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Die Welt · 1901-12-06 · 49 (6.12.1901) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
49 (6.12.1901)
Article
Heimatsmäre
Date
1901-12-06
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Heimatsmäre. In dem schönen, fernen Lande, Das der Gottheit Spuren trägt, Geht mit bangem Bück am Strande, Das Gesicht vom Schmerz zersägt, Schon viel tausend, tausend Jahre Dort ein Jude hin und her, Blütenweiss die wirren Haare, Dürr der Arm, die Füsse schwer. Wenn die Frühlingslaute klingen Und die Vögel nordwärts zieh'n, Holt er aus der Brust ein Singen, Lässt es in die Ferne flieh'n; Trägt die nackte Brust entgegen Dem ersehnten, warmen Licht, Streckt die Hand nach fremden Wegen, Bis der Schmerz sein Sehnen bricht. Wenn vom Firn die Gipfel strahlen, Tiefumflammt vom Abendroth, Ihre stillen Farben malen, Ringsum starrend, Eis und Tod, — Horch: Da kommt's mit rauhen Tönen Aus der breiten braunen Brust, Unter Seufzen, unter Stöhnen : ,Vater! — Kinder! — Meine Lust! —a Sommer war's, und auf den Hügeln Lag das Leben, lag das Licht, Und mit seinen bunten Flügeln Prunkt so mancher lose Wicht. Auf dem Berge stand der Alte, Schaute still ins Meer hinaus, Wo von fern ein Singen hallte-- Bange bebend — dann war's aus. Aber nun auf tausend Schiffen Kamen sie dem Lande zu, Und es scholl von allen Riffen, Selbst der Stein vergass die Ruh', Gab mit donnernd-hellen Tönen All das Jauchzen froh zurück. Und mit Farben, wunderschönen Prangt das Meer im Mutterglück. Doch von weissen, blauen Blüten Wehte her vom nahen Land Eine Wolke — es erglühten Roth die Rosen an dem Strand. Oben starb der weisse Alte, Frühlingsstark, die Sonn' im Blick, Ohne Furcht, ohne Falte Gab er sich dem Staub zurück: Denn gestorben war das Sehnen Und versiegt das alte Leid, Süss gestillt die Heimatsthränen — Alles lag voll Heiterkeit, Und mit weichem, warmem Qualme Stieg der Rauch zum Herrn empor, Und es neigten sich die Halme, Und es lauschte jedes Ohr. Wien. M ax E i s 1 e r. Eine Krankengeschichte. (Fragmentarisches aus einer Chanuka-Festrede.) Von Dr. Philipp Menczel. . . . Wer schlecht zahlt, mahnt oft. Gerade von jenen Leuten, die zeitlebens dem jüdischen Volke das schuldig geblieben sind, was sie ihm zu geben wohl verspiochen haben und noch heute täglich in Aussicht stellen: Emaucipation, Freiheit, Gleichberechtigung, Ehre und Ansehen, von jenen Leuten werden wir Zionisten immer wieder gefragt, höhnend gefragt, wann wir das jüd'sche Volk heimfübren, oder, wie sie sich geistreich auszudrücken pflegen, wann wir „gen Jerusalem ziehen". Sie thun so, als ob wir ihnen einen auf Sicht zahlbaren Wechsel unterschrieben hatten, den sie uns nun nach Belieben zum Einlösen präsentieren können. Die „nicht erfolgte Zahlung" vermerken sie in ihren Blättern, und wenn irgendwo von einem türkischen Einwanderungsverbot die Rede ist, flugs sind sie bereit, den politischen Zionismus für eine abgethane Sache, für einen todten Leichnam zu erklären. Glücklicher Weise gewährt uns auch der Rigor popularis, der noch weil gestrenger ist, als der Rigor cambialis, die Einwendung der Unechtheit des Acceptes. Wir haben niemals einen Wechsel auf Sicht unteischrieben, wir stellen ganz entschieden in Abrede, jemals den Termin bestimmt zu haben, an dem das Erlösungswerk vollbracht sein wird, und setzen schliesslich dem Todtenschein das allerenergischeste Dementi eines Lebenden entgegen . . . Wir leben und befinden uns den Umständen angemessen wohl. Diese Umstände sind jedoch nicht in der zionistischen Partei als solcher, in der Activitas derselben zu suchen, sondern im jüdischen Volke selbst. Als wir vor wenigen Jahren an die Arbeit giengen, fanden wir einen arg zerrütteten Orgai>ismus vor, einen Volkskörper, der von Quacksalbern und Curpfuschern arg zugerichtet und an tausend Stellen mit Schwären und Wunden bedeckt war. Bei diesem Anblicke wurden wir vorerst von tiefer Trauer erfasst, ein tiefes unfassbares Weh ergriff uns und in bewegten Worten schilderten wir unser Leid. Es war in jenen unvergesslichen Tagen, an denen wir unser Herz ausschütteten, uns gegenseitig bedauerten und bewt inten. Gewiss, wir waren damals nicht frei von sentimentalen Anwandlungen, wir jammerten mehr, als es stolzen Männern geziemt, aber man musste uns verzeihen. Das erste Erwachen war zu erschütternd. Schaudernd nahmen wir wahr, dass wir nahe daran seien, vom Ekel vor uns, selbst erfasst zu werden. Kann es etwas Schlimmeres für einen Menschen, für ein Volk geben, als sich seiner selbst schämen! Und wir schämten uns gründlich. Wir schämten uns, als wir jene jüdischen Bettlerscharen sahen, die den Osten Europas bevölkern, wir schämten uns noch mehr, als wir um uns und in uns blickten und jener Unsumme von Hochmuth nach unten, Servilismus nach oben, als wir jenes Mangels alles Volks- und Selbsbewusstseins gewahr wurden, wir verbargen uns vor uns selbst, als wir bemerkten, dass vieles an uns unecht sA: die angenommene Nationalität, die Sprache, das Umundum an Gultur, an Fühlen und Denken. Wir saheu das Meer von Armut, Elend und Verzweiflung, in dem unsere Brüder zu ertrinken drohten, auf der eii.en und den tiefen Sumpf, in dem die westliche Judenheit steckie, auf der anderen Seite, und was uns noch mehr schmerzte, wir sahen Resignation oder ungeschicktes Umsichschlagen, jedoch keine energische zielbewusste Arbeit zur Errettung! Une als wir genug geweint ha ten, trockneten wir jasch unser Antlitz, wischten die Thränen aus den Augen und giengen ans Werk. Wir wollen Dich gesund machen, sprachen wir zum Kranken, zu uns s lbst. Du bist schwer krank, viele Eiterherde bereiten Dir Schmerzen, aber das Herz ist gesund und das Blut rein. Wir haben grosse Pläne, die wir bald zu verwirklichen hoffen. Nichts ist schwer. Menschengeist und Menschenhand, noch mehr aber Menschenwille vermag alles. Unseres Bleibens ist hier nicht lange. Hier wird uns aller Ozon aus der Luft genommen, tausend Krankheilserreger sind da, die unseren Organismus erfassen, den Leib siech und morsch, widerstandsunfähig machen. Unser Stamm wurde in fremde Erde getragen, während die Wurzeln daheim blieben — was Wunder, wenn sich der Wurm einnistet und an unserem Lebensnerv frisst! Tratren wir ihn wieder dorthin, wo ihm die Lebensbedingungen gegeben sind

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