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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Eine Krankengeschichte
Date
1901-12-06
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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neues Leben wird dort erspriessen, der Stamm wird gesunden, neue Aeste werden sieh bilden, die Früchte tragen . . . So sprachen wir dem Kranken Trost zu, als sich der erste Schmerz gelegt hatte. Am ersten Congresse in Basel war es, da wir das Consilium veranstalteten. Das hofihungsfreudige Trosteswort bekam Flügel. Es flog hinaus in die Niederungen Galiziens, in die Steppen Russlands, immer weiter drang es, nach Nord- und Südamerika, nach Algier und Kleinasien. Freudig wurde es vernommen, ein hunderttausendfaches Echo schallte zurück: Wir wellen gesund werden! Wir wollen gesund werden! Was war das für ein belebendes, erquickendes Woit! Wir berauschten uns an demselben, immer und immer wieder bauten wir Zukunftspläne, Wir sahen den Kranken erleichtert athmen, das fahle ßlass wich einer sanften Rothe, die Augen,, die bis dahin matt und glanzlos waren, blickten heller, der Puls gieng rascher, der starre Krampf in den Fingern löste sich, es gieng ein Beben durch den Körper, und etwas wie Hoffnungsfreudigkeit malte sich in den verfallenen Zügen. Der Wille zum Leben war erwacht, und damit hatten wir schon sehr viel erreicht. Der Gesundungsproce^s war nicht mehr unterbunden und konnte ungehindert seinen Weg nehmen. Die vom Krankenlager entfernten Curpfuscher, die bis dahin nach alter Badersitte ihre gottverlassenen Mittel, als da sind: Blutegel, Schröpfköpfe, Aderlass, Kräuterleiri, Mixturen und Pflaster angewendet hatten, sahen verblüfft zu. Ihre Reputation stand auf dem Spiele. Schwindel, nichts als Schwindel! schrien sie. Unsere Behandlung war die beste. Kommt einmal ein besseres Lüfter], das den antisemitischen Bacillen den Garaus macht, wird der kranke Volksstamm, der eigentlich nur eine Religionsgemeinschaft ist, wieder gesund. Als sie aber sahen, dass die kranke Religionsgemeinschaft von ihnen nichts mehr wissen will und ihre Arzneien mit Lkel zurückweist, wandten sie sich schmollend ab und erklärten, abwarten zu wollen. Wir Hessen uns indes der schweren Arbeit nicht ve.driessen und schickten Kundschafter an den neuen alten Curort, liessen uns berichten, wie es dort aassehe, erfuhren zu unserer Freude, dass dortselbst alle Bedingungen für die Reconvalescenz gegeben seien, berechneten die Reisekosten und giengen frischen Muths daran — man verzeihe uns die prosaische Gesinnung — die Geldmittel für Reise und Aufenthalt zu beschaffen. (Nebenbei gesagt: Diese Geldmittel sind dank der Opferfreudigkeit des Kranken und der Aerzte selbst zum grossen Theile schon gesammelt.) Damit wäre eigentlich die Krankengeschichte zu Ende. Aber, wie ich bereits eingangs meiner Rede sagte, die abgedankten Bader fragen mit heuchlerisch-unschuldiger Miene : „Was schreibt denn Ihr Patient aus dem Curorte? Ist er schon ganz ges «nd?" Nun denn, die Frage bringt uus in keine Verlegenheit. Wir antworten gelassen, wie Männer, die ihres Erfolges gewiss sind: „Wir halten noch nicht so weit." Es ist wahr, in dem ersten ungestümen Drange,- zu helfen, glaubten wir, schon in aller-' nächster Zeit den Patienten an die frische Luit schicken zu können, aber je mehr wir uns mit ihm beschäftigten und an unserem radicalen Heilmittel studierten, umsomehr lern en wir, bedächtig zu handeln. Der Curort war für die Aufnahme des Kranken noch nicht bereit, und unglücklicher- oder glücklicherweise war der Kranke noch gar nicht transportabel. Beides kann zu gleicher Zeit betrieben werden: die Erlangung des ersehnten Ort$s und die Förderung der Transportfähigkeit. Ersteres wird durch diplomatische Arbeit bewerkstelligt, wir wissen sie in guten Händen; an letzteres legen wir alle rüstig Hand an. Wir suchen nach besten Kräften, das geistige, culturelle und materielle Befinden des Kranken zu stärken. Wir müssten uns ein hundertstrophiges Lobbed singen, wollten wir hier erzählen, was wir au Klein- und Heimarbeit in dieser Beziehung bis heute geleistet. Wir haben in die Adern der Jugend frisches Blut gegossen, sie ist nun muthig, treu und stark; wir haben das moralische Bewusstsein des Kranken gehoben, wir haben die einzelnen Theile einander nähergebracht, wir standen und stehen überall helfend zur Seite, wo es gilt, Schmerzen zu lind» rn. Wir haben die jüdische Vergangenheit, die heldenmüthigen Makkabäer der Vergangenheit entrissen, damit das kranke jüdische Volk aus der Erinnerung an die Heroenepoche Muth und Kraft für Gegenwart und Zukunft schöpfe, wir haben der in staubige Folianten versunken gewesenen heiligen Sprache neues Leben eingehaucht., wir haben die Jungen gelehrt, die Glieder zu recken und zu strecken und den Kopf hoch zu tragen auf geradem Rücken. Wir sehen aus alten Ruinen neues Leben erblühen . . . Es kamen dann freilich manche, die da sagten, diese Kleinarbeit allein werde die Kranken gesund machen. Sie riethen, zu den bisherigen Mitteln noch ein politisches Tränklein zu verschreiben, und glaubten damit den Heilungsprocess vollenden machen zu können. Ob sie es ehrlich meinten oder nicht, darüber, wollen wir heute mit ihnen nicht rechten — wir sind von der Erfahrung viel zu sehr gewitzigt, als dass wir uns von dem von uns betretenen Wege ablenken Messen, um einen Seitenpfad einzuschlagen, der uns trüber oder später wieder in den Sumpf führen muss. Mit Sittensprüchlein und Moralglauben heilt man keinen Kranken, denn der Kranke muss krank bleiben, ob man ihn nun kleinmüthig eine Religionsgesellschaft oder mit schlecht angebrachtem Hochmuthe eine — Nation n^nnt. So lange man ihm nicht neue Lebensbedingungen schafft, ein neues sociales, culturelles, sittliches Milieu gibt, auf eiMen Boden versetzt, der ihm iigen ist, ihm Brot und Wasser liefert, bleibt er krank, wenn er sich auch hundertmal in die eingefallene Brust wirft und ruft: „Ich bin eine Nation!" Das ist unsere felsenfeste Ueberzeugung, und nach dieser handeln wir, arbeiten wir, rastlos, unverdrossen, bis wir dort angelangt sind, wo die völlige Gesundung eintreten muss. Spruch vom Abenl Du musst die Wolken wandein seh'n Und an Gottes Hände denken, Und wie sie von gold'nen Gnadengeschenken Ueberfliessen im Stillesteh'n. Doch auch von ihrem starken Zorn Und air ihren .Finsternissen Musst Du ahnend wissen: Darum sprach Gott aus dem Dorn. So trink den Wein und brich das Brot, Das Herz voll schauersüsser Wonne; denn sieh', — ein Büsser Bist Du nur zum nächsten Morgenroth. C ami 11 Hoffmann, Zur Psychologie des Parteiwesens. Von Dr. 0. Thon. Von den mancherlei Gegensatz-Paaren, unter denen menschliche Vergesellschaftung vor sich geht, weist das Paar: „Ueberordnung — Unterordnung" zweifellos die grösste Fülle von Verwirklichungen auf. Vielleicht gibt es schlechterdings keine Bindung von Mensch zu Mensch, in der nicht von der einen Seite Ueber-, von der anderen Unterordnung — wenn auch nur häufig aus einem ganz versteckten Winkel der Seele heraus — zum Vorschein käme. Freilich haben wir es hier mit einer geradezu unübersehbaren Scala von Abstufungen zu thun : Von der Vergewaltigung einerseits und der Angst andererseits bis zur nicht recht empfindbaren Beeinflussung auf der einen und der leisen Hingabe der Seele auf der anderen Seite. Soweit aber diese Abstufungen auch auseinandergehen mögen, sowohl in Bezug auf die seelische Intensität, als auch in Bezug auf den psychologischen Ton — das ist ihnen allen gemeinsam, das in ihnen allen ein Führen und Geführtwerden, ein Einwirken und Nachgeben stattfindet Es ist nun merkwürdig, dass die Unterordnung des Individuums in unserer Zeit ausgeprägter Individualisierung ungleich häufiger und vielfältiger ist, als in anderen Perioden der Geschichte. Bei aller äusseren — auch politischen — Unfreiheit, war doch die Einzelseele niemals mit so vielen Fäden an die verschiedensten socialen Kreise gebunden, als heute in einer Zeit äusserer Freiheil und unerhört intensiven Freiheitsstrebens. Es ist eine Zusammensetzung der zwei äussersten Gegensätze: der grösstmöglichen Freiheit mit der grösstmöglichen Gebundenheit. Indessen 3öct sich dieser Widerspruch auf, wenn man nur den Begriff der Freiheit in socialem Sinne präciser fasst. Freiheit ist nämlich gar nicht ein Synoym von Ungebundenheit. Ebenso ist „nicht Bindung überhaupt, sondern die an einen individuell bestimmten Herrn, der eigentliche Gegenpol der Freiheit/ wie Simmel — „Philosophie des Geldes" — sehr richtig hervorhebt. Der Vasall des Mittelalters war frei, weil er sich seine Herren wählen konnte; der Unfreie war es nicht, weil er sozusagen auf die individuelle Bestimmtheit seiner Bindung keinen willenmässigen Einfluss üben konnte. Darum eben widerspricht unsere seelische Gebundenheit nicht der allgemeinen Freiheitsempfindung und Freiheitstendenz unserer Seele, weil wir die vielfachen Bindungen mit Willen und Bewusstsein eingehen oder — wie der geläufige Sprachgebrauch schon die „Freiheit" mit in die Combination einbezieht — weil wir uns „freiwillig* binden Ein classisches Beispiel für die moderne Unterordnung des Individuums, die, weit entfernt, die Freiheit der

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