward aber von Jahr zu Jahr gelehrter und S c h a s s und P o s s k i m ^(dazu noch hundert andere sehwerf assliche Bücher) lagen wohlgeordnet in seinem wlinderbaren Hirn. Sein Ruf war weit verbreitet, und viele ungarische,und mährische Gemeinden, in denen die Farbe eines Wescliet2) noch nicht zu einer gleichgiltigen Sache geworden, wandten sich mit demüthigen Anfragen an Reb Jissroel Isserlheimer» den sie die Leuchte des Exils,, die Lampe der Welt oder ein ewiges, Gebirge nannten. In der Stadt selber, in der diese Geschichte spielt, war Reb Jissroel Isserlheimer (natürlich in seinen Kreisen) eine anerkannte Grosse. Dass die Reformer weniger von ihm hielten, wird einstens im Gan Eden3)ihre ohnehin geringen Aussichten nicht gerade verbessern. Auf diese Weise lebte Reb Jissroel Isserlheimer viele Jähre, bis'er alt und grau geworden War und seine Bekannten schon an den Tag dachten, an dem man Reb Jissroels Leiche nach Pressburg 'überführen würde. Auf diese Weise haben schon viele Juden gelebt, so sind sie gestorben und so begraben worden'. Reb Jissroel aber war einer von den wenigen Glücklichen, die einmal in ihrem Leben Gelegenheit bekommen, sich auszuzeichnen und - für alle Zeit berühmt zu werden. Uni wie das gekommen ist, soll nun erzählt werden. Eines Abends näherten sich zwei Männer der Grenze der Stadt gerade 'ton jener Seite, wo Reb Jissroel sein Haus hatte. Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass Reb Jissroel weit draussen an der Grenze der Stadt wohnte, und zwar mit Rücksicht auf die Felle, die zu hunderten in seinen Magazinen aufgestapelt waren, und deren Geruch unlieblich in die Nasen seiner Nachbarn stieg:- Reb Jissroel Isserlheimer pflegte,.deshalb oft mit feiner Ironie zu seinem Weibe zu sagen: Siehst du, Chawe, wir leben doppelt im Golus! — Jene beiden Männer aber, die-müde und staubbedeckt auf der Landstrasse hinschlichen, verriethen schon durch ihr Aeusseres, dass sie Fremde waren. Der ältere von beiden war ein hagerer Mann mit einem strengen Gesicht, aus dem zwei grosse schwarze Augen-befehlshaberisch in die Welt schauten. Der Mann gieng straff und aufrecht wie ein Officier, und man erkannte gleich, dass er, aus sehr gutem Hause, gewohnt war, zu commandieren. Er hatte etwas sehr vornehmes an sich, ein altgediegenes Wesen, wie man es bei den Juden unserer vom Hasse verbitterten Zeiten gar nicht mehr zu sehen bekommt! Der andere, offenbar der Diener, wär nicht so prächtig gekleidet wie sein Herr, der eine violette Schubeze trug, ein Purpur-Stramel auf dem Haupte und eine Goldschnur um die Mitte seines Leibes. Als die beiden zu der Strasse kamen/die sich von der Stadtgrenze unübersehbar einwärts zieht, bemerkten sie

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