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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Wer spricht Jargon?
Date
1901-12-06
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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— II — hat. In den kleineren Kreisen mit engerem F n m i 1 i e n z u s a m m enschluss gehen ältere Sprachi'ormen und alte Wörter von den Eltern auf die Kinder über, unisomehr als der betreffende Volkssplitter literarisch gebildet ist, d. Ii., als die meisten seiner Glieder lesen können, während sonst die Sprache der Kinder die regelmässige Quelle von diabetischen Neubildungen ist. Darum haben nicht nur die persischen und bucharischen Juden, sondern auch die Parsen in ihren Dialecten viel altes Sprachgut aus der Sassanidenzeit erhalten, das bei den übrigen Iraniern verloren gegangen ist. Aus dem gleichen Grunde findet man die heute älteste Form der arabischen Sprache bei den Beduinen, die in patriarchalischer Weise leben und bei* denen ein regelmässiger Austausch zwischen den Vätern und den Söhnen in Wort und Lied stattfindet. In ganz derselben Weise muss man alttürkisches Sprachgut in erster Linie nicht bei den Osmanen, sondern bei den krimischen Tartaren und in Adlerbeidschan suchen. Bei den Juden aber hat sich die Abschliessung von dem Volksganzen, dessen Sprache sie eben erst kurz zuvor angenommen hatten, regelmässig wiederholt. So sehen wir die Juden länger als irgendwelche Aramäer die aramäische Sprache bewahren. Aus der byzantinischen Zeit haben sich die Juden in Macedonien ebenso wie ihre karäischen Brüder in Constantinopel und Jerusalem eine ältere Form des Neugriechischen in ihrer Weise fortgebildet. Die Juden, deren Väter einst aus Spaniens Fluren verbannt wurden, haben noch heute iiri türkischen und arabischen Orient, der sie schützend aufnahm, nicht aufgehört, die Sprache ihrer Feinde und Dränger zu pflegen und zu redenf die sie zwar mit hebräischen Wörtern gemischt haben, aber doch in einer älteren Form bewahrten, als die Einwohner der pyrenäischen Halbinsel. Die Millionen, deutscher Juden, die im späteren Mittelalter aus Deutschland nach Polen flüchten mussten, haben in ihrer neuen Heimat treu die Sprache des Landes bewahrt, das sie ausschloss. Wer altes deutsches Sprachgut wohlconserviert finden will, muss den Dialect der im eigentlichen Sinne „deutschen" Juden Polens und Russlands kennen lernen, in dem mehr alte Wörter erhalten sind, als in irgend einer sonstigen deutsehen Mundart. Gerade das harte ,.ch", das den Deutschen in dem Munde der polnischen Juden so unangenehm das Ohr berührt, hat dieser wie der Alemanne aus der alten Aussprache des Deutschen herübergerettet. Gar manches poetische Wort, das uns in der deutschen Poesie archaisch schön anmuthet, will uns aber in gleicher Bedeutung und in gleicher Anwendung im täglichen Gebrauche der „Jargonjuden" gar nicht gefallen. E. M. Lilien : Golus. Was ist denn aber der Grund, weshalb uns andere Dialecte der deutschen Sprache nicht als Entstellungen anmuthen. während wir uns dem Jüdisch-Deutschen gegenüber bequemen, die Beschimpfung auch unsererseits gläubig nachzusprechen, die in der Bezeichnung „Jargon" liegt? Denn was ist ein „Jargon" anders als die im Munde eines Ausländers entstellte Sprache eines Volkes. Ein Jargon ist das Deutsche im Munde von Russen oder Engländern, die nach kurzem Aufenthaltein Berlin oder Hamburg zu kauderwelschen anfangen. Ein Jargon ist das Arabische, das die Europäer im Heiligen Lande leider sprechen. Ein Jargon ist es, was man im Munde der Neger oder Indianer in den Schmökern liest, mit denen man erlaubt, den Geschmack und die Anschauungen unserer Jugend zu verderben. Aber die Sprache, die sich im Munde der Juden des Ostens fortgepflanzt hat von Vater auf Sohn und die sich naturgemäss entwickelt und fortgebildet hat, sei es nun ihr Spanisch, Griechisch,Iranisch (Persisch und Kaukasisch) oder Deutsch, einen Jargon zu nennen, geht so wenig an, als die Sprache der Siebenbürger Sachsen oder die eines Fritz Reuter und Klaus Groth so zu schimpfen. Man muss aber nicht etwa glauben, dass man nur die Sprache der russischen u; 's. W Juden so benennt, obgleich diese es fertig gebracht haben, in unbewusster knechtischer Unterwürfigkeit den Schimpf im eigenen Munde weiterzugeben, nein, jeder Dialect, dessen sich Juden in ihrer Besonderheit bedienen, hat sich das in gleicher Weise gefallen zu lassen. Der Naturforscher, der doch am wenigsten geneigt sein sollte, die organische Fortbildung einer Sprache mit dem Radebrechen und Kauderwelschen ungeübter Ausländer gleich zu benennen, hat dies nicht beachtet, wenn es sich um Judendialecte handelte. So nimmt Wilhelm Geiger in seinem und Kuhns so hervorragenden Grundrisse der iranischen Philologie durchaus keinen Anstand, das Judenpersisch regelmässig als Jargon zu bezeichnen, obwohl er in dem gleichen Absätze die Alterthümlichkeit dieser Judensprache:und deren vielfache Berührung mit dem Paazand durchaus zugestehen muss. Und es wird ihm nicht einen Augenblick einfallen, die ähnlichen Mundarten der Parsen in gleicher Weise anzurufen. Darum kann man auch nicht etwa der Vermuthung Platz geben, dass die Bezeichnung Jargon für das Jüdis.ch-r Deutsche etwa nur einer einem Philologen nicht wohl an-

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