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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Von unserer Lebensnoth
Date
1901-12-06
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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— 14 — andere Freude kannte der Jude nicht. Alles was ihn darin förderte und unterstützte, ergriff er, alles was ihn stören konnte, schob er zur Seite. Er heiratete nicht, um Liebes¬ und Familienfreuden zu gemessen, denn dem darauf gerichteten physischen Triebe schenkte er keine Beachtung oder er drängte ihn als sündig und eitel zurück. Die Ehe war die Erfüllung eines göttlichen Gebotes, sie sollte ihn vor Unregelmässigkeit und Ablenkung schützen. Das Körperliche weicht zurück und verfällt aus Mangel an Luft und Licht und Bethätigung, und der Geist breitet sich übermächtig und krankhaft aus. Der Jude war nicht mehr Mensch mit menschlichen Bedürfnissen, er wurde zu einem Schemen, zu einer wirklichen Unwirklichkeit. Als die Mauern des Ghetto fielen, wurden dem Juden die Lebens- und Genussmöglichkeiten der anderen geboten, aber er ergrriff sie nicht, er gieng an ihnen vorbei. Der ererbte Spiritualismus war zu stark, der Sinn fürs Leben zu abgestumpft. Er hascht wieder nach den abstracten, leblosen, zum Theil unwirklichen Freuden an Macht und Ansehen und Ruhm. Das Leben umgibt ihn von allen Seiten und zwingt ihn, es zu beachten. Es ergreift ihn die Sehnsucht, die Freuden, die die anderen dem Leben abgewinnen, auch selber mal zu verkosten. Doch er versteht dies nicht, oder er versteht dies nicht genug, und diese Sehnsucht macht ihn nur irre in seinem anderweitigen Streben. Die gesunde thierische Freude an dem blossen Dasein, an dem blossen Mangel an Schmerzen und an den kleinen, alltäglichen Genüssen fehlt ihm. Es ist kein Jude zufrieden, wenn ihm ein Leben, in dem er gutes Essen und Trinken, ein schönes Weib und kein Unglück hatte, beschert wurde. Wenn er in sich nur einen Funken von Begabung spürt, so hält er sich des Grossen, ja des Grössten würdig und strebt darnach mit allen ihm zugebote stehenden Mitteln, wechselt und wirft sich auf alle Gebiete, wo er es nur zu erlangen glaul t. Der Tag ist ihm verloren, an dem er nicht eine grosse Freude erlebt, einen grossen Nutzen geschaffen hat. Ah^r nicht jeder ist zur grossen Freude und zum grossen Nutzen berufen. Daher das Unruhige, Neivöse, Unzufriedene und Ironische am modernen Juden. Daher die vielen verfehlten, zerstörten, unglücklichen Existenzen. Daher auch dieses Misstrauen, mit dem er jeden Eifolg und Genuss analysiert, ob er schon wirklich das oder eine Stufe oder ein Theil dessen ist, was er erstreben will. Diese Analyse raubt ihm auch das Mass der Freude, das in dem Genüsse und Erfolge wirklich enthalten ist. Es fehlt das gesunde Mittelmass. Das innere Wollen und Können stehen in keinem richtigen Verhältnisse zueinander. Wenn ein geniales Wollen und Können an äusseren Hindernissen zerschellt, so wird zwar eine zerstörte Existenz geschaffen, es liegt aber darin nichts Abnormes. Bei uns zerstört schon der Dilettantismus Existenzen und lässt sie ihren Beruf verfehlen, und dies ist nicht Ausnahme, wie bei den anderen, sondern es ist Regel. Alexander Hausmann. Beruria. Solch' einen Sabbath sah man lange nicht, Es war ein Tag voll Schönheit und voll Licht. Nun neigte sich sein Glanz dem Ende zu. Die letzten Sonnenstrahlen flogen mahnend Ins Schulhaus, wo dem Ruhetag zur Weihe Der weise Rabbi Me'ir Schule hielt. Des Rabbi Wort war schön wie nie zuvor, Es zog wie süsser Harfenklang ins Ohr. Des Rabbi Weisheit war wie Gold so klar Und seine Frömmigkeit wie Felsen stark. Und Keiner war dem Weisen zu gering, Dass er das fromme Fragen ihm verwehrte. Sein Wort war jedem, der darnach begehrte. Und sieh/ — indes die lernbegier'ge Schar Mit ihrem Meister Wechselreden tauschte Und seiner Lehre wissenstrunken lauschte, Zog von den Bergen still die Nacht herab. Und dunkel ward's im Saal. Sie merkten's nicht: Des Rabbi Wort war schön, wie nie zuvor Und flammte auf wie morgenhelles Licht. Am Sabbath-Abend, da der weise Rabbi Im Schulhaus Geist und Sinn des Lebens lehrte, War in sein eig'nes Haus der Tod getreten. Zwei Söhne hatte Me'ir, jung und schön: Am Sabbath-Mörgen bltitenweiss1 und roth, Am Sabbath-Abend fällte sie der Tod. Die Mutter sah den Tod durchs Zimmer geh'n. Die Mutter sah, wie jäh die zwei erblassten, Wie Fieberschauer ihre Körper fassten Und wie die jungen, wilderschreckten Augen Im heissen Kampfe mit dem Tode brachen. Und zitternd, stöhnend, jammernd, schreiend, Nahm sie der Söhne Hände in die ihren, Den Kindern von dem eig'nen warmen Leben Die letzte Glut, das letzte Blut zu geben.-- Die Hände, die sie fasste, waren kalt. Da presste sie die Zähne aufeinander Und faltete die Hände zum Gebete. Nicht eine Thräne feuchtete ihr Auge. Indes sie all das namenlose Leid, Die unsagbaren Schmerzen alle fühlte, Indes das Weh ihr Mutterherz durchwühlte, Stand sie, gleich einem Bildnis, unbeweglich Und sah mit heissen, thränenlosen Augen Auf ihre jungen, bleichen, todten Söhne. So stand sie Augenblicke stumm und starr. Da plötzlich, durch das Dunkel ihrer Schmerzen Zuckt der Gedanke an den Mann, an Meir, Der jetzt und jetzt die Thüre öffnen musste. Sie fasst die todten Söhne, bettet sie Aufs weisse Lager, breitet über sie Ein weites Linnen, das die Körper deckt Da tritt der Rabbi durch di,e nied're Thüre. Sein Antlitz strahlt: „Wo sind denn uns're Söhne?" „Sie waren doch bei Dir im Schulhaus, Vater?* Sie sagt es leise und die Stimme zittert. „Ich hab' sie in der Schule nicht geseh'n!" „Dann werden sie wohl in der Ga^se stefe'n." Und zitternd trägt sie Licht und Wein zum Rabbi, Der still vollzieht die Weihe der Habdala. Das Licht verknistert. . . Wieder fragt der Rabbi — Durch seine Stimme klingt verhalt'ne Angst — „Was sie so lang' nur in der Gasse sind?" „Ach, mach' Dir keine Sorge, iss und trink!" Der Rabbi schneidet an das weisse Brot Und spricht den Segensspruch mit leiser Stimme. Doch plötzlich hebt er seine Augen auf Und blickt auf's Weib, das jäh die Augen senkt. „Wahrhaftig, Weib, ich habe Angst um sie, Und dann — Du selbst—Du scheinst mir so verstört.. .* „Ich? Nein — nicht doch! — Das heisst, es könnte sein — Es ist mir heute etwas widerfahren — Ich weiss — ich weiss nicht Rath, gib Du ihn mir: Vor wenig Tagen brachte mir ein Mann Ein Kästchen — das gefüllt war mit Juwelen — Und bat mich, ihm das Kästchen zu verwahren. Nun kam er heute.--Ach ich wusste nicht," — Die Stimme zitterte, da sie so sprach — „Dass er so bald — so plötzlich kommen werde. — Sag' Rabbi — muss ich ihm das Kästchen geben?* „Mein Weib, der Zweifel ist allein schon Sünde!" „Doch liebt' ich die Juwelen gar so sehr -— —a „Wenn auch, sie waren immer sein, nicht Dein." „Sie waren mir so wert — vielleicht auch Dir--"

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