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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Beruria
Date
1901-12-06
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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— 15 — „Beruria!Ä ruft bestürzt der Rabbi aus, Und schlimme Ahnung wird im Herzen rege. „Ein fremdes Gut behalten ist Verbrechen. Was Dir vertut ist, das ist heilig Gut. Du musst es seinem Herren wiedergeben!* „Du sagst die Wahrheit, Vater!" spricht das Weib, Und Thränen drängen sich in ihre Augen. „Nun komm' und sieh Dir die Juwelen an Und hilf mir, ihrem Herrn sie wiedergeben!" Und fasst mit starrer Hand des Mannes Rechte Und führt den Rabbi hin zur Lagerstatt Und zieht mit starrer Hand das Linnen weg: „Hier die Juwelen — Gott will sie zurück!--" Ein wilder, weher Schrei dröhnt durch die Stube. Der Rabbi wirft sich über seine Söhne: „O meine Kinder, meine theuren Kinder. Licht meiner Augen, Wonne meines Lebens! Mein Licht erloschen! Meine Wonne todt!--" Und laut aufschluchzend rauft er seine Haare... Da legt sein Weib die Hand auf seine Schulter Und spricht: „Steh* auf! Sprachst Dunichtselbstsoeben: Was Dir vertraut ist, das ist heilig Gut, Du musst es seinem Herren wiedergeben?" ... Der Rabbi richtet langsam sich empor Und schaut sie an. Durch dunjkle Thränenschleier Blickt sie in seine Augen. Alle Güte Und alle Treue liegt in diesen Blicken Und jedes Glück und jeder Schmerz der Liebe. Und lange sahen sie sich schweigend an. Dann ruft der Rabbi aus: „Du jüdisch Weib! Du Weib der Kraft, der Grösse und der Liebe! Der Dich mir gab, er sei gebenedeit! Wem solch ein Weib ward, der ist reich gesegnet: Ihm ist ein Trost in jedem Herzeleid, Ihn schreckt nicht Armut, schreckt nicht Noth, nicht Tod, Er fürchtet nicht der Hasser Kriegsgeschrei, Ihn schreckt kein Schwert, ihn schrecken keine Flammen!" Dann weinten sie noch lange still mitsammen. Berlin« Berthold Feiwe 1, Wer spricht Jargon? Wenn die national-jüdische Partei eine Wiederbelebung des jüdischen Volksgeistes als nothwendige Ergänzung einer politischen Wiedergeburt Israels ansieht, und wenn nur eine jüdische Cultur unserem Nationalwesen in Zukunft bleibenden Wert verleihen kann, so gewinnt die nationale Sprache als Trägerin dieser Cultur die denkbar grösste Bedeutung. Nicht als ob die Sprache ein Kennzeichen der Zugehörigkeit zu irgendeinem Stamme wäre, oder als ob sie gar ein noth wendiges Merkmal einer Nation sein müsste, aber sie bildet das nothwendige Verständigungsmittel zwischen allen Gliedern der Nation. Die Glieder einer Nation sind aber nicht nur die gerade lebenden Personen; sondern alle Generationen haben gleichen Anspruch, als stets vorhandene Theile der Nation angesehen zu werden. Die Sprache muss daher auch ein Verständigungsmittel zwischen allen Geschlechtern des Stammes sein, wenn sie von nationalem Werte sein soll. Aus diesem Grunde kann kein anderer Dialect als nur die alte Muttersprache als Nationalsprache angesehen werden. Wenn wir daran denken, einst im Heimatlande unserer Ahnen das Land unserer Enkel zu erblicken, so müssen wir beizeiten Sorge tragen, unseren Nachkommen die hebräische Sprache als Erbtheil zu hinterlassen. Nicht weil die classische Literatur der Juden in dieser Sprache geschrieben, oder weil sie religiösen Erwägungen besonders theuer ist, müssen wir sie als N a t i o n a 1 spräche pflegen, sondern weil sie mehr als alles andere den historischen Zusammenhang zwischen den frühesten und spätesten Geschlechtern unseres Volkes darstellt. Freilich ist der momentane Wert, den das Hebräische für das nationale Judenthum hat, wenigstens in Mitteleuropa, von geringerer Bedeutung als die Kenntnis der jüdischen Geschichte und der jetzigen Zustände unseres Stammes. Aber diese Augenblicksschätzung darf nicht für die dauernde Bewertung massgebend sein. Nur für die jetzige Lage hat in unseren Ländern die hebräische Sprache minderen Wert. Wir würden heute durch eine ausgiebige Pflege des Hebräischen eine unnöthige und nutzlose Kraftvergeudang uns zuschulden kommen lassen, die wir nicht verantworten können. Erst müssen wir durch innere Begeisterung unsere Stammesbrüder in Deutschland und den mit ihm historisch zusammenhängenden Ländern wieder zu uns zurückgeführt haben, ehe wir uns mit dieser schwierigsten Culturaufgabe abgeben dürfen. Inzwischen muss uns die jüdische Geschichte ersetzen, was uns die Sprache nicht leisten kann. Ganz anders liegt das Verhältnis in denjenigen Ländern, in denen bisher in weiteren Kreisen keine Entfremdung vom nationalen Wesen der Judenheit stattgefunden hat. Wenn wir Osteuropa betrachten oder unseren Blick auf den Orient werten, so sehen wir, dass eine unmittelbare Pflege des nationalen Idioms weder ausser dem Bereiche der Möglichkeit noch der Nützlichkeit liegt. Eine intensive Pflege des Hebräischen ist das Gegebene für die Juden des Ostens und Südens, während diese Zeit für uns noch nicht gekommen ist. Wir haben vorderhand noch den Kampf gegen die Assimilation in allen Formen zu verfechten und dem Irrthum entgegenzutreten, als ob das einzelne Individuum das Recht hätte, sich „zum Ausleben" seines Selbst aus der Gesammtheit auszuschliessen. Dagegen ist im grossen und ganzen diese Gefahr im Osten nicht vorhanden. Ausserdem erwächst uns dort ein wertvoller Bundesgenosse in dem Umstände, dass eine Pseudo- N a ti on a 1 spräche den Stammessinn in eine greifbare Form fasst. Diese Pseudo-Nationalsprache mag zum Hebräischen in einem Verhältnisse stehen, wie eine aufgeputzte Vogelscheuche zu einem munteren Mädchen, aber wenn sie nur den einen Zweck erreicht, lästige und schädliche Vögel zu verscheuchen, soll sie uns schon recht und willkommen sein. Und diesen Zweck einer Vogelscheuche erfüllen die verschiedenen „Jargon' genannten Dialecte vollauf. Freilich werden wir nie vergessen, dass sie selbst ein Stück historischer Angleichung an die Umgebung, das heisst Assimilation, bilden. Es ist nämlich eine merkwürdige Thatsache, dass in regelmässiger Wiederkehr die Juden aller Länder und Erdtheile dazu gekommen sind, aus der jeweiligen Landessprache heraus sich einen besonderen jüdischen Stammesdialect in alterthümeinden Formen zu bilden. Man hat dies auf den conservativen Sinn der Juden zurückgeführt. Mit Unrecht! Denn dieselben, welche diesen conservativen Sinn bei den Juden hervorheben, behaupten auch, dass es keine Revolution gäbe, welche nicht von den Nachkommen der Hebräer direct oder indirect angestiftet worden sei. Vielmehr liegt der Grund zu der Bildung dieser jedesmal sich durch Alterthümlichkeit auszeichnenden Dialecte in der regelmässig erfolgenden socialen Abschliessung der Juden von der übrigen Landesbevölkerung. Auch andere von der grossen Sprachgenossenschaft räumlich oder social getrennte Volkssplitter haben noch immer viele Alterthümlichkeiten der Sprache bewahrt, welche das Volk sonst schon aufgegeben

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