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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Die Kinder des Adlers
Date
1901-12-06
Page
26 (sequence 2)
Language
German
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— 2ß — als der Kampf am heftigsten war, da geschah es, wie durch Zufall schien es, dass ein Adler sich seiner Flügel erinnerte. Er versuchte zu fliegen, und es gieng, und er erzählte es den übrigen. Und die thaten ein Gleiches, und es widerfuhr ihnen ein Gleiches. Und es wurden derer, die flogen, immer mehr, und nun, da sie flogen, kehrte die alte, lebendige Sehnsucht wieder nach dem blauen Aether des Himmels und den Horsten in den höchsten Felsengipfeln. Und die Kinder der Adler werden noch dahin kommen, mein Kind. Denn mit Flügeln kann man es noch sehr weit bringen." Ghettolied. Das Mädchen singt: Da draussen vor unseren Mauern Liegt die ganze grosse Welt; An da draussen muss ich immer denken, Wenn die Sonne durch die Gasse fällt. Hab' einst ein Lied vernommen, Nimmer weiss ich, wer es sang; Nun trag' ich in meiner Seele tief Seinen leisen zitternden Klang. Meine Träume sind schneeweisse Vögel. Sie spannen die Schwingen schwer Und treiben hinweg mit den Wolken, kaum Erreicht mein Blick sie mehr. Meine Träume sind fein-feine Fäden Sie flattern — ach wohin? — im Wind; Was brennen mich meine Augen! Was schlägt mein Herz geschwind! Ignatz Kohn. Vom ewigen Kohn. Von Ad. Ägai (Porzö), Budapest Die Sami|>4erleid enschaft ist eine ^lfäitige^fi^oi^ Selbstverständlich ist sie verschieden, je nach Öbjeät&li und Vermögen. Dem einen erlauben es seine Mittel, sic$ auf gute Gemälde zu verlegen, der andere muss sich's an Briefmarken genügen lassen. Mein seliger Vetter sammelte Spazierstöcke und Concert-Programme. Vom krummgriffigen Schäferstecken, vom knorrigen Knüppel aufwärts bis zum kurzen, dicken Stocke, wie ihn unsere goldene Jugend zu tragen pflegt, waren alle Gattungen und Arten in der Collection vertreten, die er im Ofenwinkel seiner Stube aufgespeichert hatte; und sein Prachtalbum enthielt alle Programmzettel von Frau Mink bis auf Madame Wilt, von Paganini bis Sarasate, von Biccialdi bis auf die Gebrüder Doppler, die ganze Serie der Gesangs¬ und Violin- und Flöten-Virtuosen hindurch. Die Mucken eines anderen meiner Freunde sind Mücken und Käfer und Insecten aller Art; und ein dritter meiner Bekanntschaft sammelt mit heissem Eifer — Druckfehler. Nun und ich — ich habe auch meine Leidenschaft Ich sammle „Kohns" . . . Meine vergleichenden Namensstudien haben mich darauf gebracht, dass im Wege wundersamer Flexionen, Häutungen, Abbreviationen, Mauserungen und Elisionen wahre Wunder geschehen. Er schreibt sich Paul d'Abrest, wir lesen Kohn; er zeichnet v. Blowicz, wir sprechen Kohn. Gleichwie auf dem Orgelpunkte, so erblühten auch auf dem Namen Kohn die weitestschweifenden Variationen in französischer, ungarischer, deutscher, ja selbst in Negermundart. Ich gedenke, dies, im weiteren Verlaufe dieser meiner Ausführungen des Näheren nachzuweisen. Die Franzosen Conneau, der Leibarzt Napoleons III., und Caen, der bekannte Pariser Banqieur sind rechtschaffene Kohns. Die deutschen Kann, Kahn, Kohnheim, Kohnberg, Kohnfeld, Kühn, Konrad, Kohen, Kahen — sie sind alle gleich Kohn. Die englischen Conney, Comingsby und Kenedy Kohn. Die czechischen Konak, Konopek, Konopatek, Konopatitschek; die welschen Conti, Conetti, Conazzi, Conizetti, Conelli, Conallini, Canatulli, Canucci — tutti quanti sind sie Kohns. Die spanischen Conellano, Conair, Concha: sammt und sonders sind sie Kohns. Und die ungarischen Kunos, Kunossy, Kohänyi, Kohäri, Källai sind nicht minder durchwegs Kohn. Im heraldischen Theile des von den Schriflgelehrten des „Borsszem Jankött edierten ausgezeichneten Werkes finde ich Wappen und Stammbaum derer von Kohut de He'bervär und Chädervär. Und ist es nicht ein sonderbares Spiel des Zufalls, dass der einzige Kohn echt magyarischen Ursprunges, Grat Geza Kün, ein gründlicher Kenner und Pfleger der hebräischen Sprache ist? Einer der urwüchsigsten und kernigsten deutschösterreichischen Schriftsteller, Ferdinand Kürnberger, hat sich an „Kohn" den Tod geholt. Eines Herbstnachmittags nämlich sass dieser nur zu wenig gewürdigte, herrliche Mann in der Rosner'schen Buchhandlung und blätterte in den Prachtwerken für den Weihnachtstisch, die mit den neuesten Leipziger Ballen soeben angelangt waren. Da trat ein Artillerie-Officier mit einer stark in östlichem Stil aufgebauten Nase in den Laden und wählte einige in sein Fach schlagende Werke. In der affablen Manier dieser Herren lässt sich der Officier mit dem Schriftsteller in ein Gespräch ein und der letztere gewinnt alsbald die Ueberzpugung, dass er es mit einem Manne von umfassender Bildung zu thun hat, dessen Kenntnisse weit über die enggezogenen Grenzen des militärischen Fachwissens hinausreichen; er ergieng sich in geistvollen Bemerkungen über die philosophische Richtung Dubois' und Hartmanns, über die Doctrinen Feuerbachs, ja über die gesammte Kosmogonie vom Wirrsal des Chaos an bis auf die neuesten Thoreme. Nachdem er sich entfernt hatte, fragte Kürnberger den Buchhändler mit lebhaftem Interesse: „Wer ist dieser Herr?" „Das ist Hauptmann Holden", erwiderte Rosner. „Holden? Hm! Hat der Mann immer so geheissen?tf „Fällt ihm nicht ein! Früher hat er Kohn geheissen." „Kohnl" murmelte Kürnberger betreten vor sich hin und blätterte weiter in den Büchern. Ueber eine Weile kommt ein bildhübsches junges Mädchen zur Ladenthür hereingeflattert und reclamiert die jüngste Nummer des „Bazar\ Während der Gehilfe im rückwärtigen Laden das Gewünschte herauskramt, bemüht sich Rosner — selber ein hübscher und aufgeweckter Mann — seine reizende Kundin galant zu unterhalten. Kürnberger betrachtet vom dunklen Winkel aus unter seinen buschigen Augenbrauen hervor die schlanke Gestalt und horcht mit Interesse auf das Gespräch. Die; glockenhelle Stimme der |Ungen Dame muthet ihn an, und er hatte seine Freude an ihrer Art, die ein anziehendes Gemisch von weiblicher Zurückhaltung und mädchenhafter Heiterkeit war. Als das schöne Fräulein mit seinem „Bazar" sich empfohlen hatte, da fragte Kürnberger mit noch regerem Interesse, wer denn das herzige Kind sei? „Das war Fräuiein Hardenberg . . . ehemals Fräulein Kohn", erwiderte ernsthaft der Buchhändler. „Sie bildet sich zur Sängerin aus, ein begnadetes Frauenzimmer, wie ich Ihnen versichern kann. Als Fräulein Kohn war sie um ihre Carriere besorgt, daher hat sie sich den breit und vornehm ausklingenden Namen beigelegt." Kürnberger war sichtlich betroffen. Es kamen noch mehrere Kunden, aber er wagte nach keinem Namen mehr zu fragen. Die höhnische Laune des Zufalls fügte es, dass sich unter den Kommenden und Gehenden noch drei Könne befanden. Den Schriftsteller überkam eine eigenthümliche Unruhe. Rosner bemerkte zu ihm: „Sonderbar! Wissen Sie denn nicht, Herr Doctor, dass ich selber früher auch Kohn geheissen habe? Und wissen Sie nicht, dass eigentlich jeder Mensch ehedem Kohn geheissen hat, dass Ihr Urahnherr jedenfalls auch ein Kohn gewesen ist?" Der ohnehin düster veranlagte Kürnberger war von dieser Eröffnung tief erschüttert. Er verfiel fortan in Melancholie und starb nachmals mit der fixen Idee, er heisse Kohn. Es gibt sogar einen portugiesischen Kohn; und zwar ist dies einer der hervorragendsten Männer der Landesgeschichte : Dom Diago Caon, auf gut deutsch: Herr Jakob Kohn. Jan van Zuylen erzählt in seinen gelehrten Schriften, Diago Caon sei um die Mitte des 15. Jahrhunderts mit einem wissenschaftlichen Werke in die Oeffentliehkeit getreten, weiches den Titel führte: „Maneira de navigar par altura do sol" — die Kunst, die Erde zu umschiffen. Er erwirkte die Erlaubnis seines Königs, das Wort zur That zu machen und stach in Gesellschaft Behaims, eines der befähigtesten Schüler des gelehrtön Nürnbergers Regiomontanus, auf einem königlich portugiesischen Schiffe in die See, um pur altura do sol zu navigieren. Sie fuhren Tage und Wochen lang über das grosse Weltmeer fröhlich

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