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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Der Ackersmann
Date
1901-12-06
Page
25 (sequence 2)
Language
German
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— 25 — Ein Volk ohn Ernst und ohne Kraft, Voll krauser Lust und bunter Launen, Doch mussl' ich den verborgnen Glanz, Der künftigen Blüten Reiz bestaunen, So formenreich, so farbensatt Sah ich im Geiste jedes Blatt. Und meine Seele sprnch zu mir: „0 lehre Deine Demuth schauen, Und ein gekröntes Blumenrekh Wird ihrem Aug' in Dir erblauen. Du wilde Blume, heiss und still, Die von der Welt nichts weiss und will! Der Bruder Armut, Durst und Leid Kannst Du mit Flamm' und Blut nicht stillen, Doch lebt in tiefstem Herzen Dir Ein leuchtend starker Schönheitswillen. So lass' ihn, schwer von Prachtgeschenken, Mit Duft und Glanz die Menschen tränken. Und giesse Deiner Farben Saft Aus über Träume, Schmerz und Irren, Der dunklen Dränge Räthselspiel Mit Lichtesruhe zu entwirren, Und all Dein Blüh'n sei eine Macht. Der Welt aus vollem Glück gebracht! — Der Abend deckte schon das Land. Der Ackersmann war heimgegangen. Ich lag auf schwarzem Feldesrand Und alle meine Sinne sangen. Der Stimmen lauter Jubelchor Slieg zu den Sternen stolz empor. Wien. Martin Buber. Die Kinder des Adlers. Ein Märchen von Josef S t u t z i n. (Nachdruck verboten.) . Um die Abenddämmerung herum beginnt das Reich der Geister. Es sind die Geister des Tages und die Geister der Nacht, die miteinander den alten, ewigen Kampf kämpfen. Ihr sehet ihn nicht; aber Itir sehet tausende Riesenschatten, die sich jagen, greifen, packen. Ihr höret, wie von ferne her, ein ängstlich abgedämpftes Flüstern, ein geheimnisvolles Surren und Weben: Es ist das Stöhnen der Unterliegenden und der Siegessang des Siegenden. Aber der Kampf wird erneuert. Schattenarme recken sich, Schattenleiber erfüllen die Luft, Schattenbogen und -Pfeile schwirren und zischeln, bis die eine Partei vernichtet ist. Der Tag ist todt, und stilles Schweigen webt um sein Grab. Auf dem Hause des Landmannes lagert die weisse Schneedecke. Auch der Fiuss daneben fliesst nicht mehi; er ist eingefroren. Er schuf eine weite, weisse, endlose Fläche und Millionen von glitzernden Schneekryställchen. Der Tag neigt sich, der Abend dämmert. Schatten von riesigen Tannen fallen ins Zimmer. Ihre starren, von einem leisen Windhauch geschüttelten Zweige bilden die seltsamsten Gestalten an den Wänden und auf der weissen Ofenfläche; sie tanzen und wiegen sich und scheinen den Menschen nachzuäffen. Das Zimmer ist „mollig", wie gebadet in milder Wärme. Käthe, die kleine fünfjährige Käthe, liegt auf dem Sopha, will schlafen, aber schläft nicht. Sie ist unruhig, wirft das Köpfchen hin und her und scheint, wie ein Kaninchen, e.was zu „schnuppern". Sie sieht die Dämmerung, den seltsamen Schattentanz, den sterbenden Tag — und wird äng&tlich, beklommen. „Papa, erzähl' mir ein Märchen, — bitte, bitte —" Kinder sind immer glücklich: sie finden so leicht das Zauberwort, das sie erlöst. Der Vater hatte durchs Fenster gesehen und sah die Spitzen des weissen Tannenwaldes in ein rothgoldenes Strahlenmeer tauchen. Er sah aber auch die Kälte dieses schönen, scheidenden Sonnenlichtes, sah die eisige Hand, die sich über alles Leben zu legen begann, sah den Tod —. „Was willst Du für ein Märchen, mein Kind?" „Ein schönes Märchen, Papehen ... Es kann recht traurig sein, aber schön muss es sein." „Es war einmal ein Adler, der flog hoch in den Lüften, so hoch, dass er mit seinen Flügeln fast an den reinen blauen Himmel schlug. Und neben ihm flog Peine Frau, die Frau Adlerin ... Unter sich sahen sie die Wolken, die Berge und alles Gethier der Welt, und wenn ein Laut aus diesem Erdreich sich hinauf verlor, dann lächelten sie ein Lächeln stiller Verachtung. Sie dachten sich wohl: Was mögen das nur für armselige Wesen sein, die da tief unten, auf und in der Erde, ihr Leben fristen . . . Aber eines Tages, als gerade dieses stolz* Vogel paar mit mächtigen Schlägen den Aether durchschwamm, gieng ein römischer Schütze vorbei und schoss zwei Pfeile auf sie ab. Beide trafen. Die Adler fielen herunter, ' vom-reinen blauen Aether in einen schmutzigen, tiefen Sumpf... Sie waren nicht todt, aber Krüppel waren sie geworden . . . Weis st Du, Käthe, was alles in einem Sumpf lebt? Frösche, Krebse, Kröten und allerlei Ungeziefer. Und sie alle waren nicht erbaut ob der plötzlichen Ankunft der Gäste. Sie mochten wohl ahnen, dass die schöne, beschauliche Ruhe ihres heimatlichen Sumpfes gestört werden würde. Zuerst begegneten sie den grossen, fremden Thieren mit Scheu und Ehrerbietung, dann wurden sie vertraulich und schliesslich frech. Es dauerte auch nicht lange, und die Frösche fiengen an zu quacken, die Krebse zu stechen und die Kröten zu beissen. Und die Adler, mein Kind, was meinst Du, «lass die thaten? Sie dachten nur ans Fliegen, nur ans Fliegen dachten sie. Sie sehnten sich nach dem blauen klaren Himmelsäiher, nach ihrem Horstein den höchsten Felsengipfeln und wollten fliegen, fliegen . . . Ihre Flügel waren lahm, aber ihre Sehnsucht war gross, und sie versuchten zu fliegen . . . Sie stemmten sich in die Höhe, thaten einen Sprung und — fielen noch tiefer in den Sumpf zurück .. . Aber je grösser ihr Unglück, desto verzehrender wurde ihre Sehnsucht. Sie peinigte sie bei Tage, sie marterte sie im qualvollen Traume. Und mit jedem Morgen überkam sie neue Kraft, die Kraft der Verzweifelten und Fiebernden, und sie wiederholten die alten, vergeblichen, unheilvollen Flugversuche . . . Sie wurden das Gespötte ihrer Umgebung — es lachten die Krebse, die Kröten und Frösche — und sie sanken immer tiefer. Es schien, als ob sie im Sumpfe versinken müssten. Aber sie versanken nicht. Die Feuerkraft der Sehnsucht hat sie aufrechterhalten im Sumpfe. Und eines Tages starben die Adler. Sie hinterliessen Junge. Aber die Jungen waren im Sumpf geboren. Vom blauen Hiramelsäther und von Horsten in den höchsten. Felsengipfeln hatten sie wohl gehört, aber gesehen hatten sie sie nie, und wenn sie sich auch nach ihnen sehnten, es war nicht mehr die alte, lebendige Sehnsuchtskraft der alten Adler. Die Jungen fiengen an, sich in dem Sumpfe behaglich zu fühlen, sie fiengen an, sich an die Krebse, die Kröten und die Frösche zu gewöhnen. Die Jungen hatten junge, frische, gesunde Flügel, aber sie wagten nicht mehr zu fliegen. Es tönte ihnen noch in den Ohren das Gespötte, das die Alten bei ihren Flugversuchen geerntet hatten, und es graute ihnen vor dem Falle, den die Alten erlitten. Und die Jungen starben und liessen andere an ihrer Stelle zurück und diese wieder andere und wieder andere. Jahrhunderte vergiengen, und die Adler blieben im Sumpfe. Adler, sage ich. Glaubst Du, mein Kind, dass es noch Adler waren? Sie wollten es ja gar nicht mehr sein. Frösche wollten sie sein, Krebse, Kröten. Nichts anderes wollten sie sein als Krebse, Kröten, Frösche. Freudigen Herzens hätten sie ihre Flügel hingegeben, wenn sie dafür nur in die Haut eines Frosches hätten schlüpfen können! Siehst Du, mein Kind, ist's nicht traurig? Die Alten wollten fliegen und konnten nicht. Die Jungen konnten, aber wollten nicht. Aber nein, mein Kind, es ist doch nicht traurig. Denn Adler können doch nicht zu Fröschen werden. Und wenn es auch die Kinder der Adler nicht merkten, die Frösche waren klüger als sie und merkten es. Und je mehr die Adlerkinder ihnen nachahmten, ihnen zu gleichen anfiengen, desto mehr erinnerten sich die Frösche, dass es eigentlich Fremde wären, Fremde, gefallene Adler ... Der Kampf entbrannte. Frösche, Krebse, Kröten stürzten sich über die Adler, stachen sie, bissen sie, zerrten und zausten sie. Und wie glaubst Du, mein Kind, dass die Adler sich wehrten?- Sie schrien: Wir sind auch Frösche, wir sind auch Kröten, .wir sind Krebse ... Aber was nützte, dass sie es schrien? Das reizte noch mehr, und der Kampf wurde noch heftiger, und die Qualen der Adler noch grösser. Und das war gut so. Denn

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